Die Zeitmaschine
Nicht weniger als zwei Dreh- und drei schwere Stahltüren müssen Besucher des Vasa-Museums hinter sich bringen, bis sie dem mehr als 400 Jahre alten Schiff gegenüberstehen. Diese Luftschleusen sollen die Luftfeuchtigkeit und die Temperatur im Museum möglichst konstant halten. Nur gedämpftes Licht dringt durch die wenigen Dachluken des Betonbaus. Das hölzerne Ungetüm mit seinen fremdartigen Formen und den finster dreinblickenden Skulpturen sieht aus, als käme es von einem anderen Stern. Tatsächlich ist die Vasa nichts anderes als eine Zeitmaschine: Kaum ein Fund verrät so viel über das Leben zu Beginn des 17. Jahrhunderts wie dieses Kriegsschiff.
Dem Tode geweiht
Die Vasa war das teuerste Schiff, das je in Schweden gebaut wurde und das größte Schlachtschiff seiner Zeit. Allein für den Rumpf mussten über eintausend Eichen gefällt werden. Auftraggeber war der schwedische König Gustav II. Adolf aus dem Geschlecht der Vasa, der seit 1621 einen verheerenden Krieg gegen die Polen führte und mit dem Erzfeind Dänemark um das mächtigste Schiff aller Zeiten wetteiferte. Doch Konstrukteure und Auftraggeber schossen über das Ziel hinaus: Zu viele Kanonen und ein zu schmaler Rumpf machten aus der Vasa eine Todesfalle.
Schon vor dem Absegeln wusste man, dass eine schwache Bö ausreichen würde, um die Vasa zu versenken. Bei der so genannten Krängungsprobe waren dreißig Mann auf dem Deck hin und her gelaufen. Bereits nach der dritten Runde mussten sie aufhören, sonst wäre die Vasa gekentert. Doch niemand wagte es, den König zu informieren, der alle Pläne genehmigt hatte und im polnischen Preußen ungeduldig auf sein Schiff wartete.
Untergang und Wiederentdeckung der Vasa
Es kam, wie es kommen musste: Bei der erstbesten Bö kenterte die Vasa und sank nach nicht einmal einer Seemeile. 150 Menschen starben, darunter auch Frauen und Kinder. Sie waren an Bord, um mit der Mannschaft die Jungfernfahrt zu feiern. Die 300 Soldaten sollten später dazukommen.
Für eine Bergung fehlten lange Zeit die technischen Mittel. Lediglich 53 der insgesamt 64 Kanonen wurden noch im 17. Jahrhundert mit Hilfe von Taucherglocken geborgen. Dann geriet die Vasa in Vergessenheit. Erst der Schwede Anders Franzén konnte das Wrack im Jahr 1956 lokalisieren. Doch das war erst der Anfang eines langen Kampfes um die Vasa. Damit es nicht unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrach, wurde das Wrack, zwischen Pontons hängend, Zentimeter für Zentimeter gehoben. Schließlich tauchte die Vasa am 24. April 1961 wieder auf, 333 Jahre nach ihrem Untergang.
Lebensfeindliche Bedingungen
Dass sich der Koloss bei seiner Bergung vor über 40 Jahren in erstaunlich gutem Zustand präsentieren konnte, hat vor allem einen Grund: Die auf zahlreichen Inseln erbaute Stadt Stockholm liegt im Einzugsbereich der Ostsee. Deren verhältnismäßig niedriger Salzgehalt macht dem so genannten Schiffswurm (Teredo navalis) das Leben unmöglich. Die kleine Meermuschel mit dem zerstörerischen Appetit auf Holz gedeiht nämlich nur in salzigen Gewässern.
Außerdem war im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten, wo genau die Vasa gesunken war, und so ruhte sie jahrhundertelang in etwa 32 Meter Tiefe in sauerstoffarmer Umgebung. Dort reicherte sich ihr Holz mit Tonnen von Schwefel aus bakteriellen Abfallprodukten an.
Säureattacke
Dieser Schwefel oxidiert nun mit Sauerstoff zu Schwefelsäure. Der Chemiker Magnus Sandström hat ausgerechnet, dass der Schwefel, komplett oxidiert, bis zu fünf Tonnen Schwefelsäure ergäbe. Einiges deutet darauf hin, dass die rostenden Überreste von 8500 Eisenstreben diesen Prozess anheizen. Deshalb schlagen Sandström und seine Kollegen von der Universität Stockholm vor, sich bei den Rettungsversuchen auf die Korrosion zu konzentrieren. Gelänge es, das Eisen inert, also unschädlich zu machen, wäre die Vasa gerettet. Im Extremfall müsste man die Eisenreste ganz entfernen.
Um den Verfall wenigstens kurzfristig aufzuhalten, versuchen die Konservatoren den pH-Wert der Vasa zu erhöhen. Zu diesem Zweck platzieren sie an besonders gefährdeten Stellen mit Sodium Bicarbonat getränkte Tücher. Zwar haben Wracks wie die Mary Rose in England und die Batavia in Australien ähnliche Probleme, doch keines ist so schwefelgesättigt wie die Vasa. Dennoch lassen sich die Schweden nicht entmutigen und kämpfen um den Erhalt ihres Nationalheiligtums. Schließlich wollen sie in einigen Jahren den 400. Geburtstag der Vasa feiern.
Katja Schmid
Kontakt
Vasa-Museum
Insel Djurgarden, Box 27131, S - 102 52 Stockholm
Telefon: +46 8 519 548 70
EMail: vasamuseet@sshm.se
http://www.vasamuseet.se



