Who Is Who im Publikum
Von Ariane Greiner
“Ich kenn ja den Sven. Ich muss nachher mal den Sven begrüßen.“ Als Münchner, der was gelten will, geht man nicht einfach auf ein Konzert von “Element Of Crime“. Man geht zu “den Elements“ und betrachtet es lautstark als seine Verpflichtung, “den Sven“ zu begrüßen. So geschehen am Dienstag, 22. Januar 2002, kurz vor Erscheinen der Berliner Band um Frontman Sven Regener auf der Bühne der Münchner Muffathalle.
Schönheit des Scheiterns
In angenehmem Kontrast zu jenen Bemühungen meines Konzertnachbarn die Umwelt zu beeindrucken stand der Auftritt von Sven Regener und seiner Combo. Unangestrengt und umso wirkungsvoller schafften es die Lyrik-Rocker einmal mehr, dem Ausdruck zu verleihen, was so gar nicht zu unserer Welt der “Win-To-Win“-Strategien passen will: Die Anmut des Alltags und die Schönheit des Scheiterns sind Quintessenz auch im aktuellen Album von “Element Of Crime“ mit dem halb ironischen Titel “Romantik“.
Bring den Vorschlaghammer mit
Gewohnt lässig-lasziv singt Sven Regener von - selbstredend! - unglücklichen Lieben, gescheiterten Zielen und kaputten Träumen. “Nimm die Hand da weg / das ist nichts mehr für dich / Ich hab lang auf dich gewartet, doch gelohnt / gelohnt hat es sich nicht.“ Wen wundert es da, dass selbst in Songs, die von Aufbruch und Neubeginn handeln, so gar kein Optimismus aufkommen will? Allenfalls mischt sich hier zur Grund-Melancholie eine Portion absurder Komik: “Bring den Vorschlaghammer mit, wenn du heute Abend kommst / dann hauen wir alles kurz und klein / der ganze alte Schrott muss raus und neuer Schrott muss rein...“
Multitalent Regener
Erst kürzlich hat Sven Regener in seinem Debütroman “Herr Lehmann“ - dessen Protagonist ähnlich anti-heroische Charakterzüge trägt wie das lyrische Ich der Songtexte - seine Liebe zu sprachlicher Genauigkeit bis hin zum Haarspalterisch-Sophistischen unter Beweis gestellt. Und so findet sich auch auf dem “Romantik“-Album ein Hohelied auf die Sprache (“Alle vier Minuten“): “...ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg.“ Und beinahe scheint es, also ob Regener noch eine dritte Profession anstrebt, so perfekt inszeniert er sich auf der Bühne als der vom Leben und Lieben Lädierte. Die Trompete, die in der linken Hand baumelt, während die rechte am Mikro Halt sucht, scheint zur Whiskey-Flasche zu mutieren, und wenn er sie zwischendurch an den Mund setzt wie der Penner die Pulle, verwundert es fast, dass man statt eines lauten Gluckerns ein kräftig-klares Trompetensolo zu hören bekommt. Man fragt sich, woher der Mann - stilecht in morbider Blässe und mit rotumränderten Augen - auf einmal solche Kräfte zaubert. Doch bevor man weiter darüber nachdenken kann, trennen sich Lippen und Mundstück, und die kurzzeitig aufgeflammten Lebensgeister schwinden vor dem gewohnten Weltschmerz.
Der Wind, der nach dem Fähnchen weht
Neben den durchweg gelungenen, für manchen Fan aber vielleicht eine Spur zu lieblichen Stücken des neuen Albums brachten Element Of Crime auch viele alte Hits aufs Parkett wie etwa ihr zu Tränen rührendes “Weißes Papier“, “Draußen hinterm Fenster“ mit seinem Hauch von Sozialkritik, “Blaulicht und Zwielicht“ oder die in Matrosen-Romantik schaukelnde “Schwere See“. Und auch der allerersten Anfänge wurde gedacht, als die Band noch auf Englisch sang. Geradezu rührend hierzu die Ansprache von Regener: Achselzuckend und fast verlegen scheint er mit den Worten “Wir sind ja nun auch nicht mehr die Jüngsten“ den Ausflug ins Schnelle, Rockige und Laute von Damals entschuldigen zu wollen. Völlig überflüssig, denn wenn es eine Band gibt, die nie Gefahr laufen wird, von der Welle des Jugendwahns verschluckt zu werden, dann wohl “Element Of Crime“. Schließlich haben sie jahrelang gelernt, gegen den Strom zu schwimmen. Statt ihr Fähnchen nach dem Wind des Zeitgeistes auszurichten, hat dieser selbst sich wohl, so scheint es, nach ihrem Fähnchen gedreht. Eingefleischte Fans und, wer weiß, vielleicht auch die Band selbst beobachten dies wohl mit gemischten Gefühlen. Immerhin: Ausverkaufte Hallen dürften den “Elements“ keinen Kummer bereiten. Aber was hält wohl Herr Regener von Fans, die “nachher noch den Sven begrüßen?“



