Unverständliche Wahlprogramme
Leben & Lifestyle

Unverständliche Wahlprogramme

Bild: Foto: Aciarium, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

"Damit die Wählerinnen und Wähler eine begründete Wahlentscheidung treffen können, sollten Parteien ihre Positionen klar und verständlich darstellen. Die Wahlprogramme sind dabei ein Mittel, um die eigenen Positionen darzulegen", erklärt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Die Wahlprogramme der Parteien zu studieren, kann die Entscheidung daher theoretisch erheblich erleichtern. Doch sind diese Texte für Laien überhaupt verständlich?

iStock.com, frimages

"Damit die Wählerinnen und Wähler eine begründete Wahlentscheidung treffen können, sollten Parteien ihre Positionen klar und verständlich darstellen. Die Wahlprogramme sind dabei ein Mittel, um die eigenen Positionen darzulegen", erklärt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Die Wahlprogramme der Parteien zu studieren, kann die Entscheidung daher theoretisch erheblich erleichtern. Doch sind diese Texte für Laien überhaupt verständlich?

"Schwer verdaulich"

Genau dies haben Brettschneider und seine Kollegen nun am Beispiel der Wahlprogramme zu den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen 2019 untersucht. Mithilfe einer Analyse-Software fahndeten die Forscher dabei unter anderem nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wörtern. Anhand dieser Merkmale bildeten sie den "Hohenheimer Verständlichkeitsindex". Er reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich).

Die Ergebnisse zeigten: Im Durchschnitt ist die Verständlichkeit der Landtagswahlprogramme in Brandenburg mit 8,2 Punkten etwas größer als die der Wahlprogramme in Sachsen, die 7,5 Punkte erreichen. Beide Werte sind für Brettschneider jedoch enttäuschend: "Alle Parteien haben sich in den letzten Jahren Transparenz und Bürgernähe auf ihre Fahne geschrieben. Mit ihren teilweise schwer verdaulichen Wahlprogrammen schließen sie jedoch einen erheblichen Teil der Wählerinnen und Wähler aus und verpassen damit eine kommunikative Chance", so sein Fazit.

Unverständlichkeit als Taktik?

Das formal verständlichste Wahlprogramm in Brandenburg liefert die SPD mit 10,0 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex. Auch 2014 hatte sie dort den ersten Platz belegt. Ihr folgt die CDU mit 9,3 Punkten. In Sachsen belegt die CDU mit 8,6 Punkten den ersten Platz, die SPD folgt mit 8,0 Punkten. Die AfD belegt in beiden Bundesländern den letzten Platz. Aus sprachlicher Perspektive sind ihre Programme am unverständlichsten.

Was aber sind die konkreten Probleme der Programme? "Alle Parteien könnten verständlicher formulieren", sagt Brettschneider. "Das beweisen gelungene Passagen in den Einleitungen und im Schlussteil. Die Themenkapitel sind hingegen das Ergebnis innerparteilicher Expertenrunden. Diesen ist meist gar nicht bewusst, dass die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler ihren Fachjargon nicht versteht. Zudem nutzen Parteien abstraktes Verwaltungsdeutsch auch, um unklare oder unbeliebte Positionen zu verschleiern."

Fachbegriffe und Wortungetüme

Vor allem für Leser ohne politisches Fachwissen sind dabei unter anderem die zahlreichen Fremd- und Fachwörter eine Verständlichkeitshürde. Wer kann schon mit den Begriffen "Build-Operate-Transfer" (FDP Brandenburg), "Melioration" (Grüne Brandenburg), "Prädatoren-Managementplan" (SPD Brandenburg), "Physician Assistent" CDU Sachsen) oder "Cybergrooming" (Linke Sachsen) auf Anhieb etwas anfangen?

Einen ähnlichen Effekt haben Wortzusammensetzungen oder Nominalisierungen, wie Brettschneiders Kollegin Claudia Thoms erklärt. Einfache Begriffe würden so zu Wortungetümen, wie "Nachtbeleuchtungsvorrichtungen" oder "Klimawandelanpassungsmaßnahmen". "Auch zu lange Sätze erschweren das Verständnis – vor allem für Wenig-Leser. Sätze sollten möglichst nur jeweils eine Information vermitteln", sagt Thoms. "Der längste Satz findet sich im Programm der Grünen (Sachsen) mit 83 Wörtern. Aber auch bei allen anderen Parteien tauchen überlange Sätze auf."

Populistische Sprache

Darüber hinaus haben die Hohenheimer Wissenschaftler erstmals auch die Verwendung populistischen Vokabulars untersucht. Dabei verwendeten sie die Anti-Elitismus-Dimension einer Wortliste von Rooduijn und Pauwels. Sie zählten, wie oft Begriffe aus dieser Wortliste in den jeweiligen Wahlprogrammen vorkommen.

Das Ergebnis: Im Schnitt enthalten die Programme in Sachsen etwas häufiger populistisches Vokabular als die Programme in Brandenburg. Die Sprache der Wahlprogramme ist aber in beiden Bundesländern nicht populistischer als in anderen Bundesländern. Die Sprache der Parteien rechts und links der Mitte enthält häufiger populistisches Vokabular als die Sprache der anderen Parteien: Die höchsten Durchschnittswerte zeigen sich bei der AfD. Es folgt die Linke.

"Populistische Rhetorik besteht natürlich aus mehr als aus einfachen Begriffen. Aber die untersuchten Begriffe sind gute und bewährte Indikatoren für Populismus", sagt Brettschneider. Gemein hätten Populisten unterschiedlicher Färbung, dass sie das Volk als Gegenspieler einer Elite begreifen. Typischerweise fokussierten Rechtspopulisten dabei vor allem auf kulturelle Themen wie Migration, während Linkspopulisten eher ökonomische Themen in den Mittelpunkt stellten.

Weitere Artikel auf wissenschaft.de

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite