Das Hörspiel ist eine Kunstform, die das Radio hervorgebracht hat. Immer noch entstehen die meisten Hörspiele in den Produktionsräumen der öffentlich-rechtlichen Radiosender. In mehrwöchiger Gemeinschaftsarbeit erwecken hier Regisseur, Techniker und Schauspieler das Manuskript des Autors zum Leben. Dank Technik und Menschen, die sie fachmännisch bedienen, entstehen hier höchst reale Welten außerhalb von Raum und Zeit. So kommt es, dass der London Airport auf einmal in Baden-Baden liegt oder mitten in Köln der Hamburger Fischmarkt.
Am Anfang jedes Hörspiels steht also das Manuskript. Hat das Produktionsteam, meist bestehend aus Regisseur, Regieassistenten, einem oder mehreren Tontechnikern und den Sprechern, die meist professionelle Schauspieler sind, das Manuskript gelesen, wird entsprechend der im Stück agierenden Personen ein Zeitplan aufgestellt: Welche Rolle muss wie lange im Aufnahmestudio erscheinen?
Auf der Grundlage dieses Zeitplans sucht die Besetzungsdisponentin passende Schauspieler für die einzelnen Figuren. Das geht nicht ohne jahrelange Branchenerfahrung und einer Unmenge von Kontakten in die ganze Welt. Schließlich muss unter Umständen ein Muttersprachler für eine ungarische Bahnhofsdurchsage gefunden werden. Oder ein Ur-Hamburger für eine authentische Fischmarkt-Szene. Also heißt es: telefonieren, telefonieren, telefonieren... und nicht die Nerven verlieren, wenn ein Termin zum fünften Mal umgestellt werden muss.
Sind alle Rollen besetzt, trifft sich das Produktionsteam zur Regiebesprechung im Studio. Hier werden alle Abläufe der Wortaufnahmen festgelegt: Wie kann man den Klang im Inneren einer über Kopfsteinpflaster holpernden Kutsche nachbilden? Welche Requisiten kommen zum Einsatz? Bei welchen Geräuschen spielen die Schauspieler gleich mit und welche werden nachträglich eingefügt?
Die Aufnahmen
Als nächstes müssen Probeaufnahmen der Schauspieler gemacht werden, um einzuschätzen, ob die Wege, die sie zurücklegen, sich gut über die Mikrofone abbilden lassen. Ist alles richtig eingestellt, werden die Texte der Schauspieler „trocken“ aufgenommen, das heißt, noch ohne Geräusche und ohne Musik – eine intensive Arbeit zwischen Regisseur und Schauspieler: der Regisseur gibt dem Schauspieler jenseits der Glasscheibe Anweisungen und spricht die Passagen des Gegenüber. Der Schauspieler muss sich vollkommen in den Text versenken, denn anders als bei Film oder Theater hat er hier kein Gegenüber zum „Anspielen“ und auch keine Kulisse. Einzelne Sätze müssen oft unzählige Male aufgenommen werden, denn dem Mikrofon entgeht nichts – kein Seiten-Umblättern, kein Kleider-Rascheln, nicht einmal ein Magenknurren.
Ist alles aufgenommen, schneidet der Tontechniker die vom Regisseur favorisierten Fassungen heraus. Was früher analog gemacht wurde (im Fachjargon „blutig“), geschieht heute digital mit cursor und Maus.
Zum Schluss mischt der Tontechniker die Sprachaufnahmen mit den in den Studioräumen nachgestellten bzw. am Computer generierten Geräuschen. Zur Verdichtung der jeweiligen Stimmungen wird an bestimmten Stellen die eigens komponierte Musik eingefügt. Trifft das so entstandene Klangkunstwerk auf Ohren eines geneigten Hörers, geschieht es eben, das kleine Wunder: Orte, klanglich behauptet, steigen vor unserem inneren Auge auf, sind einfach da.



