Der PISA-Schock
Fast scheint es, als hätte der berühmte Turm in der italienischen Stadt bei der PISA-Studie Pate gestanden: Die im Dezember 2001 veröffentlichte international vergleichende Untersuchung über die Leistungen 15jähriger Schüler offenbart nämlich eine bedenkliche Schieflage des deutschen Bildungssystems. Die Ergebnisse haben Betroffene und Verantwortliche in helle Aufregung versetzt. Die bittere Bilanz: ein Viertel der deutschen Heranwachsenden muss, so die Experten, als “nicht zukunftsfähig” gelten. Das Scherbengericht hat mittlerweile begonnen. Wer ist schuld? Ist das die Quittung für die Sparmaßnahmen in den Bildungshaushalten? Sind deutsche Schüler unbegabter als ihre Altersgenossen im Ausland? Liegen die Ursachen des Versagens in einem Bildungssystem, das seit Jahrzehnten stagniert, während andere Länder längst neue Konzepte erproben? Sind die Eltern schuld? Oder ist, wie manche Äußerungen vermuten lassen, eine überalterte, desillusionierte und indifferente Lehrerschaft die Wurzel allen Übels?
Schwächen in Mathematik und Lesekompetenz
Die Ergebnisse der rund 6000 deutschen Prüfungskandidaten bei einem vergleichenden Test in 32 Industrienationen waren alles andere als schmeichelhaft: fundamentale Mängel in den Naturwissenschaften, in Mathematik bewegt sich fast ein Viertel der 15jährigen Schüler auf Grundschulniveau. Dramatisch hoch, zumal im internationalen Vergleich der Anteil derer, die kaum über elementarste Lesekompetenz verfügen. “Schlimmer hätte es nicht kommen können”, so der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun. Eine “neue Bildungskatastrophe”, befand der Arbeitgeberchef Dieter Hund. “Desaströs”, “inakzeptabel”, “ein Skandal”, machten die politischen Verantwortlichen ihrer Bestürzung Luft.
Alarmierend ist dies alles deshalb, weil auf dem Prüfstand nicht irgendein beliebiges Fachwissen stand. Geprüft wurde vielmehr die als “Reading Literacy” bezeichnete Voraussetzung allen Lernens: die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten, ein vernünftiges Urteil zu bilden. Zur Disposition stand mithin jenes intelligente Schulwissen, das ein junger Mensch dringend benötigt, um im modernen Berufsleben und im Alltag zu bestehen.
Was machen Lehrer falsch?
Für die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) ist die Sache entschieden: der entscheidende Hebel für eine effektivere Wissensvermittlung liegt bei den Lehrern. Stimmt, meint ihre niedersächsische Partei- und Amtskollegin Renate Jürgens-Pieper. Man werde “die Lehrer mehr in die Pflicht nehmen” müssen. Grundschullehrer seien vielfach nicht in der Lage, die Lesefähigkeit ihrer Schüler angemessen zu beurteilen. Im Mathematikunterricht werde hingegen das praxisorientierte Lernen vernachlässigt. Nicht die Ausbildung der Lehrer, sondern deren mangelnde Bereitschaft zur dauernden Fortbildung und zur Integration innovativer Unterrichtskonzepte sei das zentrale Problem.
Statistische Erhebungen scheinen die Lehrerschelte zu bestätigen. Eine ergänzende Schülerbefragung im Auftrag der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) brachte zu Tage, dass deutsche Lehrer offenbar zu wenig Interesse am Lernerfolg ihrer Schüler zeigen. Während im OECD-Durchschnitt nur jeder 10. Schüler zu Protokoll gab, dass die Lehrer sich nicht gleichermaßen für den Lernerfolg aller Schüler einer Klasse interessieren würden, war hierzulande schon jeder fünfte dieser Auffassung. Deutlich höher auch die Zahl derer, die Hilfestellungen bei individuellen Problemen vermissen.
Kritik auch bei der Auswahl des Lesestoffs. Nach einer Umfrage des Literaturwissenschaftlers Kurt Franz, an der sich rund 4000 Jugendliche und 700 Deutschlehrer beteiligten, wird der Platz Nr. 1 in der Hitliste deutscher Schullektüre immer noch von “Der Schimmelreiter” belegt; gefolgt von “Kleider machen Leute” und “Der Hauptmann von Köpenick”. Ziemlich zäher und antiquierter Stoff für Jugendliche, die für Britney Spears und Sven Hannawald schwärmen.
Spaß am Lesen scheint der Deutschunterricht jedenfalls nicht zu vermitteln. Ganze 42 Prozent der Getesteten gaben an, niemals in der Freizeit und zum Vergnügen ein Buch zu lesen. Das ist Rekord unter den 32 beteiligten Industrienationen. Kein Wunder also, wenn es vielen Jugendlichen an Textverständnis mangelt.
Eltern tragen Mitverantwortung
Sind die Ursachen der Bildungsmisere also nur bei den Lehrern zu suchen? Die Stiftung Lesen ist anderer Ansicht. Viele Schüler mit mangelndem Textverständnis kämen aus Haushalten, in denen es keine Bücher mehr gibt. Auch Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, warnt davor, einseitig den Schulen die Schuld zuzuweisen: “Wer selber vorzugsweise Erdnuss mampfend vor der Glotze sitzt, kann schlecht ins Kinderzimmer rufen: 'Nun lies mal ein gutes Buch!' (...) Eine Bildungsoffensive gelingt nur, wenn sie von einer Erziehungsoffensive zu Hause getragen wird.”
