Stürmischer November 1918
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Stürmischer November 1918

Bild: Foto: Theodor Paul, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Matrosen hatten in Kiel eine spontane Meuterei begonnen und wurden so unerwartet zum Träger der revolutionären Bewegung. Verfolgen Sie mit uns die ersten stürmischen Novembertage des Jahres 1918 bis zur zweifachen Ausrufung der Deutschen Republik.

29. Oktober: Der Matrosenaufstand

Ende Oktober 1918 verweigerten Matrosen deutscher Linien- und Kriegsschiffe den Gehorsam. Die in Wilhelmshaven und Kiel liegende Hochseeflotte hatte den Befehl erhalten, zu einem letzten Kampf gegen die britische Flotte auszulaufen. Das Ziel der führenden Offiziere benannte Magnus von Levetzow genau: damit "aus einem ehrenvollen Kampf der Flotte, auch wenn er ein Todeskampf wird, eine neue deutsche Zukunftsflotte" hervorginge. Doch da die Matrosen nicht bereit waren, um der "Ehre" willen auf eine sichere Todesfahrt zu gehen, mussten das Unternehmen abgebrochen werden. Die Aktion der Admiralität würde in den Augen der Matrosen die bereits begonnenen Friedensverhandlungen mit den Alliierten zum Scheitern bringen. Da das Auslaufen weder mit der Reichsregierung noch mit dem Kaiser verabredet war, verstanden die Matrosen den Befehl als Meuterei gegen die neue Regierung, deren Vertreter Matthias Erzberger und Philipp Scheidemann ihnen als Garanten für den Frieden erscheinen. Die Meuterei der Matrosen gegen eine letzte selbstmörderische Aktion der Kriegsflotte hatte in Wilhelmshaven begonnen und sich rasch auf die anderen Flottenstützpunkte ausgedehnt. Nach der Verhaftung von 1000 Aufständischen, denen die standrechtliche Erschießung drohte, kam es zur Erhebung nahezu aller Schiffsbesatzungen, der Dockarbeiter und der Heeressoldaten in den Küstenstädten.


3. November: Aufstand in Kiel leitet Revolution im Deutschen Reich ein

Doch Rettung schien zu nahen: In Kiel versammelten sich am 3. November Tausende von Arbeitern und Soldaten zu einem Demonstrationszug, um die Freilassung der Verhafteten zu fordern. Der Kommandant der örtlichen Marinestation gab Schießbefehl, woraufhin sich die Soldaten der örtlichen Garnison dem Aufstand anschlossen. Am 4. November wählten aufständische Matrosen der kaiserlichen Flotte in Kiel einen Soldatenrat, der die Macht in der Stadt übernahm. Die Aufständischen verfügten über 40 000 bewaffnete Soldaten, mit denen sie die Inhaftierten des Matrosenaufstands vom 29. Oktober befreiten.

Mit der Entsendung des Sozialdemokraten Gustav Noske ins aufständische Kiel versuchte die Mehrheits-SPD, die Kontrolle über die beginnende Revolution zu gewinnen und sich zum Verhandlungsführer der Aufständischen zu machen. Die Matrosen hatten eine spontane Meuterei begonnen und waren jetzt unerwartet zum Träger der revolutionären Bewegung geworden.

7. November: SPD revolutioniert gegen sich selbst

Auf einer Versammlung in Hamburg solidarisierten sich Soldaten und Arbeiter und riefen den Generalstreik aus. Von hier aus griff die Bewegung auf Bremen und Lübeck über. Einen Tag später kontrollierten Arbeiter- und Soldatenräte die Städte Wilhelmshaven, Bremerhaven, Oldenburg, Schleswig, Lüneburg, Hannover sowie die gesamte mecklenburgische Küste. Trotz des Versuchs der SPD, die Kieler Matrosenerhebung auf die wesentlichen unpolitischen Forderungen zu beschränken, ließ sich der Aufstand nicht unter Kontrolle halten. Die Kieler Ereignisse wirkten wie ein Fanal, das unmittelbar revolutionäre Aktionen auslöste. Hatte die Erhebung zunächst den Charakter einer Militärrevolte, so wurde sie mit ihrer Ausbreitung von Norden nach Süden zu einer revolutionären Bewegung, die weite Teile der Bevölkerung erfasste. Am 7. November griff die Revolution auf die Städte des Ruhrgebiets, der sächsisch-thüringischen Industrieregion und den Großteil Süddeutschlands über.

