Die Auswahlkriterien
Das Unwort des Jahres wurde bereits zum elften Mal ermittelt, rund 1400 Zuschriften mit insgesamt 727 Vorschlägen gingen ein. Um in die engere Auswahl zu kommen, muss ein aktueller Begriff aus dem vergangenen Jahr eine “gewisse öffentliche Bedeutung” erzielt haben. Die inhaltlichen Kriterien beziehen sich auf grobe sachliche Verfehlungen, Geschmacklosigkeiten, Verletzungen der Menschenwürde sowie semantische Unsinnigkeiten. Die vorgeschlagenen Ausdrücke und Formulierungen können aus allen Bereichen kommen, gewünscht ist nur eine Quellenangabe.
Jedes Mitglied der Sprachgemeinschaft kann das ganze Jahr über Vorschläge über sprachliche Verfehlungen einreichen. Jeden Herbst läutet die Jury mit einem öffentlichen Aufruf die heiße Sammelphase ein. Ausschlaggebend für die Auswahl sind nur inhaltliche Kriterien. Wie oft ein Vorschlag genannt wurde hat keinen Einfluss auf die Entscheidung.
Die Jury
Bis 1994 wurden sowohl Wort als auch Unwort des Jahres von der Gesellschaft für deutsche Sprache ermittelt. Ein Konflikt um die Formulierung “kollektiver Freizeitpark” führte zum Bruch und zur Gründung der selbstständig arbeitenden “Sprachkritischen Aktion'Unwort des Jahres”.
Seit Beginn der Wahl im Jahr 1991 besteht die unabhängige Jury aus vier ständigen Mitgliedern sowie zwei jährlich wechselnden Vertretern der öffentlichen Sprachpraxis, darunter Persönlichkeiten aus den Medien, Schriftsteller, Politiker oder Mitglieder von Kulturinstitutionen und Verbänden. Ständige Mitglieder sind momentan die Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Margot Heinemann, Prof. Dr. Rudolf Hoberg, Dr. Nina Janich sowie der Jurysprecher Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser.
Welches Unwort wählte Österreich?
Da die deutschen Wörter bzw. Unwörter des Jahres in Österreich eine ganz andere oder gar keine Rolle in der öffentlichen Diskussion spielen, wurde hier zum dritten Mal eine eigenständige Wahl durchgeführt. Eine Fachjury unter Leitung des Germanistikprofessors Rudolf Muhr von der Universität Graz sichtete die eingegangenen Vorschläge aus der Bevölkerung, das Ergebnis ihrer Endauswahl wurde am 12. Dezember 2001 bekannt gegeben: den Titel “Unwort des Jahres 2001” erzielte das Wortungetüm “Nichtaufenthaltsverfestigte”. Die Bezeichnung, die im Zusammenhang mit der Integration von Ausländern in der Alpenrepublik aufkam, drücke auf besonders zynische Weise die Auffassung aus, Ausländer, die sich nicht entsprechend angepasst haben, wären “Obdachlose, Nichtdazugehörige, die man jederzeit wieder des Landes verweisen könne”, so die Begründung der Experten-Jury. “Restneutralität” schaffte es auf den zweiten Platz, weil es sich dabei zum einen um die Diffamierung von “50 Jahren österreichischer Identität” handle, zum anderen der Ausdruck semantisch unsinnig sei, “da man ja weder ein bisschen schwanger noch ein bisschen neutral sein kann”.
Daneben kürte die Jury das Konstrukt “Verbrauchende Embryonenforschung” zum “Sonder-Unwort 2001”. Der technisch-wissenschaftliche Jargon würde die gängige Praxis in der Stammzellen- und Gentechnikforschung entmenschlichen, wonach unzählige Embryonen “verbraucht”, sprich getötet werden, “da die Experimente entweder misslingen oder von vornherein das Vernichten der Embryonen beinhalten”.
Unwort des 20. Jahrhunderts
Ein kurzer Blick in die Vergangenheit: Das Unwort des Jahres 2000 lautete “national befreite Zone”, im Jahr davor war es “Kollateralschaden”. 1999 wurde in Deutschland zusätzlich zum Unwort des Jahres das Unwort des 20. Jahrhunderts gewählt. Auf der Grundlage mehrjähriger Sammlungen sowie wortgeschichtlicher Untersuchungen entschied sich die Jury für den Begriff “Menschenmaterial”. Obwohl bereits im 19. Jahrhundert verwendet, erhielt der Ausdruck erst während der beiden Weltkriege eine abstoßend zynische Bedeutung als Umschreibung von Soldaten, die genauso wie Waffen und technische Ausrüstungen “verbraucht” wurden. Zudem markiert das Wort den Beginn einer Tendenz, Menschen allein nach ihrem “Materialwert” zu beurteilen. Zu den zahlreichen sprachlichen Folgebeispielen zählen u.a. die Begriffe “Patientengut”, “Humankapital”, “Wohlstandsmüll” oder “weiche Ziele”.



