Prof. Dr. Horst D. Schlosser; Sprecher der Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), zum jüngsten Wort-Wahl-Ergebnis:
Zum Unwort des Jahres 2002 ist der Ausdruck “Ich-AG“ aus dem "Hartz-Papier" gewählt worden. Diese Wortbildung leidet bereits sachlich unter lächerlicher Unlogik, da ein Individuum keine Aktiengesellschaft sein kann. Selbst als ironisches Bild ist das Wort nicht hinzunehmen, da sich die aktuelle Arbeitslosigkeit mit solcher Art von Humor kaum noch verträgt. Ausschlaggebend für die Wahl war aber die Herabstufung von menschlichen Schicksalen auf ein sprachliches Börsenniveau. “Ich-AG“ ist damit einer der zunehmenden Belege, schwierige soziale und sozialpolitische Sachverhalte mit sprachlicher Kosmetik schönzureden.
Urlaub im Asylantenheim
Auf Platz zwei setzte die Unwort-Jury den Behördenterminus “Ausreisezentrum“ für Sammellager, aus denen abgewiesene Asylanten abgeschoben werden. Dieses Wort soll offenbar Vorstellungen von freiwilliger Auswanderung oder gar Urlaubsreisen wecken. Es verdeckt damit auf zynische Weise einen Sachverhalt, der den Behörden wohl immer noch peinlich ist. Sonst hätte man eine ehrlichere Benennung gewählt.
Den dritten Platz nimmt das Wort “Zellhaufen“ für einen menschlichen Embryo ein. Mit dieser sprachlichen Verdinglichung von menschlichem Leben versuchen Biotechniker die ethischen Vorbehalte gegen Manipulationen an und sogar Tötungen von Embryonen zu unterlaufen.
Das Böse auf Achse
Besonders oft wurden allerdings zwei andere Wendungen vorgeschlagen: zum einen George W. Bushs Formulierung von der “Achse des Bösen“. Sie wäre zweifellos das Unwort schlechthin, wenn in Deutschland irgendein seriöser Politiker oder Journalist dieses Wort ohne deutliche Distanzierung benutzen würde. Zum anderen die sprachliche Fassung “Lufthoheit über den Kinderbetten“ für die Zielsetzung der SPD-Familienpolitik durch den SPD-Generalsekretär Olaf Scholz. Die hohen Unterstützerzahlen für diese beiden Wendungen resultieren jedoch erkennbar aus gezielten Aktionen, die Jury durch die Masse von Einsendungen zu beeindrucken. Die Unwort-Jury hat sich dagegen stets vorbehalten, Vorschläge nach ihrer inhaltlichen und Gebrauchsqualität zu bewerten und nicht nach Einsenderzahlen.
Bedrückend erschien der Jury insgesamt die von Jahr zu Jahr wachsende Tendenz von Unternehmen, Entlassungen und Stellenabbau mit scheinseriösen Formulierungen zu verschleiern. Längst werden die schon früher kritisierten Beschönigungen wie “Freisetzung“ oder “schlanke Produktion“ durch eine Fülle von sprachlichen Varianten ersetzt, die nicht mehr erkennen lassen sollen, dass dabei immer mehr Arbeitslose billigend in Kauf genommen werden.
Zwölf Jahre Unwort-Wahl
Die Wahl eines "Unworts des Jahres" erfolgte zum zwölften Mal. Begründet wurde diese sprachkritische Aktion 1991. Diesmal hatten sich 1.744 Einsenderinnen und Einsender mit 806 verschiedenen Vorschlägen beteiligt.
Der Jury für das Unwort des Jahres 2002 gehörten an die vier ständigen Mitglieder Prof. Dr. Margot Heinemann (Görlitz-Zittau), Prof. Dr. Rudolf Hoberg (Darmstadt), Dr. Nina Janich (Regensburg) und der Sprecher der Jury Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser (Frankfurt a.M.). Die beiden Vertreter der Sprachpraxis waren diesmal der Fernsehredakteur Dr. Wolfgang Herles (ZDF, Berlin) und der Generalsekretär des Goethe-Instituts Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard (München).
(Quelle: Gesellschaft für deutsche Sprache e.V.)



