Verneint und daher wahr? Negativen Aussagen glauben wir eher
Leben & Lifestyle

Verneint und daher wahr? Negativen Aussagen glauben wir eher

Bild: Foto: Christoph Rieder, CC0, via Wikimedia Commons

Bei der täglichen Informationsflut ist es schwer, die Übersicht zu behalten. Außerdem stellt sich die Frage: Stimmt überhaupt, was ich gerade gelesen habe? Das einzuschätzen, ist nicht einfach – vor allem, wenn uns das nötige Hintergrundwissen fehlt. Studien zeigen, dass neben unserem eigenen Wissensstand und unserer Medienkompetenz auch andere Faktoren einen Einfluss darauf haben, wie wir Informationen bewerten. So beeinflussen zum Beispiel auch Emotionen und Stress, ob wir Meldungen Glauben schenken oder nicht.

GettyImages, oatawa

Bei der täglichen Informationsflut ist es schwer, die Übersicht zu behalten. Außerdem stellt sich die Frage: Stimmt überhaupt, was ich gerade gelesen habe? Das einzuschätzen, ist nicht einfach – vor allem, wenn uns das nötige Hintergrundwissen fehlt. Studien zeigen, dass neben unserem eigenen Wissensstand und unserer Medienkompetenz auch andere Faktoren einen Einfluss darauf haben, wie wir Informationen bewerten. So beeinflussen zum Beispiel auch Emotionen und Stress, ob wir Meldungen Glauben schenken oder nicht.

Und wir beurteilen Aussagen nicht nur nach Vorwissen oder Begleitumständen, sondern es spielt eine wichtige Rolle, wie die Aussage formuliert ist. Bekannt ist, dass inhaltlich identische Aussagen eher als wahr beurteilt werden, wenn sie auf eine negative Weise ausgedrückt werden, zum Beispiel mit einer Verneinung. Dieser Effekt ist in der Literatur auch als Negativitätsbias in Wahrheitsurteilen bekannt.

Negative Aussagen werden auf zwei Arten getroffen

Doch wie genau werden Informationen in den Aussagen, die wir täglich im Internet beurteilen müssen, negativ verknüpft? Die Sozialpsychologin an der Universität Basel Mariela Jaffé hat in ihren Studien zur Wahrnehmung statistischer Aussagen zwischen zwei Arten negativer Aussagen unterschieden. Zum einen kann man mit einer direkten Verneinung durch "nicht" oder "kein" eine Information negativ verpacken. Beispiele dafür wären: "60 Prozent der Menschen sind mit ihrem Aussehen nicht zufrieden" oder "30 Prozent der Menschen besitzen keinen Fernseher".

Die zweite Möglichkeit, eine negative Aussage zu treffen, sind Formulierungen, die allgemein als negativ wahrgenommen werden. So wird es zum Beispiel von der Gesellschaft als "schlecht" angesehen, wenn man mit seinem Aussehen nicht zufrieden ist oder in seinem Job unglücklich ist. In dem Sinne wäre eine negative Aussage zum Beispiel: "61 Prozent sind mit ihrem Aussehen unzufrieden" oder "40 Prozent sind unzufrieden mit ihrem Job".

Die erste Möglichkeit – also die direkte Verneinung mit zum Beispiel "nicht", "kein" oder "nirgends" - hat dabei den stärkeren Effekt. In Studien konnten die Forschenden zeigen, dass eben diese Formulierungen unsere Wahrnehmung besonders verzerren und wir diesen Aussagen am ehesten glaubten. Es scheint demnach eindeutig, dass wir Aussagen, die durch eine Verneinung getroffen werden, eher Glauben schenken.

Viele Wege führen zur Unzufriedenheit

Doch wie kann dieser Effekt erklärt werden? "Es gibt eventuell mehr Wege, wie eine Person nicht zufrieden sein kann, im Vergleich zu Wegen, wie eine Person zufrieden sein kann", erklärt Jaffé. Und wenn es für eine Aussage mehre Erklärungen gibt, erscheint sie uns logischer und wir halten die Aussage für plausibler.

Dies konnte in einer nachfolgenden Studie bestätigt werden. Denn es gibt viel mehr Möglichkeiten seine Unzufriedenheit auszudrücken und damit eine negative Aussage zu treffen. Man ist entweder "einigermaßen zufrieden", "ein bisschen zufrieden" oder "fast zufrieden". Und diese Liste könnte noch sehr lange weitergeführt werden. Es gibt allerdings nur eine Möglichkeit, eine positive Aussage zu treffen und zu sagen: "Ich bin zufrieden", und das zu glauben, fällt uns schwerer.

Buhrufe sind lauter als Applaus

Doch dies ist nicht die einzige Erklärung, warum wir negativ formulierten Aussagen eher Glauben schenken. Jaffé hat eine weitere Vermutung:  "Ein Grund könnte sein, dass wir negative Nachrichten eher gewohnt sind, positive hingegen schneller unter den Verdacht des Manipulationsversuchs geraten".

Aus der Grundlagenforschung ist außerdem bekannt, dass negative Äußerungen schwerer wiegen als positive: Eine einzelne Kritik kann bei uns viel stärkere Spuren hinterlassen, auch wenn wir zuvor 100 Mal für etwas gelobt wurden. Dass wir negativen Informationen mehr Aufmerksamkeit schenken, könnte evolutionäre Ursachen haben. Denn in der Steinzeit war es bei einem Gefahrensignal besser, einmal mehr wegzurennen, als einmal zu wenig.

Aus den Erkenntnissen von Mariela Jaffé und ihrem Team ergeben sich Fragen für mögliche weitere Forschung. "Wir haben diese Untersuchung nur auf Deutsch durchgeführt. Es wäre spannend zu sehen, ob die Beurteilung von Aussagen je nach Sprachgebiet anders ausfallen würde", sagt Jaffé. Denn schließlich funktioniert jede Sprache in Bezug auf Verneinungen anders.

Die Forscherin appelliert außerdem an alle Mediennutzer, Verneinung nicht manipulativ einzusetzen, beziehungsweise sich dieser Manipulation bewusst zu sein. Die Formulierungen von Aussagen sollte man ständig hinterfragen, um nicht selber in die Glaubwürdigkeitsfalle zu tappen.

Weitere Artikel auf wissenschaft.de

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite