Wehrpflicht heute
Für Männer vom 18. Lebensjahr an bestand bis Mitte 2011 in Deutschland die Wehrpflicht. Der Grundwehrdienst, zu dem Wehrpflichtige bis zum 23., in Ausnahmefällen bis zum 28. oder 32. Lebensjahr herangezogen werden konnten, dauerte zuletzt 6 Monate (seit 2010). Obwohl heute keine Männer mehr gegen ihren Willen eingezogen werden, ist die Wehrpflicht weiterhin im Grundgesetz verankert. Die Bundeswehr besteht daher aus Berufs- und Zeitsoldaten. Seit Anfang 2001 stehen Frauen, die zuvor nur im Sanitäts- und Musikdienst eingesetzt wurden, alle Laufbahnen und Verwendungen offen. Nach Angaben der Bundeswehr machen sie inzwischen knapp 10 Prozent der Streitkräfte aus (Stand: 2012).
Geschichte der Wehrpflicht
Die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland ist eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. 1814 war sie in Preußen unter dem Eindruck der vernichtenden Niederlage gegen das französische Volksheer eingeführt worden.
Die Landesverteidigung sollte fortan Sache der gesamten (männlichen) Bevölkerung sein. Bis dahin hatten die Fürsten Söldnerheere unterhalten, die nicht zuletzt der Herrschaftssicherung nach innen dienten. Im deutschen Kaiserreich betrug die Dienstzeit drei, ab 1894 zwei Jahre.
Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg durfte Deutschland lediglich eine Berufsarmee von 100.000 Mann aufstellen. Diese Bestimmung des Versailler Friedensvertrages brach Adolf Hitler 1935 mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht zur Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges. 1945, nach der bedingungslosen Kapitulation, wurde die Wehrpflicht abgeschafft.
Ab 1954 thematisierten die Politiker in der Bundesrepublik dann wieder einen "deutschen Wehrbeitrag", weil die Verträge über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft eine gemeinsame Armee in Westeuropa vorsahen. Diese Pläne zerschlugen sich, weil Frankreich ausscherte. Dafür trat die Bundesrepublik 1955 der NATO bei, in deren Kontext sich dann der Aufbau der Bundeswehr vollzog. In den ersten Monaten zwischen November 1955 und Juli 1956 dienten nur freiwillige Soldaten in den neuen Streitkräften.
Einführung der Wehrpflicht 1956
Nach leidenschaftlicher Debatte verabschiedete der Bundestag in Bonn am 7. Juli 1956 das Wehrpflichtgesetz gegen die Stimmen von SPD und FDP. Der Bundesrat folgte am 21. Juli. Die Dauer des Wehrdienstes wurde erst im September 1956 auf 12 Monate festgesetzt. Sie änderte sich über die Jahrzehnte mehrmals und betrug zuletzt sechs Monate.
| Dauer des Grundwehrdienstes | |
| Zeitraum | Dauer |
| 01.04.1957 - 31.03.1962 | 12 Monate |
| 01.04.1962 - 30.06.1962 | 15 Monate |
| 01.07.1962 - 31.12.1972 | 18 Monate |
| 01.01.1973 - 30.09.1990 | 15 Monate |
| 01.10.1990 - 31.12.1995 | 12 Monate |
| 01.01.1996 - 31.12.2001 | 10 Monate |
| 01.01.2002 - 30.11.2010 | 9 Monate |
| 01.12.2010 - 01.07.2011 | 6 Monate |
In der Nationalen Volksarmee der DDR war der Wehrdienst bis zum Mai 1962 freiwillig, danach betrug die Grundwehrdienstzeit 18 Monate (bis Mai 1990, danach 12 Monate).
Berufs- oder Wehrpflichtigenarmee?
Diese im Vorfeld heftig umstrittene Grundsatzfrage wurde durch das Wehrpflichtgesetz endgültig entschieden. Bis Anfang 1956 hatte zwischen der CDU-geführten Koalitionsregierung und der oppositionellen SPD noch weitgehend Einigkeit darüber geherrscht, dass die Bundeswehr auf der Wehrpflicht basieren solle. Hauptargument war der Hinweis auf die verhängnisvolle Rolle der Reichswehr in der Weimarer Republik. Als eine reine Berufsarmee hatte sich die 100.000 Mann starke Reichswehr zu einem "Staat im Staate" entwickelt und mit ihrer antidemokratischen Haltung zum Untergang der ersten deutschen Demokratie beigetragen. Die allgemeine Wehrpflicht sollte die Einbindung der Bundeswehr in die Gesellschaft ("Staatsbürger in Uniform") und damit demokratische Kontrolle gewährleisten.
Strategiewechsel
Im März 1956 rückten SPD und FDP jedoch von der Wehrpflicht ab und plädierten fortan für eine Berufsarmee. Hintergrund dieser Umorientierung war die Veränderung des US-Strategiekonzeptes, das die drastische Reduzierung der Landstreitkräfte zu Gunsten einer atomaren Aufrüstung vorsah. Weshalb, so fragten die Kritiker, soll man unter diesen Umständen also eine Wehrpflichtigenarmee mit einer Sollstärke von 500.000 Mann auf die Beine stellen? Außerdem sah die SPD in der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in der Bundesrepublik einen weiteren Schritt zur Festigung der deutschen Teilung.
