Im Februar 1965 sahen die Verantwortlichen des amerikanischen Fernsehsenders NBC den von ihnen finanzierten Pilotfilm der Serie Star Trek – und lehnten ihn ab. Zu diesem Zeitpunkt war der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt, die Frauenbewegung hingegen eher noch in der Steinzeit - und so mochte wohl niemand daran glauben, dass es in naher Zukunft zu einer Gleichberechtigung zwischen Nationen, Kulturen oder Geschlechtern kommen könnte. Genau dies aber war die Idee, die der 45jährige Airforce-Pilot und Star Trek-“Vater“ Gene Roddenberry in seiner Serie aufgreifen wollte.
Die Handlung war so simpel wie umstritten: Eine Raumschiffbesatzung reist “in einer ferner Zukunft“ zu ebenso fernen Planeten, um fremde Lebensformen und Welten zu entdecken. Das Besondere dabei: Alle Mitglieder der Besatzung sollten gleichberechtigt sein. Dies galt für Männer und Frauen genauso wie für unterschiedliche Kulturen und Nationen. Eine im wahrsten Sinne des Wortes zukunftsweisende Idee, die allerdings gleich nach der Vorführung des Pilotfilms “The Cage“ zu heftigen Diskussionen zwischen NBC Networks und den Machern von “Star Trek“ führte.
Querelen um “The Cage“
Stein des Anstoßes war unter anderem, dass der Erste Offizier des Raumschiffs Enterprise eine Frau war. Die Schauspielerin Majel Barrett sollte in dieser Rolle gleich nach Captain Pike (Jeffrey Hunter) die Geschicke des Schiffs und der Besatzung lenken. NBC befürchtete, dass das amerikanische Publikum nicht bereit sei, eine Frau in solch einer exponierten Stellung hinzunehmen.
Ähnliche Probleme sah der Sender bei anderen Besatzungsmitgliedern. Zum Beispiel wurde der Vulkanier Mr. Spock (Leonard Nimoy) abgelehnt, weil seine äußere Erscheinung “zu satanisch“ wirke. NBC glaubte, dass sich religiöse Zuschauer in ihrem Glauben verletzt fühlen könnten. Gene Roddenberry indes verfolgte mit der Figur des spitzohrigen Vulkaniers ganz andere Motive: Die Entscheidung für einen Außerirdischen als Besatzungsmitglied sollte die multikulturelle Idee von Star Trek hervorheben. Dies war umso bemerkenswerter, da bis zu diesem Zeitpunkt in der Science Fiction-Literatur Außerirdische immer als das personifizierte Böse galten. Roddenberry konterkarierte mit seiner multiethnischen Idee also nicht nur reale Feindbilder, sondern auch literarische.
Das Resultat der Querelen: Es wurde, zum ersten Mal in der Geschichte des Fernsehens, ein weiterer Pilotfilm mit einigen Änderungen gedreht.
Pilotfilm Nr.2
Da NBC den Enterprise-Captain eher als Action-Helden sah, wurde in der neuen Version aus Captain Pike (Jeffrey Hunter) Captain Kirk (William Shatner) – und damit aus einem eher stillen, fast farblosen Raumschiffkommandaten ein mit allen Wassern gewaschener Weltraum-Cowboy (Gene Roddenberry selbst übrigens charakterisierte Captain Kirk einmal als “a space-age Captain Horatio Hornblower“).
Auch Majel Barett als Erste Offizierin musste weichen, ergatterte aber später eine andere Rolle, die der NBC offenbar geschlechtsspezifisch kompatibler schien: Sie war fortan in der Serie als Krankenschwester (Schwester Chapel) zu sehen.
Mr. Spock hingegen blieb der Serie trotz der Bedenken des Senders erhalten. Das allerdings war nur Gene Roddenberry zu verdanken, der die Figur nicht aufgeben wollte. Ebenso hartnäckig hielt Roddenberry an seiner ursprünglichen Idee fest, dass an Bord der Enterprise weit gehend Gleichberechtigung herrschen solle. Deutlichstes Zeichen dafür: Auch im zweiten Pilotfilm war die Brücken-Crew mit dem Vulkanier Mr. Spock, dem Russen Pavel Checkov (Walter Koenig) und dem asiatischen Mr. Sulu (George Takei) multiethnisch. Und mit Lieutenant Uhura (Nichelle Nichols) gab es auch eine frühe intergalaktische Quotenfrau.
Der zweite Pilotfilm sicherte Roddenberry den Auftrag, Star Trek als Fernsehserie zu produzieren - das Publikum allerdings reagierte nach der Ausstrahlung im US-Fernsehen zum Teil empört auf seine fortschrittlichen Ideen.
Mr. Checkov und Mr. Sulu - Amerika sieht rot
Besonders hoch schwappten die Wogen der Entrüstung wegen der Figur Mr. Checkovs, Navigator des Schiffs. Denn offenkundig handelte es sich hierbei um einen Russen! Und das überforderte das US-amerikanische Publikum auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges – zu einer Zeit, als die USA die ehemalige Sowjetunion als den Feind schlechthin betrachtete – offenbar deutlich. Es hagelte Protestbriefe, die Leute wollten keinen netten, freundlichen Russen auf ihrem Fernseher sehen - und schon gar nicht als Offizier eines US-Raumschiffs. Trotz dieser Kritik bestand Gene Roddenberry darauf, dass Mr. Checkov “an Bord“ bleiben durfte.
