Ob im Urlaub, bei der Party oder einfach zuhause: Mal eben das Handy gezückt, ein Foto gemacht und fertig. Schon kann das neueste Selbstportrait in meinen Social Media Account hochgeladen werden. Selfies boomen nach wie vor, immer wieder angeheizt durch neue Trends und Selfiesorten – vom Duckface über das Belfie, das nur die Brustpartie zeigt, bis hin zum "Bedstagram", dem Selbstportrait direkt nach dem Aufwachen.
Sind wir alle bloß Narzissten?
Aber egal in welche Lage wir ein Selfie machen - warum tun wir das eigentlich? Die gängige Antwort darauf war bisher meist: Eitelkeit und Narzissmus. Demnach werden die meisten Selfies gepostet, um bei den Followern und Freunden zu punkten, sich selbst zu vermarkten und seine eigene Attraktivität zu zeigen. Aber stimmt das auch?
Gleich mehrere Forschergruppen sind inzwischen der Frage nach dem "Warum" der Selfies auf den Grund gegangen – mit überraschendem Ergebnis. Denn entgegen landläufiger Annahme ist die bloße Eitelkeit und Selbstdarstellung nur bei einer Minderheit der einzige Beweggrund. Bei fast 90 Prozent der Selbstportraits steckt deutlich mehr dahinter, wie Steven Holiday von der Texas Tech University und seine Kollegen herausfanden. In einer Analyse von tausenden von Selfies auf Social Media Seiten haben sie drei große Typen von Selfie-Machern identifiziert.
Der Autobiograph
Dieser Selfie-Typ macht die Selbstportraits vor allem, um wichtige Ereignisse aus seinem Leben festzuhalten – einer Reise, ein Familienfest oder einfach ein besonders schönes Erlebnis. Oft sind in solchen Selfies auch andere Menschen, Sehenswürdigkeiten oder sonstige für die Situation kennzeichnende Dinge zu sehen.
Ein typisches Beispiel für diesen Typ sind die Selfies des NASA-Astronauten Scott Kelly. Er hielt mit ihnen seine Erlebnisse auf der internationalen Raumstation ISS fest, auf der er ein Jahr lang lebte und arbeitete. Ihm ging es dabei nicht um sein Aussehen oder eine Propaganda in eigener Sache, sondern schlicht darum, diese außergewöhnliche Situation in Bildern festzuhalten – und durch diese Selfies sein Erlebnis mit anderen zu teilen.
Der Kommunikator
Wer zu diesem Typ gehört, dem geht es beim Selfiemachen vor allem darum, sich mit anderen auszutauschen oder sie sogar für eine Sache zu begeistern. Das Selfie soll eine Diskussion anstoßen oder zum Nachmachen anregen. "Diesem Selfies-Typ geht es vor allem um den Dialog", erklärt Holiday. Zu dieser Kategorie gehören auch Selfies, in denen Menschen beispielsweise ihre Abnehm-Erfolge dokumentieren oder sportliche Tätigkeiten. Diese Bilder sollen andere anregen, es ihnen gleich zu tun oder aber vor bestimmten Dingen warnen.
Ein sehr politisches Beispiel für den Kommunikator-Typ ist die US-Schauspielerin Ann Hathaway. Bei den US-Wahlen im November 2016 trat sie die Selfie-Kampagne "I voted" los. Sie postete ein Selfie von sich beim Wählen auf Instagram und rief andere dazu auf, ebenfalls wählen zu gehen und Wähl-Selfies zu posten.
Der Selbstdarsteller
Sie bilden die wahrscheinlich bekannteste, aber auch kleinste Gruppe unter den Selfie-Typen. Zu ihnen gehören Menschen, die einfach jede Regung ihres Lebens in Bildern und Selfies festhalten. "Indem sie ihr Leben so mitteilen, wollen sie sich und ihre Geschichten meist in möglichst positivem Licht zeigen", erklärt Selfie-Forscher Harper Anderson. Weil diese Menschen entsprechend viel posten, prägen sie das gängige Bild, das wir von Selfie-Machern haben.
Die wahrscheinlich typischsten Beispiele für diesen Selfie-Typ sind US-Promis wie Katy Perry oder die Kardashians. Sie bestreiten letztlich ihren Lebensunterhalt durch Selbstvermarktung und da gehören jede Menge Selfies natürlich dazu. DIe Selfies dienen bei diesem Typ vor allem dazu, Likes und Follower anzusammeln und sind daher letzlich bloß Selbstzweck und Propaganda.
"Es ist aber wichtig zu wissen, dass eben nicht jeder Selfie-Poster ein Narzisst ist", betont Holiday. Natürlich ist wahrscheinlich bei jedem Selbstportrait immer auch ein kleine Prise Eitelkeit mit im Spiel. Aber für die meisten von uns dürften andere Beweggründe beim Posten solcher Bilder im Vordergrund stehen: Wir möchten unsere Erlebnisse mit anderen teilen, Anregungen geben oder einfach für uns selbst dokumentieren, was wir erlebt haben.