Die Soldaten- und Arbeiterräte verstanden sich als eigenständige Organisation unabhängig von Parteien und Gewerkschaften. Sie besaßen kein einheitliches politisches Konzept für die Umgestaltung des Staates, befürworteten jedoch die Zusammenarbeit mit MSPD und USPD. Die politische Führung in den von den Räten beherrschten Orten lag bei den Parteiorganisationen beider sozialdemokratischer Partei-Gruppierungen. Damit befand sich die Mehrheits-SPD in einer zwiespältigen Lage. Als politische Führung der Räte bei gleichzeitiger Beteiligung an der Reichsregierung machte sie Revolution gegen sich selbst.

Um aus diesem Zwiespalt herauszukommen, richtete Philipp Scheidemann, Staatssekretär in der Regierung, am 7. November ein Ultimatum an Reichskanzler Max von Baden, das den Rücktritt des Kaisers und den Thronverzicht des Kronprinzen forderte. Geschehe dies nicht, werde die MSPD aus der Regierung austreten. Die MSPD versuchte sich mit diesem Ultimatum als Sprecher der revolutionären Bewegung zu etablieren und durch die Opferung der Hohenzollern-Herrscher die parlamentarische Ordnung zu erhalten, die sie selbst mit der Oktoberverfassung durchgesetzt hatte.

9. November: Kaiser Wilhelm muss gehen

Im Deutschen Reichstag in Berlin geht um etwa 14 Uhr die Meldung ein, Wilhelm II. sei bereit, als deutscher Kaiser abzudanken, nicht aber als König von Preußen. Bereits gegen 12 Uhr hatte Reichskanzler Max von Baden dem Wolffschen Telegrafenbureau eigenmächtig die Nachricht zugehen lassen, der Kaiser habe sich entschlossen, "dem Throne zu entsagen". Max von Baden war spätestens seit dem Morgen des 9. November selbst davon überzeugt, dass an der Abdankung des Kaisers kein Weg mehr vorbeiführte, denn die Oberste Heeresleitung hatte bekanntgegeben, im Falle eines Bürgerkrieges werde die deutsche Armee mit Zustimmung der Heeresleitung nicht mehr hinter dem Kaiser stehen. Im Verlaufe des Vormittags häuften sich die Meldungen über meuternde Truppen.

Um den in seinen Augen schmachvollen Sturz des Kaisers im letzten Moment doch noch zu verhindern, entschloss sich der Kanzler, eigenmächtig die Abdankung des Kaisers zu verkünden, außerdem selber zurückzutreten und stattdessen den Sozialdemokraten Friedrich Ebert als Kanzler vorzuschlagen, dem die Vorbereitung baldiger allgemeiner Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung obliegen sollte.

Scheidemann ruft die Republik aus

Gegen Mittag verkündete die SPD-Fraktion den Austritt aus der Regierung und verlangte die Übernahme des Reichskanzleramtes, das daraufhin dem Abgeordneten Friedrich Ebert übertragen wurde. Von den revolutionären Ereignissen des Tages war die Mehrheits-SPD ebenso wie alle anderen Parteien überrascht worden. Sie war jedoch wegen Eberts Amtsübernahme, der Organisation eines Aktionsausschusses der Betriebsvertrauensleute und bereits laufender Koalitionsverhandlungen mit den unabhängigen Sozialdemokraten besser auf die Volkserhebung vorbereitet. Scheidemann nutzte die revolutionäre Bewegung, um der Bevölkerung die Regierungsübernahme der SPD zu verkünden und rief von einem Balkon des Deutschen Reichstags die Deutsche Republik aus:

"Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Die Hohenzollern haben abgedankt! Der Abgeordnete Ebert ist zum Reichskanzler ausgerufen worden. Ebert ist damit beauftragt worden, eine neue Regierung zusammenzustellen. Dieser Regierung werden alle sozialistischen Parteien angehören. Jetzt besteht unsere Aufgabe darin, diesen glänzenden Sieg, diesen vollen Sieg des deutschen Volkes nicht beschmutzen zu lassen, und deshalb bitte ich Sie, sorgen Sie dafür, dass keine Störung der Sicherheit eintrete. Wir müssen stolz sein können, in alle Zukunft auf diesen Tag. Sorgen Sie dafür, dass die neue deutsche Republik, die wir errichten werden, nicht durch irgendetwas gefährdet werde! Es lebe die deutsche Republik!"


Liebknecht ruft ebenfalls die Republik aus

Zwei Stunden später proklamierte Karl Liebknecht vor dem Berliner Schloss die freie sozialistische Republik. Liebknecht war Angehöriger der Spartakusgruppe, die den linken Flügel der unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) vertrat. Die Spartakusgruppe und die von ihr gestützten Revolutionären Obleute hatten den Aufstand der Berliner Arbeiter für den 11. November festgelegt und wurden von der spontanen Erhebung überrascht. Liebknecht versuchte, die revolutionären Arbeiter und Soldaten für seine sozialistische Rätedemokratie nach sowjetischem Vorbild zu gewinnen. Er wusste jedoch, dass der Führer der Mehrheits-Sozialdemokraten (MSPD), Friedrich Ebert, bereits zum Reichskanzler ernannt wurde und dass die Mehrheit der USPD über eine Regierungsbildung mit der MSPD diskutierte. Mit der Proklamation sollte die nach Ansicht des Spartakusbundes bürgerliche Revolution zu einer sozialistischen umfunktioniert werden. Vor den versammelten revolutionären Arbeitern und Soldaten erklärte Liebknecht (Auszug):

"Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden erzwungen. Der Friede ist in diesem Augenblick geschlossen. Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzoller, die in diesem Schloss jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland…

Durch dieses Tor wird die neue sozialistische Freiheit der Arbeiter und Soldaten einziehen. Wir wollen an der Stelle, wo die Kaiserstandarte wehte, die Rote Fahne der freien Republik Deutschland hissen…

Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen…

Wir müssen alle Kräfte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung des Friedens, des Glücks und der Freiheit unserer deutschen Brüder und unserer Brüder in der ganzen Welt.

Wir reichen ihnen die Hände und rufen sie zur Vollendung der Weltrevolution auf."

10. November: Die erste Regierung der Republik

Nach Verhandlungen zwischen USPD und MSPD bildeten beide Parteien eine Koalition und konstituierten den "Rat der Volksbeauftragten". Das sechsköpfige Gremium, das vom Berliner Arbeiter- und Soldatenrat unterstützt wurde, war die erste Regierung der deutschen Republik. Gleichberechtigte Vorsitzende des Rates waren Hugo Haase (USPD) und Friedrich Ebert (MSPD), der sich allerdings den Titel "Reichskanzler" sicherte. Der ersten republikanischen Regierung gehörten außerdem Wilhelm Dittmann (USPD), Otto Landsberg (MSPD), Philipp Scheidemann (MSPD) sowie Emil Barth (USPD) an. Die Führer des Spartakusbundes und der Revolutionären Obleute, Karl Liebknecht und Richard Müller, hatten sich geweigert, der neuen Regierung beizutreten. Ebert übernahm die ständige Leitung der Reichskanzlei und übte damit praktisch das Amt des Reichskanzlers aus. Dadurch, dass SPD, Zentrum und Liberale die wichtigsten Staatssekretariate besetzten, blieb die alte Reichstagsmehrheit an der Macht.

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