Reim dich oder ich fress dich!
Leben & Lifestyle

Reim dich oder ich fress dich!

Bild: Foto: Friedrich Gerstäcker (1816-1872), Public domain, via Wikimedia Commons

Hobbydichter und Schlagersänger brauchen sie unbedingt. Sprachgewaltige Lyriker und abgebrühte Werbetexter meiden sie, kommen in ideenlosen Zeiten aber manchmal an ihnen nicht vorbei: Die Rede ist von Endreim-Lexika, die zu Tausenden von Silben abertausend treffende Reime bieten. Wozu reimen, wenn keine Ideen keimen? Entweder man kann dichten oder man lässt es besser ganz bleiben, behaupten viele. Auf der anderen Seite gelten Endreim-Lexika als wichtige Arbeitshelfer für alle, die im Beruf oder Hobby mit Sprache zu tun haben, um Texte stilistisch aufzupolieren oder sie sogar witziger zu gestalten.

Hobbydichter und Schlagersänger brauchen sie unbedingt. Sprachgewaltige Lyriker und abgebrühte Werbetexter meiden sie, kommen in ideenlosen Zeiten aber manchmal an ihnen nicht vorbei: Die Rede ist von Endreim-Lexika, die zu Tausenden von Silben abertausend treffende Reime bieten. Wozu reimen, wenn keine Ideen keimen? Entweder man kann dichten oder man lässt es besser ganz bleiben, behaupten viele. Auf der anderen Seite gelten Endreim-Lexika als wichtige Arbeitshelfer für alle, die im Beruf oder Hobby mit Sprache zu tun haben, um Texte stilistisch aufzupolieren oder sie sogar witziger zu gestalten.

Der Reim muss dem Gedanken folgen

Keinesfalls darf zu kalauerhaft und zu weit hergeholt gereimt werden, sind sich solche Textschmieden einig, die Journalisten, Autoren und andere Texter ausbilden. Im Klartext: Es ist nicht im Sinne des Erfinders, zufällig zwei oder mehrere lustig klingende Reime herauszusuchen und sie mit anderen Worten zu Sätzen zu füllen. Auch wenn das Desaster gut zum Pflaster, gehassten Alabaster, dem geschassten Taster und dem verprassten Pilaster passt – dieser Reim stammt aus der Retorte. Die goldene Regel lautet: Der treffende Reim darf nicht zum Gedanken, sondern dieser muss zum Reim führen.

Ein altes, deutsches Kalenderblatt drückt diese Methode hervorragend aus: “Reime, aber fühle dabei. / Sag es in Versen, / Dichte! – Aber denke dabei.” – Das hätte selbst der gute Goethe wahrscheinlich nicht besser ausgedrückt.

Warum reimt man überhaupt?

Natürlich klingt ein Text besser, wenn er sich reimt. Das wissen Literaten vermutlich schon seit Erfindung der Schrift. Zum anderen gibt es noch einen weiteren simplen Grund: Gereimtes behält man besser im Kopf, meinte der Autor Karl Peltzer in seinem Vorwort zu “Der treffende Reim”. Derselben Meinung war der französische Schriftsteller Stendahl (1783-1842), von dem das folgende Zitat aus seinem Werk “Über die Liebe” stammt: “Die Verse wurden erfunden, um das Gedächtnis zu unterstützen”. Auf diese Weise lernen besonders die Jüngsten wichtige Weisheiten fürs Leben, z.B. “Messer, Schere, Feuer, Licht – sind für kleine Kinder nicht”.

Ausgewählte Reimlexika

Auch wenn Reimlexika unter Profi-Lyrikern verpönt sind und Endreime in der Welt der Dichter nur als niedliche Wortspielereien gelten: Die Kreativ-Stützen, die nahezu alle deutschen Ausdrücke von den Endsilben bzw. Stichsilben “-ab“ bis “-utzt“ auflisten, gibt es seit Jahrhunderten. Bereits der deutsche Poet und Sprachwissenschaftler Philip von Zesen beschäftigte sich ab 1643 mit deutschen Stichsilben. Zu den wichtigsten Reim-Nachschlagewerken heute gehören das “Reimlexikon” von Willy Steputat, das zweibändige “Allgemeine Deutsche Sprachlexikon” vom deutschen “Sprachpapst” Hans Magnus Enzensberger oder auch die bereits neunte (!) Auflage “Der treffende Reim” vom mittlerweile verstorbenen Karl Peltzer.

Was reimt sich auf Ferkel?

