Versprecher
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Versprecher

Bild: Foto: Sciencia58, CC0, via Wikimedia Commons

“Wie geht's?” – “Och, selbst. Und gut?” – Ups, ein Versprecher! Gerade wenn's drauf ankommt, rutschen sie einem heraus. Egal ob eine Rede gehalten werden muss oder ein Interview ansteht – vor einem sprachlichen Fauxpas ist selbst ein geübter Redner nicht gefeit, da nützt auch keine noch so gute Vorbereitung. “Der Versprecher wird noch immer von der Polizei gesucht” – dieser Satz kam beispielsweise einem professionellen Nachrichtensprecher über die Lippen. “Reinen Tisch einschenken”, “nikotinfreier Kaffee”, “Langarbeitszeitlose”: So peinlich eigene sprachliche Fehlleistungen manchmal sein können – über diese Beispiele aus Versprechersammlungen kann wohl jeder schmunzeln. Wie aber kommt es zu solchen Versprechern?

“Wie geht's?” – “Och, selbst. Und gut?” – Ups, ein Versprecher! Gerade wenn's drauf ankommt, rutschen sie einem heraus. Egal ob eine Rede gehalten werden muss oder ein Interview ansteht – vor einem sprachlichen Fauxpas ist selbst ein geübter Redner nicht gefeit, da nützt auch keine noch so gute Vorbereitung. “Der Versprecher wird noch immer von der Polizei gesucht” – dieser Satz kam beispielsweise einem professionellen Nachrichtensprecher über die Lippen. “Reinen Tisch einschenken”, “nikotinfreier Kaffee”, “Langarbeitszeitlose”: So peinlich eigene sprachliche Fehlleistungen manchmal sein können – über diese Beispiele aus Versprechersammlungen kann wohl jeder schmunzeln. Wie aber kommt es zu solchen Versprechern?

Was sind Versprecher?

Ein “Sich-Versprechen”, ein so genannter “Lapsus Linguae”, entsteht, wenn die Sprachproduktion gesunder Menschen für kurze Zeit gestört wird. Sprachfehler, die in Ausnahmesituationen (z.B. nach Alkoholkonsum) entstehen oder das Resultat angeborener Sprachstörungen sind, werden nicht zu den Versprechern gezählt. Auch Zungenbrecher, bei denen die Schnitzer durch eine Überforderung des Artikulationsapparats zustande kommen, zählen nicht dazu.

Freudsche Versprecher

In seiner “Psychopathologie des Alltagslebens” berichtet Sigmund Freud vom Präsidenten des österreichischen Abgeordnetenhauses, der eine Sitzung mit folgenden Worten eröffnete: “Hohes Haus! Ich konstatiere die Anwesenheit von so und soviel Herren und erkläre somit die Sitzung für geschlossen!” An anderer Stelle führt Freud an, dass ein Angestellter, der einen Vorschuss bekommen wollte, seine Rede mit den Worten “Sehr geehrte Vorschussmitglieder” anstelle von “Vorstandsmitglieder” begann. Mit Beispielen wie diesen begründete der “Vater der Psychoanalyse” sein bekanntes Erklärungsmodell für Versprecher, wonach das Unbewusste dem Sprecher einen Streich spielt und verdrängte Gedanken durch Versprecher ans Licht kommen. Laut Freuds Interpretation wünschte sich der Redner im ersten Fall also, die Sitzung zu beenden statt sie zu eröffnen. Obwohl der Begriff “Freudscher Versprecher” weit verbreitet ist, beschreibt er lediglich diese spezielle Gruppe sprachlicher Fehlleistungen, die nur einen kleinen Teil aller Versprecher ausmachen. Und eine wissenschaftliche Untermauerung der Freudschen Wunsch-These steht bis heute aus.

Da der Sprachproduktionsprozess für uns nicht zugänglich ist, können wir nur schwer herausfinden, was genau zwischen der Intention einer Mitteilung und der Artikulation geschieht. Die beste Möglichkeit, Licht in diese Vorgänge zu bringen, bieten Versprecher. Sie ermöglichen interessante Rückschlüsse, da sie zeigen, welche sprachlichen und semantischen Einheiten in den einzelnen Stadien gebildet werden.

Sprachproduktion

Eine der Funktionen von Sprache ist es, Gedanken darzustellen und mitzuteilen. Sämtliche Sprachproduktionsmodelle gehen dabei von mindestens drei Stufen aus: Am Anfang steht die gedankliche und inhaltliche Planung, in der darauf folgenden Phase bekommen die Inhalte ihre richtige sprachliche Form, bevor zum Schluss die sprachlichen Formen in Laute umgewandelt und ausgesprochen werden. Wenn wir sprechen, planen wir unsere Äußerungen zwar bewusst, die Ausführung geschieht jedoch ohne bewusste Kontrolle. Solange keine Probleme auftreten – und das ist normalerweise der Fall –, benötigen wir auch keine Kontrollmechanismen. Wir müssen also nicht bei jeder Äußerung nach den passenden Wörtern suchen.

Der Teil des Gehirns, in dem einzelne Wörter zu (hoffentlich) sinnvollen Sätzen zusammengefügt werden, ist das so genannte Brocasche Sprachzentrum, benannt nach dem französischen Hirnforscher Paul Broca. Beim Sprechen greift jeder von uns auf seinen eigenen Wortschatz, das mentale Lexikon, zurück. Die Anordnung der Wörter in unserem Gehirn erfolgt dabei nicht etwa nach alphabetischen Richtlinien, wie wir es von gedruckten Nachschlagewerken her kennen, sondern nach Bedeutungszugehörigkeiten.