Und tatsächlich scheint in den Familien einiges im Argen zu liegen. Dass die Schüler morgens ein Frühstück bekommen, einigermaßen ausgeschlafen zur Schule kommen oder dass sich irgendjemand für ihre Schularbeiten interessiert, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Dafür wächst, wie Umfragen belegen, der Anteil derer, die die Zeit vor dem Unterricht vor dem Fernseher verbringen. Animierte im Jahre 1992 noch jede zweite Familie die Kinder zum Lesen, so heute nur noch jede vierte.
Parallel dazu geben immer mehr Eltern die Verantwortung für ihre Kinder ab. Ob am Gymnasium oder an der Grundschule: immer mehr gute und engagierte Pädagogen machen die frustrierende Erfahrung, dass sie am Tag der offenen Tür oder beim Elternabend alleine sitzen. Bei manchen ausländischen Eltern mangelt es vor allem an Sprachkenntnissen, insgesamt aber einfach an Interesse an der schulischen Ausbildung der eigenen Kinder.
Lehrerschaft ist überaltert
In jedem Fall herrscht Mangel an jungem, dynamischen Lehrernachwuchs. 47 Jahre zählt ein durchschnittlicher Pauker an deutschen Schulen, der Alterdurchschnitt steigt. Die Hälfte der etwa 800 000 Pädagogen wird in den nächsten 10 bis 15 Jahren die Pensionsgrenze erreichen. Nachdem die Länder jahrzehntelang am Nachwuchs sparten, trennen Lehrer und Schüler nicht selten drei volle Dekaden.
Gefragt, ob sie mit ihren Lehrern tauschen wollten, lehnen Svende und ihre Freundin Amel, zwei 14-jährige Schülerinnen, dankend ab. Der Job wäre ihnen dann doch zu hart und zu nervenaufreibend. Beide besuchen Schulen im westfälischen Coesfeld, die eine das Gymnasium, die andere die Hauptschule. Dass junge Lehrer grundsätzlich die besseren wären, können sie nicht behaupten. Es käme halt sehr auf den einzelnen an.
Überhaupt mögen sich viele Schüler der pauschalen Lehrerschelte nicht anschließen. Dass die Jugendlichen von den politisch Verantwortlichen “schlechtgespart” wurden, ist jedenfalls die Überzeugung des Bundesverbandes Jugendpresse. Neben den spezialisierten Lehrplänen seien vor allem der akute Lehrermangel und der massive Stundenausfall für das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler verantwortlich zu machen.
Sparen bis zum bitteren Ende
Die Sparmaßnahmen zeigen sich exemplarisch in jener Stadt, die mehr als die Hälfte der deutschen PISA-Teilnehmer stellte, in Berlin. Dort existieren Pläne, durch die vollständige Privatisierung der Kindergärten die Bildungsverantwortung des Landes noch stärker abzugeben. Der Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern wurde in den letzten Jahren drastisch reduziert, die Klassenzimmer sind chronisch überfüllt, die Unterrichtsausfälle zum Teil enorm. Ganz abgesehen davon, dass viele Schulen in sozialen Brennpunkten liegen.
Ohne radikale Sparmaßnahmen wird laut Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) die Verschuldung der Bundeshauptstadt von derzeit 38 Mrd. Euro bis 2009 auf 59 Mrd. Euro ansteigen. Die bildungspolitischen Spielräume tendieren angesichts dieser katastrophalen finanziellen Situation gegen Null. Wenn sich Politiker und Lehrerverbände angesichts solcher Fakten gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben, ist das aus ihrer Sicht nur zu verständlich; einen tragfähigen Ansatz zur Behebung der Bildungsmisere liefern beide Seiten mit einseitigen Schuldzuweisungen kaum.
Keine Frage: Ein Stressjob
An fast jeder Schule gibt es Lehrer, die untalentiert, überfordert oder berufsmüde sind. Andererseits ist unstrittig, dass die Anforderungen an den Lehrerberuf gewachsen sind. Das soziale Gefälle in den Schulen ist in den letzten Jahren noch angewachsen und hat das Klima in den Klassenzimmern rauer werden lassen. Insbesondere wächst der Anteil verhaltensauffälliger Kinder signifikant. Mussten Lehrer in den 1980er Jahren mit ein bis zwei schwierigen Schülern pro Klasse rechnen, so sind es heute fünf oder sechs.
Auch wenn Beamtenstatus und Urlaubsanspruch den Sozialneid mancher Eltern wecken – mit den Lehrern tauschen möchte keiner so recht. Weiterer Hinweis: Die Zahl der Lehramtsstudenten befindet sich im freien Fall. Ob die Ankündigung, die Lehrer stärker an die Kandare zu nehmen, ein kluges Signal ist, darf mit Recht bezweifelt werden. Denn Lehrer, und zwar weniger reglementierte als engagierte, werden zweifellos gebraucht - mehr denn je.
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