Leidensgeschichte T-Aktie
Es mutet schon wie ein perfides Gesellschaftsspiel an: Fast täglich müssen Deutsche Telekom-Aktionäre den Atem anhalten. Wie in einer Anspielung auf einen Hollywood-Hit der frühen 90er Jahre grüßt die Anleger seit Wochen das Allzeittief: Erst der Sturz unter den Ausgabepreis, dann unter zwölf, elf – schließlich gar zehn Euro. Vorläufiger Tiefststand: 8,91 Euro.
Keine Frage: Der Wind bläst der Telekom scharf entgegen. Vor allem die Aktionäre sind angesichts des Kurseinbruchs der einst als “Volksaktie” bezeichneten Telekom-Anteilsscheine aufgebracht. Konzernlenker Ron Sommer wird immer mehr zum Krisenmanager und versucht die Anleger mit Schuldverteilung zu besänftigen: “Die Analysten, die uns damals hochgejubelt haben, machen uns jetzt nieder”, erklärte Sommer im Vorfeld der turbulenten Telekom-Hauptversammlung.
Zumindest beäugt die Analystenzunft die Telekom – wie den ganzen Sektor – inzwischen kritischer denn je: Vor allem die anhaltend hohen Abschreibungen, die Unsicherheiten beim Aufbau der UMTS-Netze und die damit verbundenen gigantischen Verschuldungen sorgen mittlerweile fast regelmäßig für eine geharnischte Analystenschelte. So nahmen die Investmentbanken Goldman Sachs, Merrill Lynch und Lehmann Brothers allein im Mai ihre Einstufungen zurück; die Ratingagentur Moody's stufte gar die Kreditwürdigkeit der Telekom herab.
Telekom-Aktien auf Tauchstation
Konzernchef Ron Sommer begegnet dem dramatischen Kursverfall mit einer Mischung aus Zweckoptimismus und trotzigen Durchhalteparolen. Die T-Aktie hält Sommer auf dem gegenwärtigen Kursniveau entsprechend für deutlich unterbewertet: “Ich hätte nie geglaubt, dass man die Telekom in so starker Position so billig kaufen kann. Die T-Aktie ist mit 12 Euro ein Schnäppchen”, wurde Sommer noch vor Wochen zitiert. Befindet sich die Aktie unter zehn Euro nun also im 'Sommer-Schlussverkauf'?
Die aktuellen Quartalszahlen untermauern indes die Skepsis der Anleger: Der operative Verlust der Telekom vervierfacht sich auf 1,8 Milliarden Euro. Doch auch die Konkurrenz drängt sich nicht gerade durch Kaufsignale auf: So musste der weltgrößte Mobilfunk-Anbieter Vodafone seine Gewinnprognosen für das deutsche Tochterunternehmen D2/Omnitel unlängst deutlich zurücknehmen. Statt der angenommenen 6,5 Milliarden Euro werde der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (ebitda) nun nur noch rund sechs Milliarden Euro betragen, hieß es unlängst aus London.
Schulden, Pleiten und Übernahmen
Gemessen am Status Quo der Branche sind das echte Luxus-Sorgen. Worldcom, das einst höchstbewertete Telekomunternehmen der Welt, kämpft inzwischen gar gegen eine drohende Pleite. Seit Jahresbeginn hat die Worldcom-Aktie bereits über 90 Prozent an Wert verloren, seit dem Allzeithoch über 99 Prozent – als Pennystock mit einem Kursniveau von gerade mal noch einem Dollar droht Anlegern der Totalverlust.
Die Ratingagentur Moody's hat bereits reagiert und Worldcoms Kreditwürdigkeit auf Junk-Status (“Schrott”) zurückgestuft, nachdem das Unternehmen seine Jahresprognose dramatisch gesenkt hatte. Eine Insolvenz des stark verschuldeten Telekomanbieters kann inzwischen nicht mehr ausgeschlossen werden. Unabwendbar ist der Konkurs bereits bei dem niederländisch-amerikanischen Konglomerat KPNqwest. Am Freitag, dem 21. Juni, wurden die für viele Milliarden Euro errichteten Datennetze endgültig abgeschaltet.
Diesem Schicksal scheint Mobilcom, der einstige Highflyer des Neuen Marktes, vorerst entgangen zu sein. In einer beispiellosen Schlammschlacht mit dem Anteilseigner und UMTS-Financier France Telecom hat Konzerngründer Gerhard Schmid Ende Juni allerdings endgültig die Führung über sein Unternehmen verloren. Letzten Berichten zufolge soll die Büdelsdorfer Telefonfirma komplett von der France Telecom übernommen und in ihre Mobilfunktochter Orange integriert werden.
Vabanquespiel UMTS
Den meisten kleineren Telekomanbietern droht ein ähnliches Szenario – vor allem in Anbetracht des kaum bezahlbaren Abenteuers UMTS. Mehr als 110 Millionen Euro haben sich Europas Telekom-Konzerne allein die Lizenzen in Deutschland, England, Frankreich, Italien, den Niederlanden und Polen kosten lassen - eine gigantische Investition in die Zukunft, die erst in Jahrzehnten zu refinanzieren ist.
“Da ist viel Geld verbrannt worden”, gibt der damalige VIAG Interkom-Chef Maximilian Ardelt zu. Das Telekom-Unternehmen teilt inzwischen ein ähnliches Schicksal wie Mobilcom und ist von einem der Global Player, der British Telecom, übernommen und eingegliedert worden. Angesichts der massiven Überschuldung der Branche für viele Konzerne die einzige Überlebenschance: Mit mehr als 230 Milliarden Euro stehen Europas Telekomkonzerne inzwischen in der Kreide.
Ob sich die Unternehmen von dieser Schuldenlast jemals wieder befreien können, wird zur Schicksalsfrage der Branche. Der Zukunftstechnologie UMTS kommt dabei die Schlüsselrolle zu, zumal der klassische Mobilfunkmarkt in Europa als gesättigt gilt und die Expansion in die USA aufgrund der unterschiedlichen Mobilfunkstandards wenig überschaubar bleibt. Sollte die dritte Mobilfunk-Generation UMTS nicht schnell den Kunden erreichen und zum durchschlagenden Erfolg werden, steht eine ganze Branche vor der großen Zerreißprobe.
Nils Jacobsen



