Wie bewegt man sich in der Metropole?
An Copacabana und Ipanema, den Prachtstränden von Rio de Janeiro, wird das Rauschen des Meeres meistens vom Motorenlärm und dem Hupen der unzähligen Autos übertönt, die hier über die sechsspurigen Avenidas drängeln. Autos und Busse sind in Rio aber nicht das einzige Verkehrsmittel. Ein paar Hundert Meter vom Strand entfernt, im Zentrum der Stadt, startet die nostalgische Trambahn in den malerischen Künstler-Stadtteil Santa Teresa. Über die 1755 erbauten “Arcos da Lapa” – ein schmales, hohes Viaduct – rappelt sich der hölzerne “Bondinho” langsam hoch. Wie die historische Straßenbahn in Lissabon rumpelt er dabei durch schmale Gassen und enge Kurven, vorbei an den alten Villen von Santa Teresa, kleinen Kneipen, Restaurants und Friseurgeschäften. Viele Passagiere steigen ein, indem sie einfach auf die Trittbretter der nach beiden Seiten offenen Bahn springen. Und wer das Geld für den Fahrschein sparen will, setzt sich nicht auf eine der Holzbänke, sondern bleibt auf dem Trittbrett stehen. Zurück lohnt der Weg zu Fuß, vorbei an den alten Villen von St. Teresa, in denen u.a. der britische Posträuber Ronald Biggs jahrzehntelang ausschweifende Feste feierte.
Wo finde ich noch einen einsamen Strand?
Am Rande der 12 Millionen-Metropole liegt ein einsamer Strand, den selbst viele Einheimische nicht kennen: die “Praia do Meio” (Mittelstrand). Wer vom Trubel an Copacabana oder Ipanema die Nase voll hat, fährt vom Zentrum aus 40 Minuten mit dem Bus, bis er den Stadtteil Guaratiba erreicht. Dort muss man erst einen kahlen Hang erklimmen, der auf der anderen Seite jedoch üppig bewachsen ist. Dahinter liegt der verlassene Strand. Ein kleiner Bach mündet hier ins Meer und versorgt die wenigen Besucher mit Süßwasser. Zahlreiche Mango-, Pitanga- und Jacabäume liefern exotische Früchte als Nachtisch zu fangfrischen Fischen und Muscheln, die direkt aus dem Meer auf den Teller kommen. Und selbst die Übernachtung ist kein Problem: Wer kein Zelt mitgebracht hat, kann in einer der vielen Höhlen schlafen.
Wie erreicht man die “Insel der Liebenden”?
Der Hafen an der “Praça Quinze (de Novembro)” in der Innenstadt von Rio ist die einzige Verbindung zur Insel Paquetá: Sie liegt tief in der Bucht von Guanabara, an die sich die Metropole schmiegt. Nach etwa einer Stunde Fahrt auf der Fähre findet sich der Besucher in einer anderen Welt wieder, in der Autos und Hektik Fremdworte sind. Auch wenn die Zeit hier “bem devargar” – schön langsam – verstreicht, hat man das kleine Eiland mit Fahrrädern oder in einer offenen Pferdekutsche in etwa einer Stunde umrundet. Zu Fuß braucht man einen halben Tag. Dabei führt der Weg an vielen exotischen Pflanzen und Bäumen vorbei – Akazien, Tamarinden, Bananenstauden und Feigenbäumen – und an den zehn Inselstränden, die durch ihre bis zum Wasser reichenden Bäume oder ihre fantastischen Felsen bestechen. König João VI. nannte Paquetá die “Insel der Liebe”. Immer noch sind viele der Besucher Flitterwöchner, die hier einen beschaulichen “lua de mel” (Honigmond) verleben wollen.
Wohin am Wochenende?
