Der Streit und die notwendigen Strategien
„Der Begriff Unterschicht ist ein Begriff von lebensfremden Soziologen", erklärt beispielsweise Vizekanzler Franz Müntefering (SPD), während CSU-Generalsekretär Markus Söder der SPD vorwarf, dass es sieben Jahre Rot-Grün gewesen seien, die zur Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit geführt hätten. So schnell viele Politiker jetzt mit Schuldzuweisungen reagieren: Herauszufinden, wer schuld trägt an dieser Entwicklung, ist ebenso wichtig, wie Strategien zu entwickeln, die mittel- und langfristig greifen und etwas gegen die neue Armut und die Hoffnungslosigkeit gesellschaftlicher Gruppen tun.
Unterschicht und Prekariat
Unterschicht hin oder her: Die Undurchlässigkeit von unten nach oben existiert längst nicht mehr – das belegen die ersten Ergebnisse der Studie nachdrücklich. In mehreren der klassifizierten „politischen Typen“ sind Aufsteiger in erheblicher Stärke vertreten. Und eine massenhafte, extreme materielle Armut mit Hunger und Not, die früher Kennzeichen der unteren Schichten waren, kann für den Sozialstaat Deutschland wohl schwerlich festgestellt werden. Trotz aller Einzelfälle, aus denen Gegenteiliges deutlich wird. Deutschland ist – zumal im internationalen Vergleich – kein armes Land, selbst wenn es immer mehr Armut in Deutschland gibt. Und die Zeiten, in denen ein kämpferisches Proletariat beschworen werden konnte, sind ebenfalls lange vorbei. Allerdings hat Armut heute ein anderes Gesicht als früher und beschränkt sich eben nicht nur auf ein geringes Einkommen und Materielles.
So akademisch-konstruiert der Begriff „Prekariat“ klingt, er zielt bei den immerhin 6,5 Millionen in Ost und West auf eine gemeinsame Geisteshaltung und ähnliche politische Einstellungen. Bildungsfern und enttäuscht von den Parteien, setzen die Mitglieder dieser Gruppe, so die Studie, doch auf einen stark regulierenden Staat, der soziale Absicherung garantiert. „Viele erleben den gesellschaftlichen Abstieg“, heißt es in der Untersuchung vom Institut TNS Infratest. Dementsprechend hoffnungslos, unsicher und schwierig – eben „prekär“ – sei das Lebensgefühl dieser Gruppe.
Die Studie
Die Untersuchung von der TNS Infratest Sozialforschung Berlin, die die Friedrich-Ebert-Stiftung beauftragt hat und am Ende dieses Jahres erschein, identifiziert neun „Politische Typen“, die vor allem nach ihren politischen Wertevorstellungen und Einstellungen unterschieden werden. Dazu gehören u. a. die „Leistungsindividualisten“ (11 Prozent der Wahlbevölkerung), das „Engagierte Bürgertum (10 Prozent), die „Bedrohte Arbeitnehmermitte (16 Prozent) und eben das „Abgehängte Prekariat“ (8 Prozent).
Das Prekariat
6,5 Millionen oder acht Prozent der deutschen Bevölkerung zählen zum so genannten „abgehängten Prekariat“. Prekariat stammt von prekär (unsicher, schwierig) und lässt zugleich die Assoziation „Proletariat“ zu. Das „Abgehängte Prekariat“ weist einen hohen Anteil an Geringverdienern und Arbeitslosen auf und ist zugleich ein stark ostdeutsch und männlich dominierter Typ . Nichtwähler sind hier ebenso überproportional vertreten wie Wähler der Linkspartei und rechtsextremer Parteien.
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