Wunderwerk der Filmgeschichte
Mitte der 30er Jahre flimmerte kaum ein Film über die Kinoleinwände, ohne dass die Zuschauer im Vorprogramm Bekanntschaft mit "Alice in Cartoonland", "Oswald the Lucky Rabitt" oder "Mickey Mouse" gemacht hätten. Für Walt Disney war der Welterfolg der kurzen Trickfilmchen allerdings nur ein Etappenziel, denn er hatte ein ehrgeizigeres Projekt vor Augen. Innerhalb von drei Jahren sollte der erste abendfüllende Zeichentrickfilm der Geschichte entstehen.
Von 1934 bis 37 beschäftigte Disney rund 750 Angestellte mit dieser Aufgabe. Haupt- und Assistenzzeichner, Lay-Outer- und Hintergrundmaler, Zeichner für Bewegungsphasen und Spezialeffekte und über 150 Frauen, welche die Zeichnungen auf Zelluloid übertrugen und kolorierten, sollten aus "Schneewittchen und die sieben Zwerge" ein Wunderwerk der Filmgeschichte machen. Nach der Verarbeitung von über einer Million Zeichnungen und unzähligen Labor- und Studioexperimenten mit Farben und Kameraeinstellungen wurde "Snow White" am 21. Dezember 1937 im Carthay Circle Theatre in Hollywood uraufgeführt und sofort ein gigantischer Erfolg. Die Kritiker feierten nicht nur die technischen Feinheiten wie das ausgefeilte Technicolorverfahren und die souveräne Bedienung der Multiplan-Kamera. Gelobt wurde auch die zweifelsohne brillante Idee, den Zwergen, die im Märchen der Gebrüder Grimm nur als Nebenfiguren auftauchen, Charakter und Persönlichkeit zu verleihen.
Alle Jahre wieder
In der Begründung für die Verleihung des Ehren-Oscars 1938 wurde allerdings noch ein anderer Aspekt hervorgehoben: "Als anerkannte und bedeutende Neuerung des Films, die Millionen bezaubert hat und ein großes neues Unterhaltungsfeld für die Filmindustrie erschloss."
Überflüssig zu erwähnen, dass im Grunde nur Walt Disney berufen war, dieses Feld gewinnbringend zu erschließen. Und so hatte er schon bevor "Schneewittchen" in die Kinos kam, neue Projekte in Arbeit. "Pinocchio" (1939) glänzte mit einem noch größeren Aufwand an special effects, "Fantasia" (1940) unternahm den (kommerziell nicht eben erfolgreichen) Versuch, mit Hilfe des Zeichentrickfilms klassische Musik zu interpretieren, und "Dumbo" (1941) und "Bambi" (1942) setzten die lukrative Geschäftsidee der alljährlich erneuerten Massenproduktion bereits in die Tat um.
Filme ohne Seele?
Die bedenkenlose "Disneyisierung" unterschiedlicher Stoffe und Vorlagen stieß allerdings sehr bald auf Widerstand. Filmkritiker wie Richard Schickel warfen Disney vor, die besondere Aura der Vorlagen durch die immer gleichen Hollywood-Klischees ad absurdum zu führen: "Er konnte sich durchaus etwas zu eigen machen, zweifellos, aber dieser Akt beraubte den betreffenden Stoff fast immer seiner Einzigartigkeit, seiner Seele, wenn man so will. Diese Elemente ersetzte er dann durch Scherze und Lieder und schauerliche Effekte, aber er verkleinerte fast immer, was er berührte. Er kam stets als Eroberer, nie als Diener daher."
Der positiven Bilanz des Disney-Konzerns tat das freilich keinen Abbruch. Im Gegenteil. Bis heute spülte allein "Snow White" inklusive der Song-Verwertungen und sonstiger Merchandising-Einnahmen über 40 Millionen Dollar in die Unternehmenskasse. Und die war ohnehin prall gefüllt, denn auch wenn einzelnen Produktionen wie etwa "Dornröschen“ (1959), immerhin der teuerste Zeichentrickfilm, der zu Disneys Lebzeiten gedreht wurde, der Erfolg versagt blieb, so gab es doch immer noch genügend Alternativen.
Die (Film-) Wüste lebt
Schließlich beschränkte sich das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur auf die Produktion von Trickfilmen. Neben "Cinderella" (1950), "Alice im Wunderland" (1951), "Peter Pan" (1953) "101 Dalmatiner" (1961) oder "Das Dschungelbuch" (1967) wurden auch Spiel- und Dokumentarfilme wie "Die Schatzinsel" (1950), "Die Wüste lebt" (1953) und "Davy Crockett" (1955) ins Rennen um die Publikumsgunst geschickt. Dabei sollten auch die Mischformen aus Zeichentrick- und Realfilm nicht vergessen werden, denn immerhin avancierte "Mary Poppins" 1964 zum erfolgreichsten Disney-Streifen, den die Welt bis dahin gesehen hatte.
Comeback von Dauer?
Nach dem Tod des Firmengründers waren die rosigen Zeiten vorerst Geschichte, denn Walts Schwiegersohn Ron W. Miller bewies wenig Geschick bei der Verwaltung des riesigen Erbes. Erst Mitte der 80er Jahre setzte die von Michael Eisner und dem (inzwischen verstorbenen) Frank Wells geleitete Chefetage wieder verstärkt auf die Produktion populärer Zeichentrickfilme und kehrte damit in die Erfolgsspur zurück. Seitdem entstanden in den Disney-Studios wieder Kassenschlager wie "Arielle, die Meerjungfrau" (1989), "Die Schöne und das Biest" (1991), "Aladin" (1992), "Der König der Löwen" (1994), "Toy Story" (1995), "Der Glöckner von Notre Dame" (1996), "Herkules" (1997), "Mulan" (1998), "Tarzan" (1999) oder "Ein Königreich für ein Lama" (2000). Ab dem 6. Dezember 2001 können die Zeichentrick-Freunde dann “Atlantis - Das Geheimnis der verlorenen Stadt“ bewundern.
Ob dieses Comeback von Dauer sein wird, bleibt abzuwarten. Schließlich hat der ehemalige Disney-Studioleiter Jeffrey Katzenberg zusammen mit Steven Spielberg und David Geffen mittlerweile das Dreamworks-Studio gegründet und mit "Antz" (1998) und "Shrek" bereits Filme produziert, die in der Trickfilmanimation neue Maßstäbe setzen.



