Weihnachten steht vor der Tür und wieder einmal stellt sich die Frage: Was schenke ich bloß? Klassiker wie Krawatten, Socken oder "praktische Haushaltsgeräte" haben längst ausgedient. Aber das Passende zu finden, ist leider meist nicht einfach. Der Soziologe Friedrich Rost von der Freien Universität Berlin hat sich eingehend mit der Tradition des Schenkens und den sozialen Aspekten dieses "Gabentransfers" beschäftigt. Im Interview hat er uns einige Fragen rund ums Schenken beantwortet.
Im vorweihnachtlichen Wunschzettel-Einkaufs-Stress und dem Zwang, alle Geschenke vollständig und rechtzeitig zu besorgen, stellt sich manch einer die Frage: Warum mach’ ich das eigentlich?
Rost: Das reicht weit in die Stammesgeschichte zurück, aber grundsätzlich kann man sagen: Wer schenkt, will binden. Durch den Gabentransfer, also das gegenseitige Schenken, werden Beziehungen gefestigt. Der Gebende hofft, Freude zu bereiten, der Nehmende freut sich über die Aufmerksamkeit.
Was treibt uns Menschen eigentlich zu schenken?
Rost: Die Fähigkeit, freiwillig zu geben ist nicht angeboren, sondern eine kulturell gewonnene und vermittelte kollektive Erfahrung, die sich über die Nachkommenpflege der Bezugspersonen und die Liebe des Kindes zu seiner Mutter entwickelt. Neben der menschlichen Neigung, sich in individualisierten Verbänden zusammenzuschließen und sich von Fremden misstrauisch und aggressiv abzugrenzen, besteht allerdings auch ein Drang, zu einzelnen Fremden ein geselliges Band zu stiften.
Hierbei spielen Nahrungsgeschenke und andere Objekte des Austausches eine besondere Rolle, weil freiwilliges Geben, Teilen, Schenken beziehungsstabilisierend und aggressionshemmend wirkt. Diese kulturell gewonnene Erfahrung vieler Gesellschaften wird an die jüngere Generation weitergegeben. Die psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie stellt heraus, welch wichtiger Schritt es für das etwa fünfjährige Kind bedeutet, Dinge, die es eigentlich ganz allein besitzen will, freiwillig mit anderen zu teilen oder gar zu verschenken. Der Fokus menschlicher Lebensführung ist eben stets das Dürsten nach mitmenschlicher Anerkennung
Der Volksmund sagt, man solle verschenken, was man am liebsten selbst behalten hätte.
Rost: Ich finde das riskant, natürlich ist es schön, etwas zu geben, woran mein Herz hängt, aber der andere muss nicht automatisch so fühlen wie ich. Und wenn der Beschenkte dann nicht so selig dreinschaut, wie man es erwartet hat, ist die Enttäuschung groß. Dann lieber genau überlegen, womit man Freude bereiten kann.
Was halten Sie von Paaren, die beteuern: Wir schenken uns nichts...
Rost: Ich verstehe den Überdruss gegen Zwang und Rituale, und manche empfinden es auch als wirtschaftliches Problem, den Gabentisch zu decken. Sicher können solche Vereinbarungen getroffen werden, wenn beide davon überzeugt sind und nicht insgeheim am Heiligabend doch auf eine Überraschung warten – zumindest eine kleine. Denn Feiertage mit Überraschungen sind einfach schöner als ohne. Jeder von uns freut sich, wenn er etwas bekommt, weil uns damit eben auch eine Botschaft überreicht wird.
Mit den Erlebnisgeschenken wächst seit einigen Jahren ein neuer Trend. Was machen Ballonfahrten, Wellness-Tage oder Kochkurse als Geschenk Ihrer Meinung nach so besonders?
Rost: Erlebnisse lösen positive Emotionen aus, die nachklingen und im Gedächtnis bleiben. Ein Wellnesswochenende für Paare oder eine Ballonfahrt mit der Freundin stärken die Beziehung nachhaltig, sorgen für eine tiefe Verbundenheit und beweisen auch, dass Zeit immer noch das kostbarste Geschenk ist, das man einem Menschen machen kann. Erlebnisgeschenke sorgen zudem für Flexibilität beim Schenken und ermöglichen es, dass der andere aktiv neue Erfahrungen machen kann. Außerdem können Gutscheine dann eingelöst werden, wenn man Zeit hat und wenn einem der Sinn danach steht.
Kurz vor dem Fest sieht man viele Last-Minute-Schenker durch die Geschäfte rennen. Ist diese Geschenkejagd Ausdruck gesellschaftlicher Zwänge?
Rost: Auf jeden Fall. Schenken ist soziales Handeln par excellence und mit Traditionen und Mythen verknüpft. Mit der Vorstellung von einem beschaulichen und besinnlichen Weihnachtsfest ist es allerdings so eine Sache. Denn im Grunde genommen ist der ganze Festkalender - angefangen vom 1. Advent über den Nikolaustag bis zum dreitägigen Fest mit dem Höhepunkt der Bescherung - eine perfekte Inszenierung, verbunden mit einem gewissen Maß an Stress. Die Tradition ist stark, zumindest wenn man Kinder hat.
Den meisten Kindern ist Weihnachten lieber als der eigene Geburtstag, obwohl sie da ja nicht allein im Mittelpunkt stehen. Schon in der Kindheit verfestigt sich also etwas, das uns den Zwang zum Geschenk auch als Erwachsene mitmachen lässt.
Zu Weihnachten ist manches außer Kraft gesetzt. Gibt bei der Auswahl von Geschenken ein zuvor gesetzter Preis den Ausschlag, oder gilt der Grundsatz: Koste es, was es wolle?
Rost: Das hängt vom Konsumverhalten ab. Wer früh im Jahr mit dem Kauf von Weihnachtsgeschenken angefangen hat, weiß oft gar nicht mehr, wie viel er schon ausgegeben hat. Doch nach Ergebnissen der empirischen Schenkforschung sollte zum Schluss eine Hierarchie gewahrt werden: Das teuerste Geschenk sollte eben an den Lebenspartner gehen – und nicht an die eigene Mutter.
Was verschenken Sie am liebsten?
Rost: Zeit.



