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Vor 50 Jahren: Das Olympia-Attentat von München

27 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs fanden in Deutschland erstmals wieder Olympische Spiele statt. Die Sommerspiele 1972 in München sollten deshalb unter den Zeichen des Friedens und der Weltoffenheit stehen: Über 7.000 Athleten waren zu Besuch, die Angestellten und Helfer im olympischen Dorf und in den…
Veröffentlicht
05. September 2022
Lesezeit
5 Minuten
Rubrik
Leben & Lifestyle
Symbolbild Geiseldrama München 1972

Olympiagelände: pixabay.com,, fcja99

27 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs fanden in Deutschland erstmals wieder Olympische Spiele statt. Die Sommerspiele 1972 in München sollten deshalb unter den Zeichen des Friedens und der Weltoffenheit stehen: Über 7.000 Athleten waren zu Besuch, die Angestellten und Helfer im olympischen Dorf und in den Sportstätten waren ebenso wie die Polizisten in freundlichem Hellblau gekleidet, das Sicherheitskonzept war lasch. Die Bundesrepublik wollte dadurch insbesondere auch einen Kontrast zu den letzten in Deutschland ausgetragenen Olympischen Spielen bieten. Im Jahr 1936 nutzte Adolf Hitler diese, um die Stärke des Dritten Reichs zu demonstrieren und seine Propaganda zu verbreiten.

Ein Fest des Friedens?

Fernab der Weltpolitik sollte in München also ein sportliches Fest der Zusammenkunft und des fairen Wettbewerbs stattfinden, das am 26. August 1972 feierlich eröffnet wurde. Unter den Augen der deutschen Sicherheitsbehörden zerbrach diese Illusion jedoch am Morgen des 5. September. Von Monteuren der Post für heimkehrende Sportler gehalten, kletterten kurz nach vier Uhr morgens acht schwer bewaffnete Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ ungehindert und unbehelligt über den Zaun des Olympischen Dorfes.

Dort angekommen, drangen die Terroristen in die nicht verschlossenen Quartiere des israelischen Teams ein und nahmen elf Geiseln. Der Trainer der Ringer, Mosche Weinberg, wurde direkt zu Beginn bei einem Fluchtversuch getötet, der angeschossene Gewichtheber Josef Romano erlag wenige Stunden später seinen Verletzungen. Um die Ernsthaftigkeit der Lage zu verdeutlichen, legten die Terroristen die Leiche Weinbergs vor dem Gebäude ab.

Das Olympische Dorf vom Olympiaturm aus gesehen

Douglas Whitaker / CC BY-SA 2.5

Spärlich ausgerüstete Polizisten

Inzwischen waren auch Polizei und andere Rettungskräfte am Ort des Geschehens präsent. Sie riegelten das Olympische Dorf ab – Schaulustige und Presse mussten zurückgehalten werden. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich allerdings schon die mangelnde Vorbereitung der Polizei ab: Die Beamten kamen teilweise in privaten Trainingsklamotten, trugen keine Schutzweste und waren größtenteils nur mit ihrer normalen Dienstwaffe ausgestattet. Lediglich einige Scharfschützen des deutschen Grenzschutzes konnten als angemessen bewaffnet bezeichnet werden. Eine Anti-Terror-Einheit, wie die heutige GSG 9, gab es nicht. Sie wurde erst nach den Münchner Ereignissen ins Leben gerufen.

Der damals zuständige Polizeichef Münchens Manfred Schreiber begründet die mangelnde Ausrüstung in einem späteren Interview mit dem Bayerischen Rundfunk damit, dass man im Deutschland der Nachkriegszeit eine eher zivile Polizei aufstellen wollte. „Wir haben geglaubt, wir müssen nur noch Fahrraddiebe verfolgen, Verkehrsanzeigen aufnehmen und vielleicht Demonstrationen kanalisieren“, so Schreiber. „Wir waren auf dieses Ereignis – von der Munition, vom Recht, aber auch von der Psyche und von der Absicht her, die Spiele als friedliebende Spiele eines friedliebenden Deutschlands zu gestalten – überhaupt nicht vorbereitet.“

Verhandlungen ohne Fortschritt

Gemeinsam mit dem damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher leitete Schreiber die Verhandlungen mit den Terroristen. In ihrer ersten Botschaft forderten die Täter die Freilassung von über 300 in Gefangenschaft gehaltenen Terroristen, darunter vornehmlich Palästinenser, aber auch die RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Nachdem Schreiber das Ultimatum, das ursprünglich auf 9 Uhr angesetzt war, verschieben konnte, forderten die Geiselnehmer, dass zumindest die 200 Palästinenser aus israelischen Gefängnissen entlassen werden. Die israelische Regierung weigerte sich jedoch, mit den Terroristen zu kooperieren, weshalb diese ihre Forderungen weiter anpassen mussten.

Nach weiteren Verhandlungen des eingesetzten Krisenstabs verlangten die Terroristen schließlich freies Geleit vom Gelände des Olympischen Dorfes und ein Flugzeug, dass sie und die Geiseln in eine arabische Hauptstadt bringt. Die Polizei ging auf die Forderungen ein, plante jedoch zuzugreifen, wenn die Geiselnehmer das Gebäude verlassen. Da die Täter – unter anderem, weil die Presse rege im Radio und TV über alle Ereignisse vor Ort berichtete – den Hinterhalt ahnten, konnten sie ihn umgehen und zu den ihnen bereitgestellten Hubschraubern gelangen.

Flugplatz-Fiasko

Mit den Helikoptern flogen die Terroristen samt Geiseln gegen 22 Uhr zum Flugplatz Fürstenfeldbruck westlich von München. Dort sollte eigentlich ein Polizeiaufgebot bereitstehen, das sie vom Besteigen des Fliegers abhalten sollte. Das Problem hierbei: Einerseits wurde die Verstärkung zu spät gerufen, andererseits steckten viele Beamte im Münchener Stadtverkehr im Stau. So kam es dazu, dass am Flugplatz lediglich ein Freiwilligenkommando und fünf Scharfschützen als Empfangskomitee warteten und Letztere Berichten nach eigentlich nur Streifenbeamte ohne richtige Ausbildung waren.

Nachdem mehrere Terroristen das bereitgestellte Flugzeug inspiziert hatten und sich auf dem Rückweg zu den Helikoptern befanden, eröffneten die Polizisten das Feuer. Hierfür schalteten sie die Scheinwerfer des Flugplatzes aus, was aufgrund mangelnder Nachtsichtgeräte allerdings nur wenig hilfreich war. Hinzu kam, dass die Polizisten in keinerlei Funkkontakt standen, was einen koordinierten Angriff nahezu unmöglich machte.

Im darauffolgenden Feuergefecht zwischen Polizei und Geiselnehmern entwickelte sich eine chaotische Situation mit fatalem Ergebnis: Die Terroristen töteten alle neun Geiseln, ein Polizist kam durch einen Kopftreffer ums Leben und beide Helikopter brannten vollständig aus. Von den acht Palästinensern wurden fünf von der Polizei erschossen und drei festgenommen. Gut eine Stunde nach Mitternacht endete der missglückte Befreiungsversuch schließlich.

Der Morgen danach

Nach dem ereignisreichen Tag mit letztlich elf getöteten Olympiateilnehmern stand das Olympische Komitee nun vor einer schwierigen Entscheidung: Werden die Spiele abgebrochen oder weitergeführt? Noch während der Trauerfeier im Münchener Olympiastadion mit 80.000 Teilnehmern war die Antwort hierauf alles andere als klar. Erst in der Rede des damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage gab es schließlich Klarheit: „The games must go on“, statuierte Brundage. In Absprache mit der israelischen Regierung wolle man die Olympischen Spiele nicht dem Terrorismus zum Opfer fallen lassen.

Der kleine Erfolg der Münchner Polizei, zumindest drei der Geiselnehmer festgenommen zu haben, währte übrigens nur kurz: Knapp zwei Monate nach dem Flugplatz-Desaster entführten palästinensische Terroristen eine Lufthansa-Maschine und forderten die Freilassung der Olympia-Attentäter. Die deutsche Bundesregierung kam der Forderung nach, wodurch es nie zu einer juristischen Aufarbeitung des Anschlags vom 5. September 1972 kam.

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