Brasiliens erster Fußball-WM-Sieg
Am Ende klatschten selbst die schwedischen Zuschauer im Stockholmer Rasunda-Stadion Beifall. Und das, obwohl die eigene Mannschaft soeben das Finale um die Fußballweltmeisterschaft mit 2:5 verloren hatte. Aber zu groß war die Überlegenheit des brasilianischen Teams, zu schön anzuschauen die brillante Technik der südamerikanischen Zauberer um den Denker und Lenker Didi, der eigentlich Valdir Pereira hieß, als dass die schwedischen Zuschauer hätten erzürnt sein können.
Überraschend waren die Gastgeber zwar in der vierten Minute durch den beim AC Mailand spielenden Nils Liedholm in Führung gegangen. Die Antwort der Südamerikaner kam jedoch prompt: Halbstürmer Vavá glich in der neunten Minute nach einer Flanke des überragenden Rechtsaußen Garrincha aus und brachte sein Team in der 31. Minute mit 2:1 in Führung.
Zwar unterstützten die Zuschauer ihre Mannschaft weiterhin mit forschen "Heja, Heja"-Rufen, doch kein Beobachter hatte einen Zweifel, wer der künftige Titelträger sein würde. Ein ums andere Mal spielten die Brasilianer ihre Gegenspieler schwindelig und tauchten gefährlich vor dem Tor des 33-jährigen Kalle Svensson auf. Ratlosigkeit machte sich in der Abwehrkette der Skandinavier breit.
Ausgefeilte Technik, kluge Taktik
Mit dem Anpfiff des französischen Unparteiischen Guigue zur zweiten Halbzeit setzten die ballverliebten Kicker aus Brasilien vor den Augen des schwedischen Königspaars ihre Demonstration fort. In der 56. Minute gelang Jungstar Pelé ein Tor, das alle Beobachter in Verzückung versetzte. Didi flankte scharf nach innen, Pelé stoppte den Ball mit der Brust, ließ ihn vor dem verdutzten Gustavsson über das Knie abrollen, schlenzte ihn mit der Fußspitze über den Kopf, drehte sich – und versenkte die Kugel zum 3:1.
Schweden reagierte mit einer verstärkten Bewachung der brandgefährlichen Stürmer Garrincha und Pelé. Doch nun zeigten die anderen Spieler im Team von Trainer Feoloa ihre Klasse – und nach dem 4:1 von Zagallo gaben sich die Schweden geschlagen. Ihnen gelang zwar noch der Anschlusstreffer, doch erneut Pelé stellte den alten Abstand wieder her.
Neben den besseren Einzelspielern verblüfften die Brasilianer ihre Gegner mit einem neuen Spielsystem. Statt des klassischen Aufgebots mit drei Sturmspitzen, einer Abwehrkette aus Mittelläufer und zwei Verteidigern sowie dem "magischen Viereck" mit zwei Läufern und zwei Halbstürmern formierten sie sich im 4-2-4-System: Vor Torwart Gilmar fing eine Vierer-Abwehrkette mit Bellini, Orlando und den Santos-Brüdern die gegnerischen Stürmer ab, im Mittelfeld verteilte das Duo Zito und Didi die Bälle, im Sturm brachten Garrincha, Vavá, Pelé und Zagallo die Gegner ins Schwitzen.
Einen neuen Torschützenrekord stellte allerdings der Franzose Just Fontaine auf, der den Ball 13 Mal im gegnerischen Netz unterbrachte. Im Spiel um den dritten Platz, das die Franzosen gegen Deutschland mit 6:3 gewannen, traf er gleich viermal.
