Eine Pubertät im Dritten Reich
Sophie Scholl ist elf, als Hitler im März 1933 die Reichstagswahlen gewinnt und unverzüglich die Weimarer Verfassung außer Kraft setzt. Ihre Pubertät - diese von Widersprüchen, Emotionen und Zweifeln geprägte Zeit - fällt damit in die Anfangsjahre des Dritten Reiches. Völlig selbstverständlich lässt sich die Heranwachsende, wie zuvor schon ihre Geschwister, von der euphorisierten Stimmung im Land begeistern und von der Idee einer neuen, tiefen Volksgemeinschaft beseelen. Die großartig inszenierten Fackelmärsche, die Trommelwirbel, das Spalierstehen, die Pathos geschwängerte Propaganda, das Versprechen von Freiheit, Gleichheit und Kameradschaft - all dies tut seine Wirkung auch auf Sophie. Ihrer Natur gemäß - keck, klar und kühn - steigt die Jugendliche im streng hierarchischen System der NS-Jugendorganisationen im Laufe ihrer vier aktiven Jahre schnell auf. Sie bringt es sogar bis zur Schaftführerin der Jungmädel in Ulm-Wiblingen.
Leerstellen
Was gab den Anstoß für die Abkehr vom Nazi-Regime, dem die Scholl-Kinder viele Jahre treu gedient hatten? Wie konnte das Unrecht an den Juden, das auch in Ulm immer gravierendere Ausmaße annahm, die kluge und zu christlichem Mitgefühl erzogene Sophie so lange unberührt lassen? Wie konnte die junge Frau - die im Schillerschen Ideal des aufgeklärten Menschen erzogen wurde, der aus freiem Willen sein Leben gestalten und Großes daraus machen kann - so viele Jahre die Unterordnung in ein System des blinden Gehorsams ertragen? Auf all diese Fragen versucht die Autorin Barbara Beuys Antworten zu finden. Gestützt hat sich die Journalistin und Historikerin auf authentische Dokumente - darunter hunderte Briefe und Tagebucheinträge -, die Beuys im Institut für Zeitgeschichte in München als erste Scholl-Biographin überhaupt ausgewertet hat.
Ein hohes Gut: die geistige Freiheit
Sophie Scholl selbst wird 1943 im Gestapo-Verhör "ihre Abneigung gegen die Bewegung" wie folgt begründen: "Meiner Meinung nach wird die geistige Freiheit des Menschen in einer Weise beschränkt, die meinem inneren Wesen widerspricht." Zu den großen Werten aber, die die protestantisch-fromme Mutter Lina und der rationalistische Vater Robert ihren Kindern vermittelten, gehörten die geistige Freiheit sowie der Grundsatz, im Einklang mit seinem inneren Wesen zu handeln. Weitere Schlüsselerlebnisse auf dem Weg der Erkenntnis waren für die fünf Schollgeschwister die Verhaftung des Bruders Hans wegen "bündischer Umtriebe" im Jahr 1938 sowie der Umstand, dass Sophie etwa zur selben Zeit als Gruppenführerin abgesetzt wurde.
Radikale Härte im Widerstand
Während die Eltern von Beginn an zu den wenigen Warnern gehörten, stellten sich auch die Kinder spätestens mit Kriegsbeginn und dann immer entschlossener gegen die Machthaber und ihre braune Ideologie. Sie taten dies aus freiem Willen, ohne elterlichen Zwang.
Wie radikal die Scholls ihre Ablehnung gegen die Nationalsozialisten praktizierten, wird 1941 durch ihre Weigerung deutlich, den deutschen Soldaten warme Kleider zu schicken, um sie vor dem Erfrieren in Russland zu retten. Sophie argumentierte: Wer gegen das Regime sei, könne nur ein Ziel haben - dass dieser Krieg mit einer Niederlage der deutschen Armee ende. Nur so werde die Bevölkerung bereit sein, Hitler endgültig das Vertrauen zu entziehen und sich von einer verbrecherischen Politik zu lösen.
Dabei musste Sophie eine besondere Spannung ertragen: Ihr Freund Fritz Hartnagel war Berufssoldat und damit nicht nur ständig in Todesgefahr, sondern selbst zum Töten unter der verhassten Fahne verpflichtet. Auf der intellektuell-spirituellen Ebene erreichten Sophie und Fritz jedoch ein Bündnis: Ihre Liebe soll gerichtet sein auf Gott und als Geschenk Gottes gelebt werden dürfen. Das Ringen Sophies um das rechte Verhältnis von Fleisch und Geist, Gefühl und Denken hat sie in höchstem Maße beansprucht.
Das Salz der Erde
Mochte Sophie oft zerrissen gewesen sein, so gewährte ihr der außerordentliche Zusammenhalt der Familie stets Halt. Nicht einmal die Inhaftierung des Vaters, der Hitler als "Geißel Gottes" bezeichnet hatte, ließ die Scholls wanken. Der Goethe-Vers "allen Gewalten zum Trutz sich erhalten" war das Familienmotto. Hans Scholl würde es kurz vor seiner Hinrichtung an seine Zellenwand schreiben.
Dass sie aus der Masse herausstachen, war den Scholls stets bewusst und - tröstlich. Zu ihrem Geburtstag schrieb der jüngste Bruder Werner an Sophie: "Ein berechtigter Stolz, nicht zu sein wie die anderen, kann helfen." Und die ältere Schwester Inge mahnte die Jüngere: "Es hängt eben alles an diesem Salz der Erde, wozu auch wir gehören. Du und ich."
Sophie Scholl hat dies an eine Aufforderung geknüpfte Versprechen aus der Bergpredigt wörtlich genommen: Im Februar 1943 opfert sie ihrer Überzeugung, ihrem inneren Wesen ihr Leben. Auf die Rückseite der Akte, die sie eines "hochverräterischen Unternehmens, der Feindbegünstigung und Wehrkraftersetzung" anklagt, schreibt die 21-Jährige zwei Worte: "Freiheit. FREIHEIT."
Von Barbara Beuys ist die umfassende Biographie "Sophie Scholl" im Hanser Verlag erschienen. Die Historikerin stützt sich dabei auf hunderte historische Briefe und Tagebucheinträge.



