Auf der Suche nach Wort-Neuschöpfungen
Das Herzstück der computergesteuerten Wort- und Textanalyse ist das WAHRIG Textkorpus digital. Es wurde vomn der WAHRIG-Redaktion des Bertelsmann Lexikon Instituts in Zusammenarbeit mit Manfred Pinkal, Professor für Computerlinguistik an der Universität des Saarlandes, und der CLT Sprachtechnologie GmbH entwickelt. Basis des Textkorpus sind Texte repräsentativer Zeitungen und Zeitschriften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, u.a. Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, Neue Zürcher Zeitung, Der Standard, Spektrum der Wissenschaft und Berliner Zeitung.
Die einzelnen Wörter werden herausgefiltert und mit den entsprechenden Textbelegen in dem Sammelwerk namens WAHRIG Textkorpus digital hinterlegt. Zurzeit enthält das Archiv rund 500 Millionen Wörter und Wortbelege. Mittels moderner Computerlinguistik werden die Texte und Wörter aufbereitet und analysiert. Daraus entstehen Wortfrequenzlisten, die die Wörter nach der Häufigkeit ihres Vorkommens aufführen.
In einem nächsten Schritt gleicht die Wahrig-Redaktion diese Wortfrequenzlisten mit der Stichwortauswahl des Wörterbuchs ab – fehlende oder neu entstandene Wörter sowie veraltete und daher überflüssige Begriffe werden somit erkannt und entweder ergänzt oder gestrichen. Auf diese Weise konnten im aktuell erschienenen Wahrig. Die deutsche Rechtschreibung über 1000 neue Wörter aufgenommen werden wie z.B. “risikofreudig“, “Stammzellen“ oder “Verlinkung“.
Der Weg durch den digitalen Filter
In der ungeheuren Datenmenge von 500 Millionen Wörtern die relativ geringe Zahl von Neologismen – also sprachlichen Neubildungen – zu entdecken, ist auch für Computer nicht leicht. Digitale Filter sollen diese Arbeit erleichtern. Sie entfernen vorab unerwünschte Ausdrücke wie das lautmalerische “schööön”, Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen (also etwa Telefonnummern oder Webadressen), Tippfehler sowie Eigennamen, Abkürzungen und andere “irrelevante” Wörter wie beispielsweise Straßennamen und Ableitungen von Ortsnamen.
Nach diesen Filtervorgängen werden die übrig gebliebenen Wörter nach Wortarten (Nomen, Verben, Adjektive, Pronomen etc.) sortiert und einem Bewertungsverfahren unterzogen. Pluspunkte können Wörter sammeln, wenn sie z.B. rechtschreibschwierig sind oder eine hohe absolute Frequenz oder eine Frequenzsteigung aufweisen. “Hohe absolute Frequenz“ bedeutet, dass ein Wort in einem Artikel häufig vorkommt; unter “Frequenzsteigung“ versteht man einen steigenden Gebrauch über mehrere Jahrgänge hinweg. Dagegen wirken sich Wortvorkommen in nur wenigen, regional nicht interessanten Printtiteln negativ auf die Aufnahme in die Neologismenliste aus.
Hat es ein Wort auf die Neologismenliste geschafft, ist anschließend wieder das Wissen und die Erfahrung des Menschen gefragt: Nun entscheiden die Wahrig-Redakteure über das weitere Schicksal der wenigen Tausend übrig gebliebenen Kandidaten.
Hinter den Kulissen: Die Wahrig-Werkstatt
Die Mitarbeiter der Wahrig-Redaktion, hauptsächlich promovierte Philologen, können auf mehrere zuverlässige Quellen zurückgreifen. Die in Frage kommenden Neueinträge liefert nicht nur das WAHRIG Textkorpus digital, sondern auch eine hausinterne Neologismen-Datenbank sowie die einschlägige Fachliteratur. Für den nötigen Praxisbezug sorgt die Wahrig-Sprachberatung, jährlich gehen hier via E-Mail und Telefon ca. 10 000 Anfragen ein – die dabei gewonnenen Erfahrungen fließen direkt in die Wahrig-Rechtschreibung ein.
Eine weitere Qualitätssteigerung erfährt die Wahrig-Redaktion durch die Zusammenarbeit u.a. mit Universitäten, dem Institut für deutsche Sprache und der Kommission für deutsche Rechtschreibung. Für wissenschaftliche Beratung und Qualitätssicherung stehen sowohl der Wahrig – Wissenschaftliche Beirat als auch externe Fachkräfte beratend zur Seite. Weitere Texte und Korrekturen stellen zusätzliche externe Redakteure und Autoren zur Verfügung.
Gütesiegel “Wahrig-Methode”
Wir halten fest: Die Aufnahme eines wichtigen Alltagsbegriffs wie etwa “freischalten” ist also das Ergebnis langen, gründlichen Durchforstens repräsentativer Texte der deutschen Sprache. Somit ist gewährleistet, dass das fertige Wörterbuch kein Produkt vergeistigter Studierzimmer–Arbeit ist, sondern ein Werk von großer Lebensnähe. Des Weiteren garantiert die laufende Ergänzung des WAHRIG Textkorpus digital um aktuelle Texte, dass kein Neologismus unbemerkt bleibt. Das Wahrig-Rechtschreibwörterbuch leistet mit zusätzlichen Infokästen zur Rechtschreibung und zu orthografischen Zweifelsfällen eine praktische und umfassende Sprachberatung.
Die korpusbezogene Lexikographie stellt - laut Professor Manfred Pinkal - alles in allem ein Quantensprung in der Wörterbucharbeit dar, “vergleichbar dem kartografischen Fortschritt bei der realitätsgetreuen Abbildung der Erde durch hochmoderne Satellitenfotografie“.



