Europäischer Gedanke oder Nationalismus, Integration oder Ausweisung, Wettbewerbsfähigkeit oder wirtschaftliche Abschottung: Wenn die Franzosen am Sonntag über ihren zukünftigen Präsidenten abstimmen, haben sie die Wahl zwischen zwei Kandidaten, deren Positionen unterschiedlicher nicht sein könnten. In der Stichwahl müssen sie sich zwischen der Rechtspopulistin Marine Le Pen vom Front National und dem sozialliberalen Emmanuel Macron mit seiner eigens für die Wahl gegründeten Partei "En Marche!" entscheiden.
Au revoir, Europa?
Die beiden Amtsanwärter hatten im ersten Wahlgang am 23. April die meisten Stimmen erhalten und sich damit gegen neun Mitbewerber durchgesetzt. Eine absolute Mehrheit konnten sie mit jeweils gut 20 Prozent jedoch nicht gewinnen. Deshalb müssen sie nun in einem zweiten Wahlgang gegeneinander antreten. Deutschland und Europa schauen mit Anspannung auf die anstehende Entscheidung. Denn ein Erfolg Le Pens würde den Kontinent verändern - und womöglich das Ende der viel zitierten deutsch-französischen Freundschaft bedeuten.
Die rechtsextreme Politikerin sieht sich durch den Wahlsieg von Donald Trump und den "Brexit" der Briten in ihrem Kurs bestärkt. Schließlich will sie Frankreich über einen Ausstieg aus der Eurozone abstimmen lassen, den Neuen Franc als Währung einführen und unter Umständen sogar aus der Nato austreten. Außerdem verspricht die Chefin des Front National eine drastische Verschärfung des Asylrechts. Sie fordert die Ausweisung ausländischer Straftäter und plant eine höhere Besteuerung von Produkten von Firmen, die Fabriken ins Ausland verlagern.
Gemäßigtes Image
Mit ihren radikalen Positionen spricht Le Pen vor allem Menschen mit Frust und Ängsten an. Ihnen bietet sie einfache Erklärungen für ihre Probleme - und einfache Lösungen: Mal ist die "massive Einwanderung" schuld, mal ist es die Entmündigung durch die "Technokraten" aus Brüssel. "Feindbilder sind ein fester Bestandteil in der Rhetorik von Marine Le Pen", schreibt die Journalistin Tanja Kuchenbecker, die ein Buch über die Rechtspopulistin verfasst hat.
Dabei geht Le Pen äußerst geschickt vor. Denn obwohl sie weiter auf extremem Kurs gen rechts außen ist, hat sie es geschafft, ihrer Partei ein gemäßigteres Image zu verpassen. Als Le Pen 2011 den Parteivorsitz von ihrem Vater übernahm, verordnete sie dem Front National eine "Entteufelung". Offener Rassismus und Antisemitismus werden seitdem geahndet. Die guten Wahlergebnisse zeugen vom Erfolg dieser Strategie. Und auch Affären um Scheinbeschäftigungen von Parteimitgliedern im EU-Parlament haben Le Pens Beliebtheit bislang keinen Abbruch getan.
"Europa im Herzen"
Emmanuel Macron ist mit seinem Motto "Ich habe Europa im Herzen" der prominenteste Widersacher der Rechtspopulistin. Auch er steht für Wandel - jedoch ohne Extreme. Der Ökonom will die Eurozone in enger Zusammenarbeit mit Deutschland reformieren. Am aktuellen Flüchtlingskurs hält er fest und plant, mehr in die Integration zu investieren. Für die Sicherheit im Land will Macron durch neue Polizeistellen und mehr Gefängnisplätze sorgen. Außerdem will der Ex-Wirtschaftsminister Frankreich wettbewerbsfähiger machen und Tausende Stellen im Öffentlichen Dienst streichen.
Macron positioniert sich selbst weder links, noch rechts. Allerdings wird ihm oft unterstellt, die Interessen der Wirtschaft zu vertreten. Im Wahlkampf setzte der Politiker daher auf Transparenz und Unabhängigkeit: Seine Bewegung "En Marche!" finanziert sich nach eigenen Angaben durch private Spenden. Er sei frei und die Finanzierung transparent, betonte Macron immer wieder. Auf einen klassischen Parteiapparat verzichtet er bewusst. Falls er zum Präsidenten gewählt wird, soll ein großer Teil seiner Minister nicht aus der Politik kommen.
Schon alles entschieden?
Nach seinem knappen Sieg im ersten Wahlgang gilt Emmanuel Macron auch für die zweite Runde als Favorit. Einige nennen den 39-Jährigen bereits "den französischen Kennedy". Die Umfrageinstitute sehen ihn deutlich vor Le Pen. Doch wie sicher ist sein Sieg über die rechtsextreme Kontrahentin wirklich? Ist schon alles entschieden? "Von wegen. Wer das glaubt, unterschätzt Marine Le Pen, die begnadete Populistin", kommentiert der Frankreich-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Christian Wernicke, in einem Artikel auf Sueddeutsche.de.
Es ist vor allem Le Pens Talent für perfekt inszenierte Auftritte das Macron Stimmen kosten könnte, glaubt der Journalist. Zu sehen war das zum Beispiel Ende April, als beide Politiker bei streikenden Fabrikarbeitern auftauchten. Le Pen wurde für ihre Parolen beklatscht und machte zahlreiche Selfies. Macron hingegen erntete an selber Stelle Pfiffe, obwohl er sich konkret mit den Sorgen der Arbeiter auseinandersetzte: "Er hatte die besseren Argumente, aber miese Fernsehbilder. Vernunft allein entscheidet keine Wahl", schreibt Wernicke.
Kampf um fremde Stimmen
Doch egal ob sie Vernunftentscheidungen treffen oder ihr Kreuzchen aus dem Bauch heraus setzen - entscheidend für den Wahlausgang sind jene Wähler, die im ersten Durchgang weder für Macron, noch für Le Pen gestimmt haben. Besonders intensiv buhlen die beiden Amtsanwärter um die Anhänger des Linksaußen-Politikers Jean-Luc Mélenchon. Denn die könnten das Zünglein an der Waage sein und stehen vor einem seltsamen Dilemma: Einerseits steht ihnen Le Pen als Anti-Establishment-Kandidatin näher als Macron. Andererseits ist sie als Rechtsextreme für links Gesinnte quasi tabu.
Zwar hat Mélenchon seine Wähler eindringlich vor der Rechtspopulistin Le Pen gewarnt. Zu einer eindeutigen Wahlempfehlung aber konnte er sich nicht durchringen - ganz anders als noch im Präsidentschaftswahlkampf vor fünf Jahren. So schweigt sich Mélenchon darüber aus, ob er selbst Macron wählt oder gar nicht wählen will und wen seine Anhänger wählen sollen.
"Sich nicht zu entscheiden bedeutet, sich für Marine Le Pen zu entscheiden", appelliert Macron. Le Pen wiederum ruft die Mélenchon-Wähler im Internet dazu auf, Macron zu verhindern. Wer beim Werben um die Stimmen der ausgeschiedenen Kandidaten mehr Erfolg hatte, wird sich am Sonntag zeigen.



