München im Ausnahmezustand
Nehmen wir München, wo die Reise ihren Anfang nimmt. Hier ist man schon seit geraumer Zeit damit beschäftigt, die doch stets stark frequentierte Innenstadt papstgerecht herzurichten. Das heißt: alle Autos raus, S- und U-Bahnhöfe im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt und draußen in Riem, wo der Papst seine Messe zelebrieren wird, sperren. Gullis wurden zugeschweißt, Papierkörbe weggeräumt, auch Streusandkisten, Briefkästen, Schauvitrinen, Pflanzentröge und die bunten Münchner Plastiklöwen an der Fahrroute des Papstes entfernt. Selbst dort abgestellte Fahrräder wurden eingesammelt. Es herrscht Alarmstufe 1, das höchste Maß an Sicherheit. Auch Drahtesel gelten als mögliche Verstecke für Bomben. Nach dem Papstbesuch können die Besitzer ihr Radl wieder abholen – falls sie es genau beschreiben können. Stattdessen beherrschen Absperrgitter das Straßenbild. Die bayerische Polizei benötigt für den Papstbesuch 4500 Stück. Aneinandergereiht würden die eine Strecke von 13,5 Kilometern ergeben. So viel Zaun haben selbst Günther Becksteins Beamte nicht parat. Weshalb die aushelfenden Kräfte aus anderen Bundesländern ihre Absperrgitter mitbringen müssen.
Klar, dass die anstehenden Tage auch für den Öffentlichen Nahverkehr in München eine echte Herausforderung werden. Deren Chef Herbert König spricht von „Ausnahmezustand“, wohl wissend, dass bei den Fahrgästen noch mehr Geduld als sonst gefordert ist. Der Andrang Richtung Messe wird enorm sein, obwohl die MVG den Takt auf der Strecke erhöht. Der wichtigste Nahverkehrsknoten der Stadt, der U- und S-Bahnhof Marienplatz, wird komplett gesperrt, während Papst Benedikt am Samstagnachmittag an der Mariensäule betet. Dann werden die Bahnen unter ihm nonstop durchrauschen.
All-inclusive
Wer sich den Papst in München „All-inclusive“ gönnen möchte, der konnte vorab das so genannte Papst-Package buchen: Zwei Doppelzimmer-Übernachtungen mit Frühstück in einem Drei-Sterne-Hotel in der Innenstadt und eine Nahverkehrs-Partnerkarte für drei Tage sowie das Papst-Buch „Mein Herz schlägt bayerisch“ – alles für 92 Euro. Allerdings bleibt fraglich, ob man den Hotelaufenthalt so richtig genießen kann. Auf das Frühstück wird man zumindest verzichten müssen, denn Frank Hole von der Deutschen Bahn appelliert an alle Anreisenden, sich möglichst schon um drei Uhr nachts auf den Weg zur Messe zu machen.
Messe im Stehen
Auch dort wird es eher ungemütlich. Es gibt weder Schattenspender noch Unterschlupfe. Regenschirme sind ebenso verboten wie Klappstühle, Kinderwägen und Tiere. Das mit den Stühlen tut Koordinator Armin Wouters schon leid, wegen der vielen älteren Menschen, die einfach nicht mehr stundenlang stehen können. Aber Sicherheit geht vor. Sitzkissen sind zwar erlaubt – aber eben auch nicht gerade eine Wohltat für müde Knochen. Eine ältere Dame aus Hamburg ist da wohl die Ausnahme: Sie bestätigte Wouters, nun schon wochenlang auf dem Sitzkissen trainiert zu haben.
Jeder, der auf dem Gelände in Riem eintrifft, erhält eine Pilgertasche mit den wichtigsten Utensilien für die nächsten Stunden: Regenumhang, eine Sonderausgabe der Kirchenzeitung und eine gefüllte Halbliterflasche aus Plastik. Eigentlich hatten die Barmherzigen Schwestern aus Adelholzen ihr Mineralwasser unter die Gläubigen bringen sollen. Doch damit gab es ein organisatorisch unlösbares Problem: Das Flaschenpfand. Jetzt müssen die Besucher Wasser mit Guave- und Apfelgeschmack trinken, denn das gilt als diätisches Lebensmittel und ist vom Pfand befreit. Die Münchner Organisatoren haben für 20 Cent das Stück einen Restposten von der Fußball-WM aufgetrieben. Natürlich mit einem Fußball auf dem Etikett.
Public Viewing in weiß-gelb
Das ist aber nicht das Einzige, was an die Weltmeisterschaft vor zwei Monate erinnern wird. Wieder werden sich die Menschen unter Video-Leinwänden versammeln, wieder werden sie ihre Autos mit Fahnen schmücken. Statt schwarz-rot-gold ist nun weiß-gelb angesagt, die Farben des Vatikans. Die Autofahnen gingen weg wie warme Semmeln – das zumindest behauptet Jürgen Wittmann, dessen Firma Sixsigma Merchandising die offiziellen Papst-Fanartikel herstellt und vertreibt. Der Devotionalienhandel ist schon seit Wochen voll im Gange: auf T-Shirts und Baseball-Kappen prangt das Motto des Papstbesuchs „Wer glaubt, ist nie allein“. Es gibt Ratzinger-Tassen, Papstbildchen, Rosenkränze, Benedikt-Bier und einen Radiergummi - den „Ratzefummel“.
Papa als Geburtshelfer
Der Regensburger Klerus hat den Unternehmer ganz offiziell mit dem Vertrieb der Papst-Devotionalien beauftragt, um die Papstvisite zu refinanzieren. In Regensburg wird Benedikt XVI. nach seinem Besuch von Altötting und seinem Geburtsort Marktl am Inn gleich zwei Tage verbringen. Was die Bezirkshauptstadt der Oberpfalz am 12. und 13. September fast völlig lahm legen wird. Zwischen Mitternacht und 18 Uhr wird am Dienstag die Autobahn A3 auf eine Länge von 7,5 Kilometern völlig gesperrt und in einen Busparkplatz für die Messe auf dem nahe gelegenen Islinger Feld verwandelt. An normalen Tagen fahren auf diesem Autobahnabschnitt 90.000 Fahrzeuge. Die Regensburger Innenstadt wird komplett gesperrt, die Kinder bekommen noch einen Tag länger schulfrei als der Rest in Bayern, deren Sommerferien das Kultusministerium wegen des Papstbesuchs eh schon um einen Tag erweitert hat. Viele große Industriebetriebe machen während des Papstbesuchs dicht, weil sowieso kein Durchkommen ist, andere bieten ihren auswärts wohnenden Mitarbeitern provisorische Übernachtungen an. Der Leiter der Regensburger Hedwigsklinik, Hans-Peter Siedhoff, rät hochschwangeren Frauen, sich schon vor der Ankunft des Papstes in ein Krankenhaus zu begeben. Das hat anscheinend aber nicht jede werdende Mutter vor. Mehrere Frauen sollen beim Bistum Regensburg angefragt haben, ob sie auf der „Papstwiese“ niederkommen könnten.