Bildlich gesprochen sammeln sich Adjektive wie “schön”, “hübsch” und “hässlich” an einem Ort, an einem anderen liegen Hauptworte wie “Haus”, “Hütte”, “Baracke” oder “Schloss”. Viele Versprecher entstehen deshalb bei Wörtern, die semantische Gegensätze ausdrücken (z.B. groß/klein, gut/schlecht), in unserem mentalen Lexikon aber enge Verwandte sind. Daneben sind Wörter aber auch nach formalen Richtlinien abgespeichert, das heißt, ähnlich klingende Wörter sind in unserem Wortschatz an aneinandergrenzenden Stellen “abgespeichert”. Die Wahrscheinlichkeit eines lautlichen Versprechers wächst dabei mit der gemeinsamen Anzahl lexikalischer Einheiten.

“Versprecher-Virus”

Untersuchungen zeigen, dass angesichts der Fülle sprachlicher Äußerungen, die Menschen tätigen, Versprecher nur selten auftreten. Außerdem entgehen uns viele dieser Pannen, weil wir als Sprecher, Adressat oder Zuhörer Störungen und Fehler einfach ausblenden oder sofort für uns selbst korrigieren. Auf die meisten Ausrutscher werden wir erst dann aufmerksam, wenn freies Sprechen in eine schriftliche Form gebracht wird.

Zu Problemen kommt es jedoch, wenn ein Sprecher seinen Fehler bemerkt oder vom Zuhörer darauf aufmerksam gemacht wird. Durch Rettungsaktionen und Selbstkorrekturen wird die Sache meistens verschlimmert, weil die Satzplanung unterbrochen und neu begonnen werden muss. Oft breitet sich dabei ein regelrechter Versprecher-Virus aus. Ein anschauliches Beispiel dafür liefert die Psycholinguistikerin Helen Leuninger in ihrer Versprechersammlung mit folgendem Ausschnitt aus einer Hörfunksendung: “Sie hörten die h-mess-Molle, Verzeihung, die h-moss-Melle, ich bitte sehr um Entschuldigung, die h-Moll-Messe von Johann Sebaldrian Bach – ich häng’ mich auf!”

Welche Versprechertypen gibt es?

Für den deutschen Sprachraum veröffentlichte der Sprachwissenschaftler Rudolf Meringer 1895 die erste repräsentative Sammlung von Versprechern. Die von ihm aufgestellte Klassifikation der sprachlichen Pannen in fünf Kategorien ist bis heute gültig:

1. Bei Vertauschungen wechseln zwei Bestandteile ihre richtigen Positionen. Betroffen sein können davon Laute (mit dem Zinger feigen = mit dem Finger zeigen), Worte (die Frage auf diese Antwort = die Antwort auf diese Frage) oder Bestandteile zusammengesetzter Wörter (zwecktischer Prak = praktischer Zweck).

2. Wird ein Element vorweggenommen, spricht man von Antizipationen, die bei Lauten (Sappelschlepper = Sattelschlepper), Silben (wohl unwiederverbringlich verloren = unwiederbringlich) und Wörtern (ich gebe mir keinen Witz mehr, über die Witze nachzudenken = keine Mühe mehr) vorkommen.

3. Im Gegensatz dazu wird bei Nachklängen ein Element noch einmal verwendet, z.B.: rote Grütze isst man mit Grütze (statt: mit Sahne).

4. Wird ein Wort durch ein anderes ersetzt, spricht man von einer Substitution. Die Ursache dafür liegt in der semantischen oder formalen Ähnlichkeit der beiden betroffenen Wörter, z.B.: “Er ist wie vom Erdbeben verschluckt” (statt: Erdboden).

5. Eine Kontamination liegt vor, wenn zwei bedeutungsähnliche Elemente verschmelzen. Diese Versprecher treten bei einzelnen Wörtern (ich möchte dir beistimmen = Kombination aus beipflichten und zustimmen) sowie bei Phrasen auf. Besonders anfällig sind idiomatische Wendungen, z.B. “Da bin ich aus allen Socken gefallen” (aus allen Wolken gefallen/von den Socken gewesen).

Kurioses: Versprecher von bekannten Personen

Kurioses aus der Politik

“Bushisms”

Eine reichhaltige Quelle für Versprecher sind die Äußerungen des US-amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Als er noch Gouverneur von Texas war, sagte er in Bezug auf die Todesstrafe: “Ich bin der Überzeugung, dass wir in Texas noch nie eine schuldige, ich meine unschuldige, Person zum Tode verurteilt haben.” Einen anderen peinlichen Ausrutscher leistete sich Bush bei einer Rede im Arbeitsministerium, in der es um den Kampf gegen den weltweiten Terrorismus ging. Nachdem er von der Notwendigkeit einer harten Vorgehensweise gesprochen hatte, löste seine Aussage “da habe ich gar keinen Zweifel, gar keinen Zweifel, dass wir scheitern werden” kurzzeitig einen Schock im Publikum aus.

Hillary Clinton

Wenn das mal nicht ein klassischer Freudscher Versprecher war, der Hillary Clintons wahre Absichten zum Vorschein brachte! Auf die Frage, ob sie in Zukunft für das Amt des Präsidenten oder Vizepräsidenten kandidieren möchte, antwortete sie: “Ich habe gesagt, ich werde nicht kandidieren. Ich fühle mich sehr wohl als Präsi..., als Senatorin von New York.”

Deutsche Kanzler

In Deutschland ist Bundeskanzler Schröder ein Garant für Versprecher. Schon bei seiner Antrittsrede vor dem Bundestag erzielte er einen neuen Rekord – mit 31,2 Versprechern pro Stunde hängte er seine Vorgänger deutlich ab und verwies Ludwig Erhard mit 27, Helmut Schmidt mit 14,4 und Helmut Kohl mit 13,3 Versprechern pro Stunde klar auf die hinteren Plätze.

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