Die beste Vorbereitung auf die Party des Lebens gibt es in den USA. Dort wird die erste Feier ausgerufen, bevor man überhaupt geboren wird – der Baby Shower. Der Name ist Programm: es regnet Präsente. Je plüschiger und quietschender rosa, desto lieber. Wenn sich ein Junge ankündigt, natürlich alles in Himmelblau!
Für das Ritual, das meist in einem Hotel stattfindet, verschickt die zukünftige Oma die mit Glitzersternchen übersäten Einladungskarten mit dem Aufdruck "Es wird ein Mädchen!" nebst kleiner Babyflasche mit Bonboninhalt an Freundinnen, Tanten, Cousinen, Schwestern, Nachbarinnen, Kolleginnen. Die Frauen sind unter sich. Und so komme auch ich, die ich nun schon einige Jahre in New York lebe, zu meinem ersten Baby Shower!
Der Job des werdenden Vaters ist es, das Spektakel zu filmen. Nachdem er die Tischdekoration mit den kleinen Plastik-Schaukelpferdchen und die mit bunten Schnullern verzierte Torte eingefangen hat, wartet er, bis seine hochschwangere Frau, die vor einem Berg von Geschenken thront, mit dem Auspacken beginnt.
Als Erstes schält sie rosa Häkelschühchen aus knisterndem Einwickelpapier und sofort ergreift lautstarkes Entzücken die sie umlagernden Frauen: "Süß!"… "Goldig!" … Eine ruft: "Handgearbeitet!" Dann wird ein rosa Kuscheltier zur allgemeinen Bewunderung hochgehalten und von hinten kreischt es aus der Menge: "Ein Häschen! Seht nur die Schlappohren!"
Mit einem Geschenkgutschein oder Geld im Umschlag zur Finanzierung der Erstausstattung wäre man hier schief gewickelt. Stattdessen bringen zehn Paar mit Rüschen und Schleifchen überladene rosa Söckchen die Stimmung zum Kochen. Bei der fünften flauschigen Babydecke flacht die Begeisterung ein wenig ab, doch das Kleidchen mit dem Volant in verschiedenen Pinktönen reißt alle wieder vom Hocker.
Das Lächeln der werdenden Mutter verkrampft sich jetzt allerdings mit jeder Gabe ein bisschen mehr. Sind es die vorzeitigen Wehen oder fragt sie sich, wozu sie die Online-Geschenkliste aufgesetzt hat? Wieso hat keine den Windeleimer mit Geruchsverschluss oder das Flaschen-Set bestellt?
Dann wird es still im Raum, für ein paar Sekunden verschlägt es allen die Sprache: Der werdende Opa hat es sich nicht nehmen lassen, eine mit Windeln gefüllte Prada-Tasche durch seine Frau überreichen zu lassen. "Nein!", kreischt jemand, "für die Mutter mit Stil! Unglaublich!"
Abschließend schiebt sich ein zuvor irgendwo unterm Tisch abgestelltes Paket ins Geschehen. In dem mit rosa Elefanten bedruckten Papier steckt ein Trommel-Set. Aber es kommt nicht gut an. "Oh nein, diesen Lärm sollte man den armen Eltern nun wirklich ersparen!", hört man. Die werdende Mutter aber wirkt, als sähe sie dem bisschen Kinderzimmerkrawall – im Vergleich zu dem, was sich hier in der letzten Stunde abgespielt hat – geradezu mit Gelassenheit entgegen.
Sie seufzt und fächert sich mit einer der Glückwunschkarten Luft zu. Ihre Schuhe hat sie längst ausgezogen, ihre Fußgelenke sind geschwollen. Zu ihrer Erlösung öffnet der Service alle Fenster. Das ist das Zeichen für die Gäste, schnell eine der kleinen Tüten mit den (rosa!) Duftkerzen zu nehmen, die für sie an der Tür bereitstehen, und sich wieder auf den Weg zu machen.
Tief Luft holend schließe ich mich ihnen an.

Bild: Foto: Unknown, Public domain, via Wikimedia Commons
Mehr aus Leben & Lifestyle
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.
Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
2. November 2026Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
31. Oktober 2026Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
27. Oktober 2026Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…
Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
20. Oktober 2026Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.