The zeitgeist und le leitmotif
Amerikaner oder Briten diskutieren über den “zeitgeist“, hören einem “glockenspiel” zu, suchen nach dem “leitmotiv” (bzw. “leitmotif) oder durchwandern das “hinterland”. Solche Leihwörter schmücken aber nicht nur das Englische, sondern auch viele andere europäischen Sprachen. Wie kommt es dazu?
Das Wort “kindergarten”, das der deutsche Pädagoge Friedrich Fröbel um 1840 zur Bezeichnung seiner Vorschule für die Kleinen und Kleinsten aufbrachte, gilt als Paradebeispiel für den deutschen Kulturtransfer ins Englische: Großbritannien und Nordamerika übernahmen nicht nur die Vorschulidee, sondern mit ihr auch die deutsche Vokabel. Das “Oxford Dictionary of Current English” übersetzt “kindergarten” sogar ganz unverblümt mit “children's garden”.
Weit verbreitet ist auch der Begriff “angst”, der erstmalig mit der Verbreitung der Freudschen Psychoanalyse in den englischen Sprachgebrauch gelang und mit dem das Ausland die so typisch deutsche Passion, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen, beschreibt.
Dazu tummeln sich eine ganze Reihe von Übernahmen im englischsprachigen Ausland, die zwar nicht so populär sind wie “kindergarten” oder “angst”, nichtsdestotrotz dort aber häufig Verwendung finden. So mündeten z.B. die Radikalenerlasse im Deutschland der 70er Jahre, die auch im Ausland auf starke Kritik stießen, in Großbritannien in die “Campaign Against Berufsverbot”. “Fahrvergnuegen” kam zusammen mit den Werbekampagnen von Volkswagen, Audi etc. nach Amerika und geht den Menschen dort leichter über die Lippen als “pleasure in driving a car”. Die amerikanische Version von Microsoft Encarta beschreibt das “glockenspiel” als “percussion musical instrument, consisting of a series of metal bars.” Richard Wagners “leitmotif” – von ihm selbst “Grundthema” genannt – wird zweckentfremdet und mehr im Sinne von “Motto” verwendet.
Aus den 30er Jahren, als erstmals Publikationen über Bergsteigen auftauchten, stammen “rucksack” und “abseil”. So schrieb R.C. Evans in “On Climbing”: “He had been abseiling and the rock over which he had looped his doubled rope had come away.” Als sich die philosophischen Theorien von Marx und Hegel im 19. Jahrhundert verbreiteten, wurde “weltanschauung” übernommen. F. Quinn schrieb 1938 in “Mission of Austria”: “Both Catholicism an National Socialism are weltanschauungen”. Und statt “the spirit of the time” oder “general trend of thought or feeling characteristic of a particular period of time” sagte schon D. Piper in “Image of Poet” : “Shakespeare becomes in a sense an ever-changing embodiment of the zeitgeist.”
Kulinarisches und Militärisches
Jener Humorist, der 1861 im Harper’s Magazine in einer Karikatur den typischen Deutschen mit einer riesigen Wurst unter dem Arm ausstattete, hatte nicht ganz Unrecht. Denn der durchschnittliche deutsche Einwanderer, der in die Vereinigten Staaten übersiedelte, schätzte vor allem, was Leib und Seele zusammenhielt: So verwundert es kaum, dass neben Sauerkraut und Bratwurst auch Begriffe wie “blutwurst” und “schnitzel” aber auch “apfelstrudel”, “marzipan”, “frankfurter” und “zwieback” bis heute in Amerika bekannte Spezialitäten sind.
Weniger erfreulich sind die Reminiszenzen aus kriegerischen Zeiten. Die wohl bekanntesten sind “the blitz”, die Bezeichnung für die schweren Bombenangriffe auf London 1940/41 und “blitzkrieg”, ein aus der deutschen Propagandasprache des Zweiten Weltkrieges übernommenes Wort, das für einen schnellen, vernichtenden Militärschlag steht. Weitere Überbleibsel aus Deutschlands militaristischer Vergangenheit: “minenwerfer”, “stahlhelm”, “panzerdivision” und das Kommando “achtung!”.