In São Christóvão, unweit des gigantischen Maracanã-Stadions, treffen sich an jedem Wochenende die “Nordestinos”: “Einwanderer” aus dem armen Nordosten des Landes, die ihre Wurzeln und ihre Familien zurückgelassen haben, um in der großen Stadt ihr Glück zu machen. Aber nur wenige haben es geschafft. Das ist eines der Hauptthemen, die auf dem Markt von São Christóvão die “Repentistas” besingen: Männer mit Gesichtern wie Charles Bronson, die aus dem Stegreif Verse zur Gitarre schmieden. Oft treten sie mit ihrer Kunst in einen Wettstreit, den “Desafio”: Dann sitzen die Herausforderer nebeneinander, wechseln sich ab und versuchen sich dabei in Sprache und Gesang zu überbieten. Über manche Markstände sind Wäscheleinen gespannt, an denen kleine, bonbonfarbene Hefte baumeln: Auch diese “Literatura de cordel” ist eine Form der Volkspoesie des Nordostens. Damit diejenigen, die gar nicht lesen können, ebenfalls etwas davon haben, tragen die Poeten ihre gedichteten Geschichten auf dem Markt lauthals vor. Dazwischen wird alles feilgeboten, was die “Nordestinos” an ihre Heimat erinnert: Eng gewebte Hängematten und bunt bestickte Tischtücher, Trockenfleisch und Rinderschädel, einfache Holzspielzeuge und archaische Tonpüppchen vom Räuberhauptmann Lampião und seiner Frau Maria Bonita.
Wer konserviert die Musik Brasiliens?
Der Name des kleinen Städtchens Conservatória im Bundesland Rio de Janeiro ist Programm. Rund drei Autostunden von der Stadt entfernt, haben sich seine Bewohner den Erhalt der reichen Musikkultur Brasiliens auf die Fahnen geschrieben, oder besser: auf kleine Messingtäfelchen. Am Eingang jedes Hauses verewigen sie die Titel und Komponisten der bekanntesten brasilianischen Lieder. Am Wochenende ziehen dann betagte Bänkelsänger mit ihren Gitarren von Hauseingang zu Hauseingang und erwecken mit ihren auswendig vorgetragenen Ständchen, “Serenatas” genannt, auch akustisch die Musik zu neuem Leben. An den Werktagen begegnet man den Musikern in dem winzigen Museum des kleinen Städtchens. Zwischen vergilbten Zeitungsausschnitten und verblassten Schwarz-Weiß-Fotografien proben sie hier, philosophieren sie über die Kunst und tauschen Klatsch aus über die Künstler.
Übrigens: Gibt es Voodoo in Brasilien?
Die Jahrhunderte unter portugiesischer Herrschaft haben afrikanische Riten in Brasilien bis heute überlebt: Hinter der Gestalt von christlichen Heiligen verbergen sich afrikanische Gottheiten, die auch nach dem Ende der portugiesischen Vorherrschaft (1825) und der Abschaffung der Sklaverei (1888) nur im Verborgenen angerufen werden können. Die meisten Brasilianer begegnen der voodoo-ähnlichen “Candomblé” oder “Umbanda” mit einer Mischung aus Angst und Ablehnung und bezeichnen sie als “Macumba”. Deshalb sind gute Kontakte unerlässlich, um unmittelbar Zeuge einer Zeremonie zu werden. Geradezu unübersehbar sind die Spuren der Kulte in Rio jedoch am Silvestertag. Dann flackern an den Stränden brennende Kerzen inmitten kleiner Sandburgen, auf dem Meer treiben Rosen: eine Huldigung an die Meeresgöttin Yemanjá, die an diesem Tag Geburtstag feiert. Und manchmal weht der Wind seltsam monotone Trommelrhythmen herüber: Dann rufen die weiß gekleideten “Macumbeiros” Gottheiten an, die in einen der Umstehenden hinabfahren sollen, um aus ihm zu sprechen. Auch Ende Juni gibt es solch ein Fest: Direkt neben dem Zuckerhut ehren die Fischer ihren Schutzpatron mit Bootsprozessionen und Feiern am Strand von Urca.
Buch-Tipps
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Walther L. Bernecker, Horst Pietschmann & Rüdiger Zoller: Eine kleine Geschichte Brasiliens



