Ein Mensch als Markenzeichen
Er begann seine Karriere als Zeitungsjunge und beendete sie als unumschränkter Herrscher über ein weltweites Imperium. Walt Disney verkörperte den "american way of life" wie kaum ein zweiter. Am 5. Dezember wäre er 100 Jahre alt geworden. Sein Name gehört sicher zu den berühmtesten des 20. Jahrhunderts, und doch weiß man über den Menschen Walt Disney erstaunlich wenig. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass er sich in der Öffentlichkeit fast ausschließlich über seine Arbeit definierte. Auch nach dem Tod des Firmengründers setzten seine Nachfolger alles daran, um den Mythos des ebenso genialen wie sympathischen Selbstmade-Mannes vor Enthüllungsstorys zu bewahren. Als der renommierte Filmkritiker Richard Schickel 1967 daran ging, "Disneys Welt" ein Jahr nach dem Ableben ihres Schöpfers kritisch zu durchleuchten, erhielt er von "offizieller Seite" denn auch keinerlei Unterstützung. Daran hat sich nicht viel geändert - bis heute ist Walt Disney vor allem ein Markenzeichen, dessen Erfolg ganz wesentlich von seinem positiven Image abhängt.
Vom Zeitungsjungen zum Trickfilm-Zeichner
Und das sieht ungefähr so aus: Am 5. Dezember 1901 wird Walter Elias Disney als drittes Kind von Elias und Flora Disney in Chicago geboren. Nach mehreren Umzügen landen die Disneys schließlich in Kansas City, wo der neunjährige Walter als Zeitungsjunge des "Kansas City Star" seinen Anteil zum Lebensunterhalt der Familie beisteuert. Jahre später begegnen wir ihm als Limonaden- und Candyverkäufer im Santa Fé Express. Der Schülerzeitung der McKinley High School vertraut er erste Proben seines zeichnerischen Talents an und meldet sich dann freiwillig zum Militär. Kurz nach Kriegsende lernt er als Fahrer des Roten Kreuzes Frankreich kennen und verdient sich nebenbei jeweils 10 Francs, wenn er den Orden "Croix de Guerre" mit Ölfarbe auf diversen Uniformjacken platziert.
1919 ist Walt wieder in den USA, lernt hier den brillanten Zeichner Ub Iwerks kennen und beschließt nun endgültig, sein Hobby zum Beruf zu machen. Unterbrochen von Misserfolgen und regelrechten Hungerperioden entstehen in den kommenden Jahren die Vorarbeiten späterer Welterfolge: zunächst die einmütigen Trickanimationen "Newman-Laugh-O-Grams", anschließend verschiedene Märchenfilme, die schließlich von der Verleihfirma M.J. Winkler übernommen werden.
Mickey Mouse - eine traumhafte Karriere
Nachdem Disney die Tuschzeichnerin Lillian Boards geheiratet und in Hollywood ein neues Studio bezogen hat, nähert er sich den schwarzen Zahlen. Der ersten Filmserie um Episoden aus "Alicés Wonderland" folgen die Abenteuer von "Oswald the Lucky Rabbit", die von den Erlebnissen einer kleinen Maus noch übertrumpft werden Am 18. November 1928 feiert der erste Zeichentrick-Tonfilm "Steamboat Willie" im Colony Theatre von New York Premiere und macht nicht nur Mickey Mouse, sondern auch ihren Erfinder über Nacht berühmt.
Walt Disney, der mittlerweile zeichnen lässt und noch nicht einmal die berühmte Unterschrift zu Papier bringt, ist fortan spiritus rector eines Weltkonzerns und Stammgast der alljährlichen Oscar-Verleihung. Mitte der 30er Jahre beschäftigt er 750 Mitarbeiter und kann sich endlich einen langgehegten Traum erfüllen. Unter seiner Leitung entsteht der erste abendfüllende Zeichentrickfilm "Schneewittchen und die sieben Zwerge" (1937), der zu einem beispiellosen Sensationserfolg wird. Doch bevor Disney den neuen Wirtschaftszweig erschöpfend auswerten kann, rufen ihn vaterländische Pflichten. Ab 1942 produziert er im Auftrag der amerikanischen Regierung Unterrichts- und Propagandafilme ("Der Fuehreŕs Face", 1943), und auch nach dem Krieg machen die Zeichentrickfilme nur noch einen Teil der Produktpalette aus. Unter dem Gütesiegel Walt Disney entstehen Spielfilme ("Die Schatzinsel", 1950) und Dokumentationen ("Die Wüste lebt", 1953), Fernseh-Shows und Freizeitparks.
Die dunkle Seite von "Onkel Walt"
Als "Onkel Walt" 1966 stirbt, schätzt die Disney-Corporation, dass jedes Jahr weltweit 240.000.000 Menschen einen Disney-Fim sehen, 150.000.000 einen Comic-Strip lesen und 80.000.000 die von Disney lizensierten Merchandising-Produkte kaufen. Das Unternehmen besitzt zu diesem Zeitpunkt u.a. 493 Kurzfilme, 21 abendfüllende Zeichentrickfilme, 47 Spielfilme und 280 aufgezeichnete TV-Shows. Fazit: Walt Disney war ein Familienbeglücker von nie da gewesenen Ausmaßen. Trotzdem sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die meisten seiner Werke - insbesondere Naturdokumentationen wie "die Wüste lebt" - von Verfälschungen und Klischees leben. Dass er Goya für einen "guten Mann" und Cezanne für einen "schlechten Zeichner" hielt und trotzdem zum Ehrendoktor von Harvard und Yale ernannt wurde. Dass er seine Angestellten nötigte, ihn mit "Walt" anzureden und sie gleichzeitig unter seiner reichlich unverträglichen Kontrollwut leiden ließ. Dass er sich an streikenden Mitarbeitern rächte, indem er sie der Kommunistenhatz eines Joseph McCarthy preisgab. Und dass kaum einer der Originalautoren je an den Film- und Merchandising-Einnahmen beteiligt wurde. Die Geschichte dieses Walt Disney muss erst noch geschrieben werden, denn erst dann ist es möglich, eine der zweifellos wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts umfassend zu würdigen. Bis dahin muss Richard Schickels Einschätzung, die er 30 Jahren nach Erscheinen seiner Biographie zu Protokoll gab, wohl noch als Maß aller Dinge gelten:
"Er war im Guten wie im Schlechten - höchstwahrscheinlich in einer höchst komplexen Mischung aus beidem - eine der entscheidenden Gestaltungskräfte der amerikanischen Kultur im mittleren Drittel dieses Jahrhunderts, und sein immer länger werdender Schatten hinterlässt bis heute die merkwürdigsten und erstaunlichsten Spuren."



