Selbstbewusstsein lässt sich lernen
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Selbstbewusstsein lässt sich lernen

Bild: Foto: Wolfgang Sauber, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Es ist eine alltägliche Situation auf dem Pausenhof: Die Mädchen stehen beisammen und quatschen, bis die Jungs kommen und ausgerechnet dort Fußball spielen wollen. Anstatt sich zu wehren, suchen sich die Mädchen lieber eine neue Tuschelecke. Um die Fähigkeit zur Selbstbehauptung zu trainieren, werden an vielen Schulen in Nordrhein-Westfalen Kurse für Mädchen angeboten.

Es ist eine alltägliche Situation auf dem Pausenhof: Die Mädchen stehen beisammen und quatschen, bis die Jungs kommen und ausgerechnet dort Fußball spielen wollen. Anstatt sich zu wehren, suchen sich die Mädchen lieber eine neue Tuschelecke. Um die Fähigkeit zur Selbstbehauptung zu trainieren, werden an vielen Schulen in Nordrhein-Westfalen Kurse für Mädchen angeboten.

Eigene Interessen betonen

“Anstatt die eigenen Interessen zurück zu stellen, müssen Mädchen ihren Unwillen, den Platz auf dem Schulhof zu räumen, zum Ausdruck bringen”, sagt Diplom-Pädagogin Ulrike Graff und Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Mädchenarbeit in Nordrhein-Westfalen in Bielefeld.

Ein “Wir waren zuerst da” sei berechtigt und ein “Sucht Euch doch einen anderen Platz” angebracht. Aber Mädchen lernten im Elternhaus frühzeitig, ihre eigenen Interessen zurück zu stellen. In der Pädagogik und in der Jugendarbeit müsse diesbezüglich noch viel gelernt werden, denn oft richteten sich Lehrer und Jugendarbeiter nach dem Verhalten und Interessen der Jungs.

“Erkennen Lehrer diesen Mechanismus, sind alle überrascht und erschrocken”, weiß die Diplom-Pädagogin aus Nordrhein-Westfalen. In den Jugendhäusern seien beispielsweise jahrelang Billard-Tische aufgebaut worden. “Die Jungs fanden das toll, nicht aber die Mädchen – die blieben weg”, sagt Ulrike Graff. Sie wünschten sich eher ruhige Plauschecken zum Reden mit den Freundinnen.

Es hätte nicht so lange gebraucht, diesen Missstand zu beseitigen, hätten die Mädchen darauf aufmerksam gemacht. “Sagen, sie wollen eine Tee-Ecke zum quatschen, konnten die Mädchen nicht”, weiß Ulrike Graff. Doch um Gehör zu bekommen, müssen konkrete Vorschläge gemacht werden und vor allem ein deutliches “Nein” zu unerwünschten Dingen. Die Angst, von den Jungs deswegen geärgert zu werden, sei groß.

Rollenspiele helfen

Das kann Katja Grünewald, Sozialpädagogin und Leiterin von Animo – spanisch für Mut und Selbstbehauptung –, einer Einrichtung für Geschlechterbewusste Pädagogik und Gewaltprävention in Münster, nur bestätigen. “Mädchen müssen ihre Scheu ablegen und Grenzen setzen”, sagt sie. Das falle ihnen zwar schwer, da von ihnen Anpassung erwartet würde, aber “Mädchen sollten begreifen, dass sie – genauso wie ihre männlichen Altergenossen – ein Recht auf freie Entscheidung haben”.

Während einige Jungs auf Konflikte mit Aggression reagierten, zögen sich Mädchen in ihr Schneckenhaus zurück. Aber das sei kein geeigneter Weg der Verteidigung. “Das wird als Schwäche ausgelegt”, sagt Katja Grünewald. Deswegen bietet sie den Mädchen Unterstützung und Hilfe an: Sie trainiert mit ihnen und macht ihnen Mechanismen klar, insbesondere durch Rollenspiele. “Dabei nehmen Mädchen die Rolle eines Jungen ein und sollen versuchen, sich in sein Verhalten hinein zu denken”, erklärt sie. Die Mädchen sollten aber auch lernen, laut zu sein und – wenn nötig – sich auch körperlich zur Wehr zu setzen, sagt Katja Grünewald.

Selbstverteidigung für Frauen

Dazu gehöre verbale Konfliktfähigkeit, aber auch Selbstverteidigungstechniken. WenDo, Anfang der siebziger Jahre in Kanada von weiblichen Schwarzgürtelträgerinnen unterschiedlicher Kampfsportarten speziell für Frauen kreiert, kombiniert diese beiden Schwerpunkte in idealer Weise. Darüber hinaus ist WenDo leicht erlernbar und im Alltag auch ohne Turnschuhe und Schweißband anzuwenden.

“In den Kursen üben wir mit den Frauen und Mädchen aller Alterklassen, Abwehr- und Schutzmechanismen ein”, sagt Dorothee Hildebrandt, Diplom-Pädagogin, WenDo-Lehrerin und Geschäftsführerin des Selbstverteidigungs- und Bewegungszentrums für Mädchen und Frauen BellZett in Bielefeld. Typische Erfahrungen, gegen die sich die Frauen zur Wehr setzen können sollen, sind insbesondere verbale Übergriffe und Belästigungen durch Männer sowie Mobbing am Arbeitsplatz.

“Ziel ist es dabei keinesfalls, den Frauen Techniken anzutrainieren, das Gegenüber KO zu schlagen”, sagt sie. “Wir versuchen durch gezieltes Training mit dem Körper, den Frauen ihre körperliche Stärke deutlich zu machen.” Ihre Erfahrung zeigt: Frauen und Mädchen seien immer stärker als nach der eigenen Einschätzung. “Wer innere und körperliche Stärke vermittele, werden seltener Opfer”, sagt Dorothee Hildebrandt. Es seien auch deutliche Anzeichen zu erkennen, dass sich das Selbstverständnis der Mädchen verändert habe. Was für die Mütter noch galt, ist für viele Mädchen mittlerweile unvorstellbar und inakzeptabel geworden.

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Klees, Renate, Marburger, Helga & Schumacher, Michaela: Praxishandbuch für die Jugendarbeit, 2 Tle.. Mädchenarbeit

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