Ihren Heimflug aus dem Mallorca-Urlaub haben sich die gut 80 Passagiere an Bord der "Landshut" wohl ganz anders vorgestellt. Als die Fluggäste am 13. Oktober 1977 in Palma de Mallorca in die Lufthansa-Maschine mit Flugziel Frankfurt am Main einsteigen, ahnen sie noch nichts Böses, alles scheint wie immer: Es gibt Getränke, die Stewardessen kümmern sich wie gewohnt um die Passagiere.
RAF-Terror im "Deutschen Herbst"
In Deutschland allerdings sieht zu dieser Zeit keineswegs alles rosig aus – im Gegenteil: Der Terror durch die linksradiale Rote Armee Fraktion (RAF) erreicht im sogenannten "Deutschen Herbst" gerade seinen Höhepunkt. Bereits im April 1977 hat ein Terrorkommando den Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei seiner Begleiter ermordet. Im Juli wird der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, in seinem Haus erschossen.
Noch während die Urlauber auf Mallorca auf ihren Abflug warten, muss der am 5. September 1977 entführte Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer um sein Leben fürchten. Seine Entführer fordern die Freilassung von elf gefangenen RAF-Terroristen. Doch die deutsche Bundesregierung unter Helmut Schmidt weigert sich, die Forderung der Entführer zu erfüllen.
Die Entführung
Genau an diesem Punkt holt die düstere Wirklichkeit des Terrors die Mallorca-Urlauber ein. Denn was sie nicht wissen: An Bord ihrer Maschine sind vier Terroristen von der mit der RAF verbündeten "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP). Versteckt in Kosmetikkoffern und einem Radio haben die zwei Männer und zwei Frauen zwei Pistolen, Handgranaten und Plastiksprengstoff an Bord geschmuggelt.
Nach einer guten halbe Stunde Flugzeit, die "Landshut" nähert sich gerade der Küste von Südfrankreich, stürmen die Terroristen das Cockpit und zwingen die Piloten, den Kurs zu ändern. Diesen bleibt nichts anderes übrig, als den Anweisungen der Flugzeugentführer Folge zu leisten. Denn diese drohen, sonst die Maschine in die Luft zu jagen. Neues Ziel des Fluges soll nun Larnaka auf Zypern sein.
Irrflug durch Europa
Doch das erste Problem tritt schon über Italien auf: Schnell wird klar, dass der Treibstoff der Maschine nicht mehr bis Zypern reichen wird. Die "Landshut" muss in Rom zwischenlanden. Dort nutzen die Terroristen die Gelegenheit, um ihre Forderungen zu stellen: Wie die Entführer von Hanns Martin Schleyer fordern sie die Freilassung der elf RAF-Terroristen und zusätzlich von zwei PLFP-Terroristen, die in der Türkei inhaftiert sind. Außerdem wollen sie 15 Millionen US-Dollar.
Die deutsche Bundesregierung weigert sich und bittet die italienischen Behörden stattdessen, die Reifen der "Landshut" zu zerschießen, damit das Flugzeug nicht mehr starten kann. Doch das erscheint der italienischen Regierung zu riskant, sie fürchtet um das Leben der Geiseln an Bord. Papst Paul VI. bietet der deutschen Regierung an, sich gegen die Geiseln austauschen zu lassen, doch diese lehnt dies ab.
Nach dem Auftanken fliegt die "Landshut" nun weiter nach Zypern und landet gegen 20:30 Uhr auf dem Flughafen von Larnaka. Hier schalten sich PLO-Vertreter in die Verhandlungen ein und versuchen die Entführer zur Aufgabe zu bewegen – vergeblich. Stattdessen zwingen die Terroristen die beiden Piloten, das Flugzeug erneut zu starten und Kurs auf Beirut zu nehmen. Sie hoffen im Nahen Osten sozusagen auf Heimvorteil und Unterstützung für ihre "Sache".
Doch sie irren: Weder der Flughafen von Beirut, noch die daraufhin angesteuerten Ausweichziele Damaskus, Bagdad und Kuweit erteilen der entführten Lufthansa-Maschine Landerlaubnis. Stattdessen werden die Landebahnen gesperrt, um die Landung zu verhindern. Besatzung und Passagiere stehen nun Todesängste aus, denn der Treibstoff wird allmählich knapp. Als auch Dubai zunächst die Landung verweigert, fürchten alle das Schlimmste.
