Quod esset demonstrandum: Warum die Medizin nicht ohne Latein (und Griechisch) auskommt
Es ist wie bei den Bezeichnungen in der Tier- und Pflanzenwelt: Das Vokabular ist über Jahrhunderte zu einer in ihrer Genauigkeit kaum zu übertreffenden, international gebräuchlichen Fachsprache angewachsen. Das medizinische “Fachchinesisch” ist eine Mischung aus Griechisch und Latein. Das hat Tradition und liegt vor allem an der bedeutenden Frühgeschichte der medizinischen und pharmazeutischen Forschung in Griechenland und im alten Rom.
Griechische Ärzte der Antike legten die Grundlagen für die rational-empirische, “westliche” Medizin: Ihr Begründer ist Hippokrates (um 460 v.Chr. – um 370 v.Chr.). Er führte systematische Beobachtung und die Beschreibung von Krankheitssymptomen ein, um daraus Schlussfolgerungen für Diagnose und Behandlung zu ziehen. Die Erfahrungen von Hippokrates und den Ärzten aus seinem Umfeld sind in den als “Corpus Hippocraticum” überlieferten Schriften niedergelegt. Obwohl sein medizinisches Konzept alle religiöse Bezugnahme aufgibt, also zur Krankheitsbekämpfung kein Eingreifen der Götter mehr voraussetzt, führte Hippokrates seinen eigenen Stammbaum auf den griechischen Heilgott Asklepios zurück – der Äskulapstab (mit der um ihn gewundenen Schlange) ist noch heute ein Symbol für Heilkunst und Ärztestand.
Von Alexandria in alle Welt
Alexandria wurde im 3. Jahrhundert zum Zentrum der hellenistischen Wissenschaft und damit auch der medizinischen Forschung. Besonders auf dem Gebiet der Anatomie (Unterscheidung von Sehnen und Nerven, Unterteilung des Gehirns in Groß- und Kleinhirn, Funktion des Herzens) wurden große Fortschritte erzielt. Griechische Mediziner – wie im 1. Jahrhundert n. Chr. Pedanios Dioskurides, der Verfasser einer grundlegenden, wesentlich auf der Pflanzenheilkunde basierenden Arzneimittellehre – trugen ihre Erkenntnisse nach Rom und damit in den Bereich der lateinischen Schriftsprache.
Römische Ärzte verlagerten ihre Tätigkeit aufgrund ihrer lange gesellschaftlich wenig anerkannten Stellung auf das Sammeln und Ordnen des verfügbaren Heilwissens. Federführend war aber auch auf diesem Gebiet ein Grieche: Claudius Galenos von Pergamon (129-199). Zur Ordnung der Vielfalt der Krankheiten entwarf er eine umfassende Krankheitslehre, die Humoralpathologie oder zu deutsch Lehre von den Körpersäften (von lateinisch “humores”, Säfte).
Heute ist das griechisch-lateinische Vokabular von Ärzten und Pharmazeuten eine international gebräuchliche Fachsprache, die somit weltweite Verständigungsmöglichkeit bietet. Davon kann auch der Laie profitieren: So kann man sich etwa als Reisender in entferntesten Erdteilen bei Ärzten und Apothekern verständlich machen, wenn man das medizinische Vokabular beherrscht. Das grundlegende Nachschlagewerk im deutschsprachigen Raum ist der nach seinem langjährigen Herausgeber benannte, erstmals 1894 erschienene, bereits in 259. Auflage vorliegende “Pschyrembel”.
“Zu Risiken und Nebenwirkungen...”
Packungsbeilagen zu Arzneimitteln helfen heute weitgehend bei der Eindeutschung der medizinischen und pharmazeutischen Fachbegriffe. In der Regel gehen die Verfasser dieser Beipackzettel sogar dazu über, auf die Fachbegriffe zu verzichten, sie höchstens in Klammern anzufügen. Anders sieht es natürlich auf den Arzneimittelpackungen selbst aus – oder auch auf ärztlichen Rezepten (von lateinisch “recipere” = nehmen). Auf letzteren gibt es sogar noch eine Häufung von Verständnisproblemen, wenn sich dort nämlich Abkürzungen finden, die erst als lateinische Sätze aufgelöst und dann übersetzt werden müssen. Allerdings sind diese Kürzel auch nur für den Arzt oder Apotheker von Bedeutung, etwa das “D. S.” für “da signum” (schreibe [die Gebrauchsanweisung] dazu) oder das “M. f. ungt.” für “misce, fiat unguentum” (mische und mache eine Salbe daraus).
Glossar I: Fachärzte
Die Bezeichnungen für Fachärzte kommen weitgehend aus dem Griechischen. Sie setzen sich zusammen aus dem Namen des Gegenstands der Behandlung, meist eines Körperteils (z.B. “derma”, die Haut oder “proktos”, der Mastdarm) und der Eindeutschung von “logos” (griech. die Lehre). Dabei tanzt nur der Orthopäde aus der Reihe. Sein Name leitet sich aus den griechischen Begriffen “orthos” (gerade, richtig) und “paideia” (Erziehung) ab.
- Dermatologe – Facharzt für Hauterkrankungen
- Endokrinologe – Facharzt für Hormon- und Drüsenerkrankungen
- Gastroenterologe – Facharzt für Magen-Darm-Erkrankungen
- Kardiologe – Facharzt für Herzerkrankungen
- Nephrologe – Facharzt für Nierenerkrankungen
- Ophthalmologe – Augenarzt
- Orthopäde – Facharzt zur Behandlung angeborener oder erworbener Fehler des Bewegungsapparats
- Podologe – Facharzt für Problemfüße
- Proktologe – Facharzt für Darmerkrankungen, insbes. des Enddarms
- Pulmologe – Facharzt für Lungen- und Bronchialerkrankungen
Glossar II: Arzneimittelgruppen
Auch hier sind die Begriffe meist griechischen Ursprungs, werden aber wie lateinische Wörter behandelt – mit den Endungen “-um” (Bsp. das Antibiotikum) im Singular und “-a” (die Antibiotika) bei der Pluralbildung.
- Analgetika – schmerzstillende Mittel
- Antiadiposita – Mittel gegen Fettleibigkeit, Schlankmacher
- Antiallergika – Mittel gegen Allergien
- Antibiotika – “Mittel gegen Lebendes” (Viren, Bakterien, etc.)
- Antidota – Gegenmittel, besonders gegen Gifte
- Antiemetika – Mittel gegen Erbrechen
- Antimykotika – Mittel gegen Pilzerkrankungen
- Antitussiva – hustenstillende Mittel
- Diuretika – Mittel zur Steigerung der Harnausscheidung
- Mukolytika – schleimlösende Mittel
- Vasodilatatoren – Substanzen zur Gefäßerweiterung
- Vasokonstriktoren – Substanzen zur Gefäßverengung
- Zytostatika – Mittel zur Hemmung des Zellwachstums
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