Niemals beim Elfmeter Bier holen
In einer Untersuchung zu Spielunterbrechungen im WM-Fußball fanden die Mitarbeiter um den Trainingswissenschaftler und Sportinformatiker Prof. Dr. Martin Lames heraus, dass eine Verletzungsunterbrechung durchschnittlich 66 Sekunden dauert. Hinreichend Zeit also, um die Getränkevorräte wieder aufzufüllen, während der Schiedsrichter Ärzte und Betreuer aufs Spiefeld winkt.
Zwei weitere taktische Überlegungen sind wichtig: Erstens, man kann mit circa vier solcher Verletzungspausen pro Spiel rechnen, was hinreichend viel Gelegenheit bietet. Zudem häufen sich Verletzungsunterbrechungen zum Ende der Begegnungen, also genau zum richtigen Zeitpunkt - gegen Ende des Spiels ist das meiste Bier bereits in der Blase angelangt und eine Pinkelpause dringend nötig.
Zweitens, in der Regel verpasst man während einer Verletzungspause keine wichtigen Entwicklungen, selbst wenn der Verletzte schneller als erwartet versorgt wird oder der Bierholer viel zu lange braucht, um sich zwischen Pils und Weizen zu entscheiden. Ganz anders sieht das bei Unterbrechungen durch Elfmeter aus, die zwar im Durchschnitt etwas länger dauern (69 Sekunden). Doch nur Bierholer-Anfänger nutzen eine Elfmeterunterbrechung - und werden häufig genug an der Kühlschranktür vom Torschrei eingeholt.
Der wissenschaftliche Hintergrund
WM-Taktik für den Bierholer ist natürlich nur ein Abfallprodukt einer seriösen wissenschaftlichen Untersuchung. Trainingswissenschaflter Prof. Martin Lames von der TU München erläutert: "Spielunterbrechungen sind für uns aus zwei Gründen von Interesse: Einmal charakterisieren ihre Länge und Häufigkeit den Rhythmus der Belastung für die Spieler. So kann man aus ihrer genauen Kenntnis wichtige Hinweise für die konditionelle Vorbereitung ableiten. Darüber hinaus wollen wir wissen, wie häufig einzelne Unterbrechungsarten sind oder ob Unterbrechungen auch als taktisches Mittel genutzt werden."
Mehr Fußball fürs Geld gibt's bei den Frauen
ihre Analyse zur Spielunterbrechung haben die Gründer des Instituts für Spieleanalyse, Dr. Christoph Dreckmann und Dr. Karsten Görsdorf, die 16 Finalrundenspielen der WM 2006 untersucht. Wer wissen will, was uns jetzt zur WM 2010 in Südafrika erwartet, sollte deswegen einmal weiterlesen. Denn die Wissenschaftler haben noch weitere interessante Details zum Thema Unterbrechung eines Fußballspiels herausgefunden:
- Am häufigsten sind Einwurfunterbrechungen (über 40,9 pro Spiel), dicht gefolgt von Freistößen (39,2), die aber im Durchschnitt länger dauern und sich auf bemerkenswerte 14 Minuten addieren. Wir warten also während eines Fußballspiels fast eine Viertelstunde lang nur auf die Ausführung von Freistößen.
- Auch dem bei den Profis so beliebten Zeitschinden kommt man bei genauer Beobachtung schnell auf die Schliche. An der Dauer der Einwürfe kann man ablesen, ob eine Mannschaft führt oder einem Rückstand nachläuft. Besonders viel "Zeitgefühl" haben die Torhüter beim Abstoß. Interessanterweise dauern zwar die Abstöße der in Führung liegenden Mannschaft nicht länger als bei einem Unentschieden, liegt die eigene Mannschaft jedoch im Rückstand, ist der Ball jedoch deutlich schneller wieder im Feld.
- Interessant ist auch ein Vergleich zum Frauenfußball. Hier bekommt der Zuschauer nämlich deutlich mehr Fußball zu sehen in den 90 Minuten. Die reine Spielzeit ist pro Spiel etwa um 5 Minuten länger - was vor allem auf wesentlich weniger Freistoß-Unterbrechungen zurückzuführen ist.