Deutsches Lehngut in der Grande Nation
Unsere französischen Nachbarn neigen seit jeher dazu, die regelmäßigen Gefühlsumschwünge der Deutschen als Folge ihrer romantischen Innerlichkeit zu begreifen, die das “Volk der Dichter und Denker” schneller als andere in Selbstzweifel und Weltangst abgleiten lässt. “Weltschmerz” gilt deshalb schon seit längerem als Begriff schlechthin, mit dem sich die deutsche Seelenlage für die Franzosen am gültigsten erfassen lässt. In den achtziger Jahren wurde der kulturphilosophisch verstandene Weltschmerz angesichts der Angst-Hysterien um Atomkraft und Nachrüstung durch die profanere Vokabel “l'angst” abgelöst, jedoch ohne dass “le weltschmerz” (“le mal du siècle”) den französischen Sprachgebrauch verließ.
Noch Ende der 80er Jahre betrachteten die meisten Franzosen deutsche Sorgen um den sauren Regen und das Waldsterben als Hysterie – worauf sich im Französischen ein neues Leihwort etablierte: “le waldsterben”, das bis heute vielen Franzosen geläufiger ist als “mort des forêts”.
Männerfreundschaft im Tulpenland
Auch die Holländer greifen mangels geeigneter sprachlicher Äquivalente auf deutsches Vokabular zurück – Worte wie “Weltschmerz”, “Schöngeist”, “Eigentor” oder “Zeitgeist” zählen mittlerweile zum festen Bestandteil der Medien. Nicht zuletzt durch die zuletzt viel kritisierte Vorgehensweise von US-Präsident Bush im Kampf gegen den Terrorismus erlangte das Substantiv “Alleingang” eine große Bedeutung. Sogar der “Dikke van Dale”, das ist der niederländische Duden, verzeichnet als Übersetzung von “Alleingang” nur die Worte “Soloprestatie” (für Solonummer) und ein anderes Lehnwort – “Egotrip”.
Als der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl im Mai 1995 Holland einen Staatsbesuch abstattete, machte die “Männerfreundschaft” die Runde. Und obwohl die Deutschen die Niederländer zuletzt mit “Ohne Holland fahren wir zur WM” verspotteten, bleiben unsere Nachbarn sportlich fair. Sobald die beiden Länder mit ihren Teams aufeinandertreffen, heißt es unisono: Oranje spielt gegen “die Mannschaft”.
Ayzberg am Bosporus
Auch in der Türkei erfreut sich die deutsche Sprache großer Beliebtheit. Durch die engen deutsch-türkischen Bindungen, von der Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg über die Emigranten in der Nazi-Zeit bis zur Gastarbeiter-Migration, hat das deutsche Sprachgut eine große Bedeutung erlangt. Dass dabei auch etwas in den heimischen, alltäglichen Sprachgebrauch einfließt, scheint nur eine logische Folge.
So schrieben die türkischen Behörden den deutschsprachigen Flüchtlingen “haymatloz” in ihre türkischen Fremdenpässe, nachdem diese vom Deutschen Reich ausgebürgert worden waren. Seitdem findet dieses Wort Verwendung in der türkischen Sprache. Weitere Beispiele sind Eisberg (ayzberg), real und Idee (ide) – das Wort “erzats” (für “Ersatz”) kann man sogar im Langenscheidt-Wörterbuch offiziell nachschlagen.
Umgekehrt findet sich auch eine kleine Gruppe vom türkischen Wörtern im Deutschen. Neben Joghurt (türk.: Yogurt), Kaffee (“kahve”) und Kiosk (“kösk”) finden sich in diesem Zusammenhang auch einige richtige Schmankerl. Besonders interessant ist die Entstehungsgeschichte des deutschen Wortes “Hurra”, das seinen Ursprung angeblich dem türkischen Schlachtruf “Vur, ha!” (“Schlag drauf”) verdankt. Und als türkische Kriegsgefangene immer wieder hungrig rufend nach “ekmek” verlangten, dem türkischen Wort für Brot, unterhielten sich die deutschen Aufseher genervt darüber, was “die heute schon wieder für ein Heckmeck machen...”