Bei einigen Endungen, sei es “-ung“, “-agen“, “-ator“ oder “-ent“, findet man entweder schon im Kopf dutzende Reime oder noch mehr Möglichkeiten in den Reimlexika: Die Währung mag die Mehrung, mit der Ernüchterung kommt oft die Verschüchterung und jede Zeitung braucht eine Leitung. Ähnlich einfach sieht die Reimlage bei “-agen“ aus: Mit einem Sportwagen lässt es sich auf der Autobahn leicht andere Kfz jagen, oftmals bereitet plagendes Befragen Unbehagen, und manchmal will man einen Geizkragen mit Stehkragen verklagen, weil der zu heftig zugeschlagen.

Genug gekalauert: Es gibt nämlich ebenfalls zahlreiche Wörter in der deutschen Sprache, bei denen man sich schwer tut, bevor einem ein passender Reim einfällt: Was reimt sich bloß auf Ferkel? – Tuberkel(-bakterien) und Nachnamen aus dem Polit-Business seien hier einmal ausgenommen...

Auch über den Mönch oder das Adjektiv lästig kann man brüten, bis die Birne qualmt. Beim Verbum “rümpfen” muss das Reimlexikon passen, ebenso mager sehen die Reimmöglichkeiten bei “ausbaldowern” aus. Und bei der Mischpoke fällt es wahrscheinlich auch dem kreativsten Limerick-Dichter schwer, ein gleichklangiges Wort zu finden. Immerhin passt zur “Gurke” der “Schurke” und der Jodler ist vielleicht auch ein Rodler – das war's dann leider auch mit den Stichsilben “-urke“ und “-odler“.

Ins Hirn gebrannt

Reime bleiben länger im Gedächtnis haften – das ließ sich die Werbebranche natürlich nicht zweimal sagen: Spätestens seit Anfang der 1950er Jahren holen Werbetexter die Reim-Methode aus ihrer Technikkiste, um neue Produkte langfristig in den Köpfen der Kunden zu platzieren.

Sprüche wie “Der Mann ist Tod, die Witwe kichert, zum Glück war er Allianz versichert” hören sich natürlich zu makaber an, Slogans wie “Willst Du viel – Spül mit Pril” oder “Haribo macht Kinder froh – und Erwachsene ebenso” aber zählen in der Werbebranche zu den absoluten Selbstläufern.

Da werden Sie geholfen

Dennoch sind zahlreiche Werbetexter-Ausbildungsstätten heute der Meinung, dass die große Zeit der Endreime passé ist. “Die waren vielleicht in den 1950er und 1960er Jahren sehr beliebt”, sagt Detlef Gerlach, Vorstandsmitglied der renommierten Werbetexter-Akademie “Texterschmiede Hamburg”. Reime hätten ihren Charme verloren und klängen immer mehr wie Kalauer, so Gerlach. Deshalb gehören sie nicht mehr auf den Unterrichtsplan.

Anstelle des blödsinnigen “Merziger macht herziger” und des nervigen “Bonduelle ist das famose Zartgemüse aus der Dose”setzen sich bei den Werbetextern neue Wortschöpfungen durch, die mal gerne von der Duden-Grammatik abweichen dürfen. Werbesternchen Verona Feldbusch trällert nicht mehr etwa “Merziger macht herziger” in die Kamera, sondern “11833 – da werden Sie geholfen”. Laut Werbe-Experte Detlef Gerlach sind auch weiterhin Anglizismen und technische Fachausdrücke (“der neue BMW – serienmäßig mit DSC, ABS, M-Fahrwerk und iDrive”) bei Textern angesagt – Hauptsache, es klingt bei der meist jugendlichen Zielgruppe cool.

Hoch lebe der Gleichklang

Auch wenn die Werbebranche neue Wege geht: Der Endreim lebt weiter. In der Dichtkunst der pointierten Limerick-Verse gehört das Endreimen zur unverzichtbaren Technik. Schlagersongs oder HipHop-Texte sind ohne Endreime ebenfalls schwer vorstellbar. Und was wäre eine Büttenrede ohne Gleichklang am Versende?

Dennoch: Ein Versreimer ist noch lange kein Dichter. Friedrich Schiller sagte einst: “Weil ein Vers dir gelingt in einer gebildeten Sprache, die für dich dichtet und denkt, glaubst du schon ein Dichter zu sein?”

Buch-Tipps

Online bestellen:

Karl Peltzer: Der treffende Reim

Willy Steputat: Reimlexikon

Hans M. Enzensberger: Allgemeines Deutsches Reimlexikon

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite