Fantastische Angebote
Nie zuvor hat die deutsche Tourismusbranche so fantastische Angebote gemacht wie derzeit. Sie träumen von den Bergketten der Anden? Von arktischen Landschaften oder der Südsee? Kein Problem. Man kann heute tatsächlich jedes Traumziel der Erde erreichen. Und das recht preiswert. Die Wachstumsbranche Nummer eins ist der Tourismus. In Deutschland trägt die Tourismuswirtschaft mit 2,8 Millionen Beschäftigten etwa acht Prozent zum Bruttosozialprodukt bei. Das sind rund 140 Milliarden Euro. Und der Reisetrend der Deutschen ist unverkennbar: immer öfter und immer exotischer. Doch auch in anderen Ländern wird gereist. Nach Angaben der Welttourismus-Organisation (WTO) wächst der Weltreiseverkehr jährlich um vier Prozent und verdoppelt sich alle 20 Jahre. 1996 wurden rund 600 Millionen Touristen mit Auslandszielen gezählt. Im Jahr 2020 sollen es nach Schätzungen der WTO schon 1,6 Milliarden sein.
Schatten auf der Traumwelt
Aber je häufiger Menschen auf dieser Welt reisen, je mehr Touristen zu fernen Ländern aufbrechen und je stärker der Flugtourismus boomt, desto mehr fällt ein Schatten auf die Traumwelt des Reisens. Umwelt- und Touristikexperten erkennen in dem seit Jahren zunehmenden Massentourismus und seinen nicht mehr übersehbaren Folgen eine der größten ökologischen Herausforderungen unserer Zeit.
Die erhöhte Mobilität unserer Gesellschaft hat einen wesentlichen Anteil am weltweit wachsenden Kraftfahrzeug- und Flugverkehr, dessen Ausstoß von Schadstoffen zur Verstärkung des Treibhauseffektes beiträgt. In Deutschland fallen etwa 50 Prozent der zurückgelegten PKW-Kilometer auf den Freizeitsektor. Der Flugverkehr hat zwar nur einen vergleichsweise geringen Anteil an den Gesamtemissionen, jedoch bewirken die in den größeren Höhen ausgestoßenen Schadstoffe eine erhöhte Schadwirkung.
Auf der anderen Seite werden Landschaften rigoros für Flughäfen, Autobahnen, Ferienanlagen und die dafür notwendige touristische Infrastruktur verbraucht. Wo für den Bau von „Urlauberpisten“ das Grundwasser abgesenkt wird, setzt ein Sterben der ursprünglichen Biotope ein. Europa hat inzwischen 43 Prozent seiner einmaligen Dünenlandschaften verloren. In Italien wurden 80 Prozent der Dünenküste dem Tourismus geopfert. Spanien hat über 3500 Kilometer Küstenlinie für den Tourismus verbaut. Auch der Wintersport hat seine Schattenseiten. Millionen Skifahrer in Deutschland benötigen Lifte, Pisten, Loipen und Parkplätze.
Für Fernreisen in die Dritte Welt kommt die „unheilvolle“ Begegnung von Arm und Reich hinzu. Abgesehen vom kulturellen Schock, der oft traditionelle Wertesysteme erschüttert, erfolgt vielerorts ein massiver Raubbau an der Natur. Auch Sammler und Souvenirjäger spornen die einheimische Bevölkerung dazu an. Obwohl nach internationalen Abkommen streng geschützt, werden z. B. in Mexiko seltene und bei Sammlern begehrte Kakteenarten in Massen von den Einheimischen ausgerissen und an Straßenrändern zum Verkauf angeboten. Was soll das „Unkraut“, wenn es doch gute Dollars für die armen Familien bringt? So ist in vielen Regionen der Dritten Welt der Tourismus der Hauptverursacher für den Artenrückgang.
In sensiblen Räumen können schon harmlose Freizeitaktivitäten wie Zelten, Wandern, Motorboot fahren und die damit einhergehenden Schäden durch Tritt, Abbrechen von Pflanzen und Wasserverschmutzung zu Veränderungen von Pflanzen- und Tiergesellschaften, zur Bodenerosion und Eutrophie von Gewässern führen. Und für moderne Trendsportarten, wie z. B. Canyoning oder Mountainbiking, möchte der Tourist natürlich „unberührte“ Natur. Alpine Schluchten, durch die einst nur des Wildbachs Wassermassen einsam hinabstürzten, sind heute Tummelplatz für Abseiltouristen mit Gruppenerlebniszwang.
Sind Massentourismus und Umweltschutz vereinbar?
Antwort: ja! Die Tourismusindustrie oder zumindest ein Teil davon hat schließlich ein Interesse daran, dass Reisen und Urlaub in umweltverträglichen Formen stattfinden. Touristen suchen intakte Natur und Landschaften. Dort, wo der Tourismus die Küsten zubetoniert und das Landschaftsbild schädigt, ist der Niedergang des Tourismus oft vorprogrammiert. In manchen Regionen Europas war es daher gerade der Tourismus, der entscheidend dazu beigetragen hat, negative Eingriffe in die Landschaft zu verhindern.
Stichwort „Öko-Tourismus": Die Zusammenarbeit von Umweltschützern und Tourismusbranche wird als viel versprechendes Zukunftsmodell gewertet. Einige Experten bezeichnen diese Form des Tourismus auch als „Leitökonomie des 20. Jahrhunderts". Ein Unternehmen, das z. B. Wasser und Energie einspart, ist nicht nur „zukunftsfähig", es verbessert dadurch auch seine Gesamtbilanz. Vor diesen Hintergründen wurde von den Vereinten Nationen das Jahr 2002 zum „Internationalen Jahr des Ökotourismus“ ausgerufen. Im Januar begann es mit einer alternativen Reisemesse, dem „Reisepavillon“, in Hannover. 250 Aussteller aus 20 Ländern zeigten vom 18. bis 20. Januar ihre Angebote für umweltgerechtes und nachhaltiges Reisen.
Allein der gute Wille und innovative Ideen der Tourismusbranche reichen jedoch nicht aus. Unabdingbare Voraussetzungen für einen „umweltfreundlichen Massentourismus“ sind planerische Maßnahmen, wissenschaftliche Untersuchungen und ökologische Dauerbeobachtungsprogramme. So zeigten beispielsweise wissenschaftliche Untersuchungen im Nationalpark Berchtesgaden, einem der Touristenmagneten in Mitteleuropa, dass die größten Bodenschäden an Wanderwegen nicht im Bereich der am stärksten frequentierten Wege, sondern entlang der Wege mit geringen Frequentierungen auftreten. Denn der entscheidende, den Schaden bedingende Parameter, ist das Verhältnis von Wegneigung zur Hangneigung bezogen auf die potenzielle Trittempfindlichkeit der Vegetation. Anders ausgedrückt: Es kommt darauf an, dass der „richtige Weg“ gefunden wird und nicht darauf, wie viele Touristen ihn nutzen.
Inseltouristen, Ballermänner & Co.
Für manche Regionen könnte man fast denken, in Punkto umweltverträglicher Tourismus sei der Zug schon abgefahren. Beispiel: die Inseln der Ägäis. Der Tourismus ist dort zwar die wichtigste Erwerbsquelle der zuvor an der Armutsgrenze lebenden Insulaner, er zerstört aber die einzigartige Landschaft. Wasser und Rohstoffe werden knapp, dafür wachsen die Müllberge. Auf den Kykladen verkehren während der Hochsaison hunderte von Schiffen zwischen den Inseln. Allein Santorin wird täglich von 25 Fährschiffen angelaufen. Bis zu 30.000 Touristen werden hier in der Hochsaison täglich angelandet. Diese Touristenflut hat das sensible Ökosystem der Inselwelt aus dem Gleichgewicht gebracht.
Da der Tourismus hier tatsächlich die einzige Erwerbsquelle ist, wird verständlich, dass es bisher keine Bereitschaft gab, sich mit ökologischen Fragen auseinander zu setzen. Im Auftrag der Europäischen Kommission erarbeiteten Wissenschafter der Universität Athen daher ein Umweltkonzept für die Inseln. Dabei steht die bauliche Entwicklung an erster Stelle. Seit den siebziger Jahren, als die Touristenflut einsetzte, werden die Inseln rücksichtslos zubetoniert. Dieser Wildwuchs entzog sich bisher jeder Kontrolle. Die Chancen stehen gut, denn die Menschen auf den Kykladen haben heute erkannt, dass nur die Bewahrung der Inselwelt in ihrer ursprünglichen Schönheit auf Dauer den Fremdenverkehr und somit ihre Existenz nachhaltig sichern kann.
Auf Mallorca zittern derweil die „Ballermänner“ um ihre Billig-Besäufnisse unter Palmen und mediterraner Sonne. Ein Reizwort ging durch die Medien wie ein Flächenbrand: Ökosteuer. Damit will die Regierung der Balearen z. B. ökologisch wertvolle Naturareale aufkaufen, um diese zu erhalten. Der wuchernde Fremdenverkehr hat viele Umweltschäden angerichtet. In den letzten Jahren ist man schlauer geworden und hat die Notbremse gezogen. Der Bauboom ist gestoppt und der „sanfte Tourismus“ von gehobenem Niveau ist das gesetzte Ziel. Ballermänner ade? Keine Angst, andere Regionen in südlichen Gefilden wittern sicherlich die Gunst der Stunde. Wo noch keine Landebahnen und Sangria-Eimer sind, können sie ja noch werden.
Egal wie, bleibt doch immer noch der coole Winter. Und die Tagesskifahrt von München ins Stubaital bringt auch die volle Gaudi. Jagatee statt Sangria. Und das für nur 35 Euro. Übrigens: Tagesskifahrten gibt’s es auch ab Dortmund...
Von Alexander Stahr