Von Dubai nach Mogadischu
Dazu kommt es glücklicherweise nicht: Dubai räumt die blockierten Landebahnen wieder frei und erlaubt der Maschine am frühen Morgen des 14. Oktober die Landung – aber mehr auch nicht. Fast drei Tage lang steht das Flugzeug nun in der glühenden Hitze, die Klimaanlage ist wegen des Treibstoffmangels ausgeschaltet, Wasser und Nahrung gibt es kaum. Während die Terroristen Verhandlungen führen, gelingt es dem Flugkapitän Jürgen Schumann, die Behörden über die Zahl der Entführer zu informieren. Dummerweise wird kurz darauf im Fernsehen gesendet.
Die Lage eskaliert daraufhin: Die Entführer drohen, Geiseln zu erschießen, wenn ihnen kein Treibstoff geliefert und der Weiterflug gestattet wird. Notgedrungen wird ihren Forderungen stattgegeben und das Flugzeug hebt wieder ab. Kurs diesmal: Oman. Als auch dort die Landung verweigert wird, lassen die Terroristen Kurs auf Aden in Jemen nehmen. Dort müssen die PiIoten wegen erneuten Treibstoffmangels zu einer verzweifelten Maßnahme greifen: Als auch dort die Landebahn blockiert ist, landen sie auf dem daneben liegenden Sandstreifen.
Um sicher zu gehen, dass dies keine Schäden am Fahrwerk des Flugzeugs hinterlassen hat, darf Flugkapitän Schumann aussteigen und die "Landshut" von außen inspizieren. Diese Chance nutzt er, um im Tower mit den jemenitischen Behörden zu reden. Doch das erweist sich als tödlicher Fehler: Als Schumann wieder ins Flugzeug steigt, wird er von den Entführern erschossen. Gleichzeitig fordert Jemen die Entführer auf, das Land umgehend zu verlassen.
In Nacht des 17. Oktober fliegt der Kopilot die "Landshut" nach Mogadischu. Hier bereiten sich die Terroristen auf ihren letzten Akt vor: Sie stellen ein letztes Ultimatum für die Freilassung der RAF-Gefangenen. Ist dies nicht bis 15:00 Uhr erfolgt, wollen sie die Maschine mit allen Geiseln in die Luft sprengen. Kurz vor Ablauf der Frist übergießen sie die Passagiere mit Alkohol. Um die Entführer hinzuhalten, erklären die Verhandler der deutschen Bundesregierung, sie würden die Forderungen erfüllen, bräuchten aber mehr Zeit.
Die Befreiung
Kurz vor Ablauf der letzten Frist bekommt das bereits seit Stunden versteckt auf dem Flugfeld wartende Sondereinsatzkommando GSG-9 die Erlaubnis, die Maschine zu stürmen. Die Männer schleichen sich unbemerkt an die "Landshut" heran und dringen gleichzeitig durch alle vier Eingänge in das Flugzeug ein. Innerhalb weniger Minuten erschießen sie drei der vier Entführer und nehmen die überlebende Terroristin fest. Alle Passagiere überleben diese riskante Befreiung.
Für die in Deutschland inhaftierten RAF-Terroristen ist das Ende der Flugzeug-Entführung ein schwerer Schlag. Drei von ihnen begehen noch in der gleichen Nacht kollektiven Selbstmord: Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Auch die Entführer von Hanns-Martin Schleyer reagieren prompt: Nachdem sie von der Befreiung der "Landshut" erfahren, erschießen sie ihre Geisel.
Die "Landshut" kehrt zurück
Für die "Landshut" ist die Geschichte aber noch lange nicht zu Ende. Die Lufthansa setzt das Flugzeug noch bis 1985 im Linienflug ein und verkauft es dann an eine andere Fluggesellschaft. Die Maschine wird noch bis 2008 von verschiedenen Airlines in Frankreich, Indonesien und Südamerika zur Beförderung von Passagieren und Fracht eingesetzt. Erst nach 38 Betriebsjahren wird die "Landshut" endgültig ausgemustert und steht auf einem Flugfeld in Brasilien.
Erst in diesem Jahr, 40 Jahre nach den dramatischen Ereignissen, wurde das schrottreife Flugzeug von der deutschen Regierung gekauft. Am 23. September 2017 wurde die "Landshut" – zerlegt in mehrere Einzelteile – nach Deutschland zurückgebracht. Sie soll nun restauriert und im Dornier-Museum in Friedrichshafen ausgestellt werden.



