Intellektuelle am Ring

Bereits in der Weimarer Republik, als das Boxen – neben dem Sechstagerennen – zum Massenereignis aufsteigt und in Berlin ein typisches Boxmilieu entsteht, sitzen neben den Damen und Herren der besseren Gesellschaft und dick beringten Ganoven auch viele Intellektuelle am Ringgeviert. 1921 gründete der Berliner Galerist Albert Flechtheim den “Querschnitt”, das den ungewöhnlichen Untertitel “Magazin für Literatur, Kunst und Boxsport” trug. Darin hieß es: “Der Querschnitt hält es für seine Pflicht, den Boxsport auch in deutschen Künstlerkreisen populär zu machen. In Paris sind Braque, Derain, Dufy, Matisse, Picasso, de Vlaminck begeisterte Anhänger, und Rodin fehlt bei kaum einem Kampf.”
Die Zahl der Geistesgrößen, die in den 1920er Jahren vom Boxen magisch angezogen wurden, ist enorm: U.a. gehören Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz und Egon Erwin Kisch dazu. Fritz Kortner, der Prototyp des expressionistischen Schauspielers, schulte an Boxern seinen Blick für Gestik, Mimik und Theatralik: “Die Ausdrucksskala in Gesicht, Augen und Körper des Boxers war für mich eine erregende und anregende Lehrstunde.” Literaten wie Thomas Mann und Ödön von Horváth studierten beim Boxkampf fasziniert die atavistischen Reflexe des schwitzenden und schreienden Publikums, die “Vitalität der Rohheit” sowie die Unberechenbarkeit der Masse – und schlugen daraus Kapital für ihre Arbeit.




