Bei den olympischen Spielen der Antike war das Ziel klar: Die Wettkämpfe dienten vor allem dazu, sich in den Fertigkeiten zu messen, die für einen Krieger wichtig waren. Unter den neun damals olympischen Sportarten waren daher Laufwettbewerbe, Kämpfe wie das Ringen, der Faustkampf oder der "Allkampf" und man konkurrierte in Wettbewerben zu Pferde. Der Fünfkampf bestand aus Weitsprung, Speerwurf, Diskuswurf, Ringkampf und einem Stadionlauf.
Sackhüpfen, Seilklettern und Spazierstockfechten
Als dann 1896 die ersten olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden, wollte man die Palette der Sportarten natürlich erweitern – und weniger martialisch gestalten. Doch welche Disziplin die Ehre hatte, olympisch zu werden, wurde damals noch ziemlich willkürlich und von Mal zu Mal entschieden. Daher gab es vor allem in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg noch so einige uns heute ziemlich skurril erscheinende Wettbewerbe.
So gab es im Jahr 1900 einen Wettbewerb im Pferde-Weitsprung, bei dem adrett uniformierte Herren ihre Rösser über unterschiedlich breite Wassergräben lenkten. Ebenfalls eher Gentlemanlike kam das Spazierstockfechten daher – immerhin noch bis 1924 olympisch. Schweißtreibender ging es beim Seilklettern zu, einer Übung, die wir eher aus dem Schulsport kennen. Diese Sportart war immerhin zweimal bei Olympia vertreten, 1896 und 1904.
Wie aus "Spiel ohne Grenzen" mutet ein Wettbewerb aus dem Jahr 1900 an: das Hindernisschwimmen. Dabei legten die Schwimmer in der Seine in Paris 200 Meter im Kraul zurück und musste dabei über Boote hinwegsteigen, unter anderen hindurchtauchen und sich dann an einer Stange nach oben hangeln. Und auch zwei Zeitvertreibe, die wir eher von Kindergeburtstagen kennen, waren Anfang des 20. Jahrhunderts noch olympisch: Tauziehen und Sackhüpfen.
Welche Rolle spielt die Aufnahme in die olympische Palette für eine Sportart?
Generell bedeutet der Status „olympisch“ für eine Sportart, eine größere (mediale) Aufmerksamkeit zu erfahren und an den Finanzeinnahmen der Olympischen Bewegung beteiligt zu werden. Wie sehr dies für eine Sportart eine existenzielle Frage darstellt, muss differenziert betrachtet werden. Für die Sportart Ringen ist die Zugehörigkeit zum Olympischen Wettkampfprogramm sicherlich lebenswichtiger als für eine Sportart wie Golf.
Welche Sportarten sind seit der Einführung der Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 im Programm?
Fechten, Leichtathletik, Radsport, Schwimmen und Turnen gehören seit 1896 ununterbrochen zum Olympischen Wettkampfprogramm. Weiterhin Rudern, die 1896 in der Meeresbucht bei Piräus geplanten Regatten konnten wegen stürmischer See jedoch nicht durchgeführt werden.
Wie hat sich das Wettkampfprogramm der Olympischen Spiele seitdem entwickelt?
In der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg hatte das Organisationskomitee in der jeweiligen Gastgeberstadt Einfluss auf die Gestaltung des Wettkampfprogramms, das Internationale Olympische Komitee (IOC) war noch nicht in einer so starken Verhandlungsposition wie heute. Vor diesem Hintergrund gelangten in der Frühzeit der Olympischen Bewegung immer wieder landestypische oder auch gerade populäre, „exotische“ Sportarten wie Boule, Pelota und Cricket, Auto-, Lastwagen- und Motorbootrennen oder Ballonfahren ins Olympische Wettkampfprogramm.
Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich das Programm stark verfestigt. Entscheidungen über die Hinzu- oder auch Herausnahme einer Sportart ins oder aus dem Olympischen Wettkampfprogramm wurden nicht mehr ad hoc gefällt, sondern längerfristig geplant. Mit der im Dezember 2014 vom IOC verabschiedeten „Agenda 2020“ ist für die Zukunft – bezogen auf die Disziplinen – aber wieder eine größere Flexibilität bei der Gestaltung des Wettkampfprogramms zu erwarten.
Bei den Olympischen Spielen gibt es Sportarten, bei denen der olympische Wettkampf der allerwichtigste überhaupt ist, z.B. Leichtathletik oder Hockey. Das olympische Fußballturnier hingegen interessiert wenige. Woran liegt das?
Ein Sieg bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft wird in Sportarten wie Hockey, Rudern, Fechten oder Schießen in Deutschland meist nur von einem Publikum mit sportartspezifischem Interesse wahrgenommen, im Alltag sind diese Sportarten medial kaum präsent. Anders bei Olympischen Spielen, hier haben auch die „kleineren“ Spotarten eine globale Bühne, entsprechende Bedeutung hat der Olympiasieg.
Der Fußball ist vor dem Hintergrund seiner Bedeutung als Volkssport und seiner hohen Medienpräsenz hingegen nicht auf die Olympische Bewegung angewiesen. Für die eigenen Ereignisse Europa- und Weltmeisterschaft, die selbst internationale Aufmerksamkeit erzielen, stellen die Olympischen Spiele sogar eher eine Konkurrenz dar – bei den Spielen treten daher ja auch nicht die „richtigen“ Profi-Nationalmannschaften an, sondern junge Teams, die durch einzelne ältere Spieler verstärkt werden dürfen. Das olympische Frauenfußball-Turnier hat hingegen einen sehr hohen sportlichen Stellenwert, hier nehmen in der Regel die Nationalteams teil.
Wie erklären Sie sich, dass während der Olympischen Spiele das Zuschauerinteresse für Randsportarten größer ist als in den vier Jahren dazwischen. Hat das mit dem „Event Olympische Spiele“ an sich zu tun?
Absolut. Die Olympischen Spiele stellen ein kompakt veranstaltetes Weltsportfest dar, in zwei Wochen finden mehr als 300 Medaillenentscheidungen statt. Das Publikum vor Ort und an den Bildschirmen kann den ganzen Tag hochklassige Sportwettkämpfe verfolgen, viele lassen sich hierbei auch auf z.B. Bogenschießen oder ein Kanadierrennen im Kanusport ein. Im Rahmen einer eigenen Meisterschaft wecken solche Wettbewerbe hingegen kaum das Interesse des „durchschnittlichen“ Sportfans.