Proteste
Wie schon der Aufbau der Bundeswehr traf auch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auf heftige Proteste. In vielen Städten der Bundesrepublik nahmen Zehntausende an Protestkundgebungen teil, die überwiegend von Kirchenleuten und Gewerkschaftern organisiert wurden. Die Demonstranten erinnerten an die Folgen des deutschen Militarismus. Exponierte Christen wie Pfarrer Martin Niemöller oder der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann riefen die jungen Deutschen auf, in möglichst großer Zahl von ihrem Recht auf Kriegsdienstverweigerung Gebrauch zu machen.
Zahlen, Daten, Fakten
Seit Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht haben rund 8,4 Millionen junge Männer Grundwehrdienst in der Bundeswehr geleistet. Im Einzelnen:
| Anzahl der Grundwehrdienstleistenden seit 1957 | |
| Jahr des Diensteintritts | Wehrdienstleistende |
| 1957-1989 | 5.701.387 |
| 1990 | 188.697 |
| 1991 | 210.981 |
| 1992 | 202.449 |
| 1993 | 160.611 |
| 1994 | 156.964 |
| 1995 | 167.450 |
| 1996 | 169.730 |
| 1997 | 159.639 |
| 1998 | 160.435 |
| 1999 | 154.842 |
| 2000 | 144.647 |
| 2001 | 129.441 |
| 2002 | 123.812 |
| 2003 | 102.600 |
| 2004 | 79.850 |
| 2005 | 68.428 |
| 2006 | 71.321 |
| 2007 | 67.823 |
| 2008 | 68.270 |
| 2009 | 68.304 |
Als die Wehrpflicht ausgesetzt wurde, wiesen die Streitkräfte nur einen Bruchteil ihrer einstigen Mannstärke von rund 500.000 auf. Das hatte zur Folge, dass weniger als die Hälfte der jungen Männer aus den wehrpflichtigen Jahrgängen auch tatsächlich zum Grundwehrdienst eingezogen wurde. Die Kriegsdienstverweigerer leisteten zum Ausgleich den Zivildienst und lieferten den Befürwortern der Wehrpflicht ein wichtiges Argument: Denn die jungen Männer spielten mittlerweile eine wichtige Rolle in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Kindergärten und anderen Einrichtungen. Das Loch, welches das Ende des Zivildienstes riss, sollte der Bundesfreiwilligendienst füllen. Die Tätigkeit ist ehrenamtlich und wird mit einem Taschengeld in Höhe von etwa 330 Euro pro Monat vergolten, je nach Träger.
Pro und Contra Wehrpflicht
Nach dem Ende des Kalten Kriegs kam für die Bundeswehr der bis dahin wesentliche - potenzielle - Gegner abhanden. Neue Tätigkeitsfelder haben sich seitdem aufgetan, vornehmlich Einsätze im internationalen (Nato-/UNO-) Rahmen in Krisengebieten. Nicht zuletzt wegen dieser völlig veränderten Aufgaben entbrannte eine Debatte um Sinn oder Unsinn der Wehrpflicht, die schließlich zur Aussetzung der Wehrpflicht führte. Folgende Argumente und Standpunkte spielten in der Diskussion eine Rolle:
Pro
- "Staatsbürger in Uniform" und "Innere Führung": Die Wehrpflicht garantiert eine demokratisch verankerte Bundeswehr. Eine Freiwilligenarmee würde sich politisch leichter verselbstständigen ("Staat im Staat").
- Sicherheitspolitik: Nur die Wehrpflicht garantiert die Möglichkeit, bei Bedarf eine große Anzahl an Soldaten bereit zu stellen. Dies ist potenziell wichtig, auch wenn Deutschland gegenwärtig keine Feinde hat.
- Zivildienst: Ohne Wehrpflicht fiele auch der Zivildienst weg, was gravierende soziale Folgen hätte.
- Kosten: Der Aufbau und Unterhalt einer Freiwilligenarmee würde extrem viel Geld kosten.
- Die breit gefächerten schulischen und beruflichen Qualifikationsmöglichkeiten bei der Bundeswehr können nur über den Weg der Wehrpflicht in die Gesellschaft getragen werden.
Contra
- "Wehrgerechtigkeit": Die allgemeie Wehrpflicht bezieht sich nur auf Männer, die also in dieser Hinsicht schlechter gestellt sind als Frauen. Außerdem wird nur noch ein Bruchteil der Männer eines "fälligen" Jahrgangs tatsächlich eingezogen. Die übrigen haben Glück gehabt und sind im Vorteil. Darüber hinaus verlieren Wehrpflichtige ein Jahr ihrer Lebensarbeitszeit mit allen persönlichen und volkswirtschaftlichen (Kaufkraft) Konsequenzen.
- Daseinsberechtigung entfallen: Es existiert keine reale Bedrohung mehr wie sie der Kalte Krieg dargestellt hat. Bei den heutigen weltweiten Einsätzen der Bundeswehr braucht man keine Wehrpflichtigen, sondern spezialisierte Freiwillige.
- Motivation der Soldaten: Freiwillige wären stärker motiviert als Wehrpflichtige.
- Kosten: Eine Freiwilligenarmee wäre letztlich billiger, da Wehrdienstleistende zwar weniger Sold erhalten, aber permanent Ressourcen für die Ausbildung binden, die dann nach wenigen Monaten für die nächste Generation der Wehrpflichtigen erneut anfallen.
- Arbeitsplätze: Der durch die Wehrpflicht entstandene Zivildienst lässt die Entstehung "normaler" Arbeitsplätze im Sozialbereich gar nicht erst zu. Dies würde durch eine Abschaffung der Wehrpflicht (und damit des Zivildienstes) geändert.