Mit der Rolle von Mr. Sulu hatten die amerikanischen Zuschauer anscheinend weniger Probleme. Trotz der Frustrationen über das Patt im Koreakrieg (1950-1953) und der kommunistischen Übernahme Chinas kam es zu keiner Kritik an dieser asiatisch gezeichneten Figur auf der Brücke der Enterprise. Auch der spätere Vietnamkrieg (1965-1973) führte zu keinerlei negativen Reaktionen - was in Anbetracht der massiven Proteste gegen die Figur Mr. Checkovs wirklich verwunderlich ist.
Das Frauenbild - von der “Weltraumhausfrau“ zum Commander
Weniger erfolgreich konnte Roddenberry seine Idee der geschlechtlichen Gleichberechtigung durchsetzen. Nachdem Majel Barett als Erste Offizierin bereits nach dem ersten Pilotfilm “geschasst“ worden war, übernahmen Frauen in Star Trek zunächst weniger wichtige Rollen. Die weiblichen Besatzungsmitglieder tauchten eher in traditionellen Rollenbildern auf - etwa als Krankenschwester - oder dienten dazu, die Handlung erotisch “aufzupeppen“. Kurzum: Sie waren weniger Führungskräfte als vielmehr begehrenswerte “Weltraumhausfrauen“.
Dies zeigten auch die Uniformen der ersten Serie. Entsprechend der vorherrschenden Mode - der Minirock war der Hit des Jahres 1965 – trugen die Frauen an Bord der Enterprise ausschließlich Minikleider. Aber die Zeiten änderten sich – in den späteren Serien dominieren die Unisex-Uniformen. Zwar tauchen ab und zu heute noch Röcke auf, die offizielle Uniform beschränkt sich jedoch mittlerweile auf Hosen und Jacken für beide Geschlechter.
Eine wirkliche Veränderung des Frauenbildes brachte erst die Serie The Next Generation (September 1987): Frauen waren wesentlich stärker in Entscheidungsprozesse eingebunden und mit entsprechender Autorität ausgestattet - auch wenn sie meist noch immer “klassisch“ den sozialen Bereich abzudecken hatten. Eine Ausnahme bildete nur Tasha Yar (Denise Crosby) als Sicherheits-Chefin an Bord.
1995 schließlich - 29 Jahre, nachdem die Studio-Bosse Majel Barett als Erste Offizierin von der Brücke der Enterprise vertrieben hatten - übernahm mit Captain Janeway (Kate Mulgrew) erstmals eine Frau das Kommando über ein Raumschiff der Serie, in diesem Fall die Voyager.
Multikulti-Skandal anno 1969: Kirk küsst Uhura
Die wohl größte Empörung beim Publikum rief in den 1960ern die farbige Schauspielerin Nichell Nichols als Lieutenant Uhura hervor. Rassisten liefen Sturm gegen die Besetzung - besonders als es 1969 in der Folge “Platós Stepchildren“ zum ersten Kuss der amerikanischen Fernsehgeschichte zwischen einem “Weißen“ (Captain Kirk) und einer Afroamerikanerin (Lieutenant Uhura) kam. Der gesellschaftliche Hintergrund für derartige Kritik war die jahrelang praktizierte Rassentrennung in den USA und der fortdauernde gesellschaftliche Rassismus.
Zwar hatten die USA unter Präsident Truman bereits 1948 die Rassentrennung in Militär und Behörden aufgehoben und mit dem “Voting Rights Act“ von 1965 allen afroamerikanischen Bürger das Wahlrecht verliehen - was aber keinesfalls zu einer Beendigung der Rassenfrage führte. 1968 kam es nach der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King in über 100 Städten zu den bis dato schwersten Rassenunruhen, bei denen über 43 Menschen getötet wurden.
Kaum verwunderlich also, dass der Kuss eines weißen Weltraum-Captain und seiner schwarzhäutigen Kollegin für so viel Wirbel sorgte! Die Zuschauerreaktionen zeigten auf jeden Fall, dass diese deutliche Stellungnahme der Star Trek-Produzenten zum Rassenproblem große Aufmerksamkeit erregte.
Integration gesellschaftlicher Randgruppen
Das Konzept einer multikulturellen und -ethnischen Besatzung wurde in den folgenden Jahren weiter ausgebaut. So übernahm in Deep Space Nine 1993 erstmals ein Afroamerikaner, der Schauspieler Avery Brooks als Commander Sisko, das Oberkommando über eine Raumstation.
In The Next Generation und Raumschiff Voyager versuchte man, auch andere Randgruppen zu integrieren. Mit der Rolle des Lieutenant Geordi LaForge, gespielt von LeVar Burton, kam ein Blinder als festes Mitglied an Bord. Ihren Namen erhielt die Figur übrigens in Gedenken an den behinderten Star Trek-Fan George La Forge.
Markus Kompisch