Pelé verzaubert die Massen
"A star was born" – in Schweden trat ein junger Mann ins internationale Rampenlicht, der in den nächsten Jahren die Herzen aller Fußballfans im Sturm erobern sollte. Mit 17 Jahren, in einem Alter, in dem andere Jungs an Tanzabende und Mopedfahren dachten, stand er bereits auf dem Fußballolymp: Edson Arantes do Nascimento, kurz Pelé, schaffte in Schweden den Durchbruch. Eigentlich war er nur als Ersatzmann mitgereist, doch der Ballkünstler, den viele als "schwarze Perle" oder den "Göttlichen" verehrten, wurde mit sechs Treffern der Erfolgreichste seines Teams. Pelé, 1940 in Tres Caracoes als Sohn eines nur mäßig erfolgreichen Fußballers geboren, schlug sich nach kurzer Schulzeit zunächst als Schuhputzer durch. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten am Ball blieben den Spähern der Fußballklubs aber nicht lange verborgen. Der Profiklub FC Santos verpflichtete Pelé als 15-Jährigen, mit 16 trug er bereits das Nationaltrikot. Der unbestritten als bester Spieler aller Zeiten geltende Pelé schoss in 1363 Spielen 1278 Tore. Mit dem FC Santos wurde er unter anderem elfmal Meister.
Rot für Juskowiak in der "Hölle von Göteborg"
Als "Schlacht von Göteborg" ging die Halbfinal-Partie zwischen Titelverteidiger Bundesrepublik Deutschland und Gastgeber Schweden in die Sportgeschichte ein. Mit 3:1 gewannen die Skandinavier das Match, das zunächst so verheißungsvoll für die deutsche Mannschaft begonnen hatte.
Vor 52.000 Zuschauern, die, von "Einpeitschern" dirigiert, ihr Team frenetisch anfeuerten, gelang dem Kölner Hans Schäfer in der 24. Minute das 1:0. Als bereits zehn Minuten später der umstrittene Ausgleich fiel, schallten die "Heja Sverige"-Sprechchöre noch lauter durch das Ullevi-Stadion von Göteborg.
Mit dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit durch den ungarischen Referee Istvan Zsolt wurde das Spiel härter. Der Düsseldorfer Verteidiger Ernst Juskowiak ließ sich in der 59. Minute zu einem Revanchefoul an Kurt Hamrin hinreißen. Der Schiedsrichter zückte die rote Karte und schickte den Deutschen, der wegen seines strammen Schusses den Spitznamen "Hammer" führte, in die Kabine. Später entschuldigte sich Juskowiak, der als erster deutscher Spieler bei einem Weltmeisterschaftsturnier vom Platz gestellt wurde, bei Trainer Sepp Herberger und seinen Mannschaftskameraden für den Platzverweis.
Die Partie im Göteborger "Hexenkessel" blieb hart. In der 75. Minute wurde der Kaiserslauterer Fritz Walter schwer gefoult. Sein 61. Länderspiel konnte der fast 38-Jährige nur noch humpelnd beenden.
Erst kurz vor dem Abpfiff fiel die Entscheidung: Gunnar Gren traf in der 80. Minute zum 2:1 für die Schweden, ehe Hamrin in der 87. den 3:1-Endstand herstellte. Angeheizt von Presseberichten nach dem Spiel kam es in der Folgezeit zu deutsch-schwedischen "Verstimmungen".
Die Teilnehmer
- Gruppe 1: Deutschland, Tschechoslowakei, Nordirland, Argentinien
- Gruppe 2: Frankreich, Jugoslawien, Paraguay, Schottland
- Gruppe 3: Schweden, Ungarn, Wales, Mexiko
- Gruppe 4: Brasilien, UdSSR, England, Österreich
Weltmeisterschaft 1958
- Viertelfinale
- 19.6. Frankreich – Nordirland 4:0 (1:0)
- 19.6. Brasilien – Wales 1:0 (0:0)
- 19.6. Deutschland – Jugoslawien 1:0 (0:0)
- 19.6. Schweden – UdSSR 2:0 (0:0)
- Halbfinale
- 24.6. Brasilien – Frankreich 5:2 (2:1)
- 24.6. Schweden – Deutschland 3:1 (1:1)
- Spiel um den 3. Platz
- 28.6. Frankreich – Deutschland 6:3 (3:1)
- Endspiel
- 29.6. Brasilien – Schweden 5:2 (2:1)
- Brasilien:Gylmar, Djalma Santos, Bellini, Orlando, Nilton Santos, Zito, Didi, Garrincha, Vavá (2), Pelé (2), Zagallo (1)
- Schweden:Svensson, Bergmark, Gustavsson, Axbom, Börjesson, Parling, Hamrin, Gren, Simonsson (1), Liedholm (1), Skoglund



