Wahlen – die Stimmen der Meinungsforscher
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Wahlen – die Stimmen der Meinungsforscher

Bild: Foto: © Geolina, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Wahl ist immer schon vor der Wahl entschieden, wenn es nach den Meinungsforschern geht. Auf die Stelle nach dem Komma prognostizieren sie, welche Partei wie in der Wählergunst abschneidet. Längst würden Umfragen zum „Standardrepertoire“ der Berichterstattung gehören, heißt es einer im August 2002 veröffentlichten Analyse über Umfragen und Medien des Augsburger Kommunikationswissenschaftlers Frank Brettschneider. Nicht immer liegen die Umfrageinstitute richtig, doch der steigenden Nachfrage nach Zahlen just in Wahlkampfzeiten tut dies keinen Abbruch.

Die Wahl ist immer schon vor der Wahl entschieden, wenn es nach den Meinungsforschern geht. Auf die Stelle nach dem Komma prognostizieren sie, welche Partei wie in der Wählergunst abschneidet. Längst würden Umfragen zum „Standardrepertoire“ der Berichterstattung gehören, heißt es einer im August 2002 veröffentlichten Analyse über Umfragen und Medien des Augsburger Kommunikationswissenschaftlers Frank Brettschneider. Nicht immer liegen die Umfrageinstitute richtig, doch der steigenden Nachfrage nach Zahlen just in Wahlkampfzeiten tut dies keinen Abbruch.

Entwicklung: Meinungsforschung in Deutschland

Die Geburtsstunde der politischen Demoskopie (griech.: Volksschau) schlug 1935 in den USA: George H. Gallup gründete das American Institute of Public Opinion (AIPO). Gallups korrekte Voraussage des Ausgangs der Präsidentschaftswahlen 1936 legte den Grundstein seines Ruhms. Im Folgejahr lernte eine deutsche Studentin in den USA die Meinungsforschung kennen, zehn Jahre später – 1947 – gründete sie in Allensbach am Bodensee das Institut für Demoskopie (IfD) und etablierte damit die Meinungsforschung in Deutschland – es war Elisabeth Noelle (-Neumann).

Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und vor allem Helmut Kohl tat sie kund, was ihrer Ansicht nach Volkes Stimme meint. Längst müssen sich die Allensbacher den Markt der politischen Meinungsforschung mit zahlreichen weiteren Instituten teilen, Emnid und Forsa, Infratest-dimap und Forschungsgruppe Wahlen heißen die wichtigsten Konkurrenten. Ihre Dienste sind besonders im Vorfeld von Landtags- und Bundestagswahlen gefragt - denn jede Partei will wissen, wie ihre Chancen stehen

Auch die Medien sind inzwischen für die Institute ein wichtiger Kunde, sei es, weil diese monatlich einen Politbarometer erstellen (ZDF) oder wöchentlich bunte Tortengrafiken servieren (Spiegel, Focus). Die veröffentlichen Daten sind wiederum Stoff für andere Medien. Die Folge: Von 1980 bis 1998 hat sich die Berichterstattung über Wahlumfragen in den Medien verfünffacht, wie Frank Brettschneider feststellte.

Bearbeitet: Die „Gewichtungsfaktoren“

Doch häufig, so eine weitere Feststellung des Augsburger Professors, lassen die Medien ihre Leser und Zuschauer darüber im Unklaren, wer die Wahlumfrage in Auftrag gegeben hat, wie viele Bürger das Institut befragt hat und vor allem wie hoch die Fehlerspanne ist. Just der letzte Aspekt ist besonders brisant. Denn jede Umfrage birgt unvermeidbare statistische Unsicherheiten. So liegt die Fehlertoleranz der führenden Institute für große Parteien bei rund +/- 3 Prozentpunkten, bei kleineren bei +/- 1,5 Prozentpunkten. Wo eine Umfrage also für eine Partei einen Stimmenanteil von 40,0 Prozent angibt, müsste es korrekt heißen: zwischen 37,0 und 43,0 Prozent.

Hinzu kommen systematische Fehler: Manche Befragte mögen bewusst lügen, just die Anhänger von radikalen Parteien geben sich als solche nicht immer zu erkennen. Um diese Fehler auszugleichen, „gewichten“ die Demoskopen ihre Rohdaten. Die präsentierten Daten sind also mehr oder minder subjektiv beeinflusst.

Manipuliert: Der Fall Allensbach und Republikaner

Neben dieser allseits üblichen Zahleninterpretation gibt es auch Fälle, in denen ein Institut absichtlich der Öffentlichkeit andere Zahlen präsentiert als es eine Umfrage ermittelte. So gestand Renate Köcher, Partnerin von Elisabeth Noelle-Neumann, nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg 1996 ein, bei einer kurz vor der Wahl veröffentlichten Umfrage ihres Instituts den Anteil der Republikaner bewusst unterhalb der 5-Prozent-Hürde angesiedelt zu haben, obwohl die erhobenen Daten die Partei deutlich darüber sahen – die Wähler sollten so vom Kreuz für diese Partei abgehalten werden. Und das war kein Einzelfall: Auch vier Jahre zuvor ging Allensbach nach gleichem Muster vor.

Unbekannt: Der Einfluss auf die Wähler

Zweifellos beeinflussen Meinungsumfragen die Politik, etwa welchen Kanzlerkandidaten eine Partei kürt (Beispiel CDU/CSU 2002) oder über den Fahrplan des Wahlkampfes (Beispiel SPD 2002). Die wichtigste Frage, welchen Einfluss die Umfragen auf Wahlbeteiligung und -verhalten haben, ist bislang jedoch unbeantwortet geblieben.

Als Forschungsfeld haben die Sozialwissenschaftler die Meinungsforschung noch nicht entdeckt. Somit gibt es bislang in Deutschland keine empirisch gesicherten Daten darüber, wie sich die Umfragen der Demoskopen auf das Wahlverhalten auswirken. Fundierte Erkenntnisse wären jedoch umso dringlicher, da der Anteil der Wechselwähler und Wahlabstinenzler stetig zunimmt – sie könnten sich womöglich von Umfragewerten besonders beeinflussen lassen. Um dies weitgehend zu vermeiden, bestehen in einigen Staaten der Europäischen Union – so in Frankreich, Griechenland und Italien – Verbote für die Veröffentlichung von Meinungsumfragen kurz vor der Wahl. Dergleichen ist in Deutschland jedoch nicht in der Diskussion.

Checkliste für seriöse Wahlumfragen

Quelle: angelehnt an die „Richtlinie für die Veröffentlichung von Ergebnissen der Wahlforschung“, ADM et al. 1997

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