Zum Kreml mit der Cessna. Friedensengel oder Spinner?
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Zum Kreml mit der Cessna. Friedensengel oder Spinner?

Bild: Foto: Pleple2000, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Kremlflieger Mathias Rust spaltet auch 25 Jahre nach seiner Landung auf dem Roten Platz die Gemüter. Spinner oder Held? Autor Ed Stuhler hat Rust getroffen.

„Der Kreml-Flieger Mathias Rust und die Folgen eines Abenteuers“ heißt das im Ch.Links-Verlag erschienene Buch, das den Flug, die Landung am Kreml, die politischen Folgen in der Sowjetunion sowie den Aufruhr in der westdeutschen Presse beschreibt. „Mir wird mangelnde kritische Distanz zu Mathias Rust vorgeworfen“, berichtet der in der DDR geborene und aufgewachsene Publizist Ed Stuhler im wissen.de-Gespräch, „und die fehlt mir auch wirklich angesichts einer zwar naiven, aber doch großen Tat eines friedlichen Helden.“ Stuhlers Position zu Rust ist eindeutig: Aus dem Kreml-Flieger sei ein gefestigter, sympathischer Mann geworden, der seinen Flug zwar nicht mehr wiederholen, ihn aber auch nicht bereuen würde. Und das, obwohl die Landung am Kreml ihm statt eines Treffens mit Gorbatschow eine Verurteilung wegen „illegaler Einreise, Verletzung der internationalen Luftverkehrsregeln und groben Rowdytums“ sowie 14 Monate russisches Gefängnis eingebracht hat.

Anders als die meisten Journalisten, die ein Vierteljahrhundert nach dem waghalsigen Flug zum Kreml über Rust schreiben, konnte sich Stuhler selbst ein Bild von ihm machen. Trotz seiner „Traumatisierung durch die Medien“ habe man sich zu einem langen offenen Gespräch getroffen, in dem sich der gereifte Rust bescheiden, witzig und abgeklärt gezeigt habe.

In der Erinnerung vieler Deutscher hat sich dagegen ein anderes Bild als das des „friedlichen Helden“ festgesetzt, nachdem der Hobbyflieger am Abend des 28. Mai 1987 über dem Kreml mehrere Schleifen geflogen und schließlich neben dem Roten Platz gelandet war: Schlaksig, bebrillt, naiv und sehr jung huschte der Kreml-Flieger über die Bildschirme. So gar nicht wie ein Superheld, der ganz allein den Eisernen Vorhang durchbricht, um dem bewunderten Kreml-Chef im Namen der westlichen Jugend Unterstützung und Bewunderung zuzusichern. Also doch ein Spinner? Mathias Rust selbst formuliert es 25 Jahre nach seinem Flug zum Kreml im stern-Interview so: „Damals, mit 19 Jahren, mit meinem Elan und meiner politischen Überzeugung, war es für mich das einzig Richtige, was ich tun konnte. Aus heutiger Perspektive schätze ich das natürlich anders ein. Ich würde es sicherlich nicht mehr tun und meine Pläne nicht mehr für realistisch halten... Aus heutiger Sicht war das unverantwortlich."

Dennoch, Ed Stuhler ist überzeugt: die Landung am Kreml bedauert der heute 44-Jährige nicht. „Was ihn allerdings enttäuscht hat, ist, Michail Gorbatschow nie persönlich getroffen zu haben, und dass seine ‚Mission als Friedensengel‘ keine weiterreichenden Konsequenzen hatte“, erklärt Stuhler, „Rust hatte sich Begegnungen zwischen Jugendlichen aus Ost und West vorgestellt, einen Dialog auf ganz anderer Ebene, um den Kalten Krieg zu beenden. Er hat wirklich geglaubt, mit seiner Aktion am Kreml etwas für den Weltfrieden tun zu können.“ Eigenbrötlerisch und individualistisch sei er eben gewesen, doch entschlossen, selbst etwas für eine Verbesserung der Verhältnisse zu tun. Und dafür zollt der Autor seinem Protagonisten im Buch unverhohlen Respekt.

Respekt, der ihm von anderer Seite verweigert worden sei, wie Stuhler findet. „Während man früher solche Träumer auf dem Scheiterhaufen verbrannte, werden sie heute von der Presse hingerichtet“, fällt er ein hartes Urteil über die Medien, die den jungen Rust unversehens fallen gelassen und kaputt geschrieben hätten. Den Grund dafür sieht der Autor in Rusts Weigerung, sich nach seiner vorzeitigen Haftentlassung von der deutschen Presse zum Opfer der Russen stilisieren zu lassen, - sowie in dem Exklusivvertrag zwischen den Eltern Rust und dem stern, der allen anderen Medien ein einkömmliches Geschäft mit dem waghalsigen Kreml-Flieger verhagelt habe. Der gerade 20-jährige Rust stürzte nach einer für ihn äußerst enttäuschenden stern-Berichterstattung, der allgemeinen medialen Schelte und wiederholten Morddrohungen indes in eine tiefe Krise, verletzte sogar eine Krankenschwester schwer mit dem Messer und kam erneut ins Gefängnis. Heute scheint der Kreml-Flieger wieder mit sich im Reinen zu sein, arbeitet seit Jahren als Finanzanalyst in der Schweiz, will sich demnächst als Yoga-Lehrer in Hamburg niederlassen. „Yoga hat ihm bei seiner psychischen Gesundung sehr geholfen“, weiß Stuhler.

Dennoch, Mathias Rust wird eine ambivalente Figur der jüngeren Geschichte bleiben. Seine Jubiläumsreise zum Kreml ausgerechnet mit dem stern ist ähnlich schwer zu verstehen wie damals sein Beteuern, die UdSSR „als Freund der Russen“ zu verlassen – nach 432 Tagen Haft. Doch ebenso wie er ein gewisses Verständnis bei Rust für die Verurteilung voraussetzt, spekuliert Ed Stuhler auf ein geheimes Wohlwollen bei Michail Gorbatschow für den deutschen „Kindskopf“. „Er muss ihm sprichwörtlich wie ein Geschenk des Himmels erschienen sein. Dass der Junge ungehindert in den Luftraum der hochgerüsteten Sowjetunion eindringen und am Kreml landen konnte, nahm der Reformer zum Anlass, die reaktionäre Militärführung abzusetzen.“ Und so hat Mathias Rust durch seinen illegalen Flug zum Kreml, ins Herz der UdSSR, doch etwas zum Ende des Rüstungswahnsinns und somit zum Ende des Kalten Krieges beigetragen. Wenn auch anders als geplant.

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