Owens vs. Long: Ein Duell mit Symbolkraft
Leben & Lifestyle

Owens vs. Long: Ein Duell mit Symbolkraft

Bild: Foto: Klaus Schönitzer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Deutschland, Sommer 1936: In dem von Adolf Hitler regierten Land finden die Olympischen Spiele statt – und die Mission ist klar. Die Wettkämpfe sind dieses Mal nicht unpolitisch, noch sollen sie die Nationen der Welt zusammenführen, wie es der Begründer der modernen Spiele einst vorgesehen hatte. Ganz im Gegenteil: Der Sport ist dem Diktator bloß ein Mittel zum Zweck. Unter seinem Deckmantel will Hitler gemeinsam mit Propagandaminister Joseph Goebbels eine gigantische Inszenierung der vermeintlichen Überlegenheit der arischen Rasse aufführen.

Deutschland, Sommer 1936: In dem von Adolf Hitler regierten Land finden die Olympischen Spiele statt – und die Mission ist klar. Die Wettkämpfe sind dieses Mal nicht unpolitisch, noch sollen sie die Nationen der Welt zusammenführen, wie es der Begründer der modernen Spiele einst vorgesehen hatte. Ganz im Gegenteil: Der Sport ist dem Diktator bloß ein Mittel zum Zweck. Unter seinem Deckmantel will Hitler gemeinsam mit Propagandaminister Joseph Goebbels eine gigantische Inszenierung der vermeintlichen Überlegenheit der arischen Rasse aufführen.

Schon wenige Monate zuvor haben die Nationalsozialisten einen sportlichen Wettkampf erfolgreich für ihre Zwecke missbraucht. Nach dem "Kampf des Jahrhunderts" zwischen den Boxern Max Schmeling und Joe Louis in New York feiern sie den Sieg des Deutschen über den Afroamerikaner, den Sieg von Weiß über Schwarz, als Bestätigung ihrer Politik. Genau so soll es auch bei den Spielen geschehen. Doch der Rassenwettstreit setzt sich nicht so fort, wie geplant. Denn ein Sportler aus Alabama macht der Propagandamaschinerie einen Strich durch die Rechnung. Sein Name ist James Cleveland "Jesse" Owens.

Olympiasieg unterm Hakenkreuz

Der 23-jährige Leichtathlet hat sich erfolgreich für die Teilnahme am Weitsprung-Wettbewerb qualifiziert – und nun, am 4. August, geht es um nichts Geringeres als die Goldmedaille. Sein schärfster Konkurrent: der Deutsche Luz Long. Mit seiner großen Statur, den blonden Haaren und den blauen Augen ist Long die perfekte Verkörperung des idealtypischen Ariers. Er ist Hitlers Mann.

Doch welche Chancen hat er gegen Owens? Immerhin hat der einen Tag zuvor bereits Gold im 100-Meter-Lauf gewonnen und gilt im Sprung und Sprint spätestens von dem Tag an als unanfechtbar, als er auf einer Sportveranstaltung in den USA binnen einer knappen Stunde fünf Weltrekorde brach. Long aber legt gut vor: Er springt 7,87 Meter, olympischer Rekord. Die nationalsozialistische Politikerloge jubelt – und Owens gratuliert dem Deutschen. Wenig später legt sich die euphorische Stimmung unter den Nazis jedoch schlagartig. Denn Owens springt weiter als Long: 8,06 Meter reichen für den Olympiasieg.

Geste der Freundschaft

Was dann passiert, gehört rückblickend zu den Höhepunkten der Olympischen Spiele 1936. Luz Long gratuliert dem nach der Rassenideologie angeblich wertlosen Schwarzen noch an der Weitsprunggrube zum Sieg. Beide umarmen sich, gehen lachend ein paar Schritte nebeneinander her – und bringen Hitler damit vermutlich zur Weißglut. Für diese Geste, so soll es in einem handschriftlichen Vermerk von Longs Mutter zu lesen sein, wird der Deutsche von der Führungsloge dann auch prompt gerügt: Von höchster Stelle bekommt er angeblich den Verweis "nie wieder einen Neger zu umarmen".

Owens zollte Long für seine Courage später Respekt: "Es kostete ihn viel Mut, sich vor den Augen Hitlers mit mir anzufreunden. Man könnte alle Medaillen und Pokale, die ich habe, einschmelzen, und sie würden nicht für eine Schicht über die 24-Karat-Freundschaft reichen, die ich in diesem Moment für Luz Long empfand."

Widmung für den deutschen Rivalen

Im Verlauf der Wettkämpfe gewinnt Jesse Owens noch zwei weitere Goldmedaillen und wird damit zum erfolgreichsten Athleten der Spiele. Doch vor allem die berührenden Szenen zwischen ihm und seinem deutschen Rivalen wirken dank ihrer symbolischen Strahlkraft bis heute nach. Die Freundschaft der beiden hält auch nach Olympia an, sie schreiben sich gelegentlich Briefe.

In sportlichen Wettstreit treten Long und Owens jedoch nie wieder: Owens, der in seiner ebenfalls von Rassenideologie durchtränkten Heimat für seine außerordentlichen Leistungen übrigens keine Glückwünsche vom damaligen Präsidenten Franklin Roosevelt erhält, hängt seine Amateurkarriere nach der Rückkehr in die Vereinigten Staaten an den Nagel.

Der Krieg verhindert schließlich, dass sich die beiden Sportler noch einmal privat treffen: Long stirbt 1943 bei einem Kriegseinsatz in Italien. Jesse Owens aber hält noch Jahre später die Erinnerung an seine Begegnung mit dem sportlichen Rivalen wach. Er eröffnet seine Biografie mit einer Widmung für seine Frau und Luz Long: "den Nazi, der Hitler mit mir bekämpft hat".

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite