Olympische Idee im Abseits
Wie vier Jahre zuvor in Paris waren die Olympischen Spiele auch wiederum ein Teil einer Weltausstellung, der von St. Louis. Entsprechend lautete die Inschrift der Siegermedaillen auf der Vorderseite "Universal Exhibition" und auf der Rückseite "Olympiad". Die Wettbewerbe ragten nicht aus den übrigen Programmpunkten der Weltausstellung heraus. Folglich nahm die Öffentlichkeit die Spiele kaum als eigenständige Veranstaltung wahr.
Zum allgemeinen Desinteresse trugen auch Dauer und Anzahl der Wettkämpfe bei. Nach dem Willen der Veranstalter sollten sich die Konkurrenzen zeitlich nicht überschneiden. So fanden von Juli bis November fast 400 Entscheidungen statt, die sich aber nicht allesamt mit dem Prädikat "olympisch" schmücken durften, darunter auch Profi- und Schülermeisterschaften. Zu den Olympischen Spielen zählten die amerikanischen Organisatoren 104 Wettbewerbe in 16 Sportarten - darunter erstmals auch Boxen.
IOC-Präsident Pierre de Coubertin, der nicht vor Ort war, zeigte sich enttäuscht über die mangelhafte Herausstellung der olympischen Idee. Kritisch äußerte er sich auch über die sog. anthropologischen Tage: Wettbewerbe (u.a. im Steinwurf und Hindernislauf) für ethnische Minderheiten, organisiert von der völkerkundlichen Abteilung der Weltausstellung. Coubertin betrachtete diese "Konkurrenzen" als diskriminierend.
Größtes Team aus USA
Die hohen Reisekosten nach Übersee führten - im Vergleich zu den Spielen von 1900 - fast zu einer Halbierung der Teilnehmerzahlen: Ca. 680 Athleten traten an, davon kamen mehr als 500 Sportler aus den USA und 50 aus Kanada. In die Phalanx der sieggewohnten Amerikaner brach u.a. der Ire Thomas Kiely mit seiner Goldmedaille im Zehnkampf ein: Die Disziplinen - Läufe über 100y und die Meile, 120y Hürden, Gehen, Hoch-, Weit-, Stabhochsprung, Kugelstoßen, Hammer- und Gewichtwurf - mussten am selben Tag absolviert werden.
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Für einen Skandal sorgte Marathonläufer Fred Lorz (USA), der sich unterwegs von einem Begleitfahrzeug mitnehmen ließ, das er erst kurz vor dem Ziel wieder verließ. Lorz erhielt eine lebenslange Sperre, die aber bald aufgehoben wurde. Wichtig für den Bestand der Olympischen Spiele wurden die 2. Olympischen Spiele 1906 in Athen. Das IOC hatte 1901 gegen den Willen Coubertins beschlossen, alle zwei Jahre im Wechsel in Athen und anderen internationalen Städten Spiele durchzuführen. Nach den Problemen in Paris und St. Louis waren die Spiele 1906 in Athen wie 1896 ein großer Erfolg. Erstmals gab es einen Einmarsch der Nationen und fast durchweg Gold-, Silber- und Bronzemedaillen. Die geplanten Spiele in Athen 1910 und 1914 fielen Kriegen zum Opfer. Später wurden die Olympischen Spiele von 1906 zu sog. Zwischenspielen degradiert.



