Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
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Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

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Am Anfang scheint die Euphorie keine Grenzen zu kennen: Selbstständig zu sein, setzen viele Einsteiger mit der Vision von größerer Unabhängigkeit, schnellem Geld bei am besten noch weniger Arbeit gleich. Ein Irrglaube, der teuer werden kann: Denn die Übernahme wirtschaftlicher Risiken kann natürlich auch im finanziellen Ruin enden. Selbstständige scheitern dabei nicht nur an einem schlechten Geschäftskonzept oder dem fehlenden betriebswirtschaftlichen Know-how, sondern so ernüchternd es auch klingen mag oft genug am eigenen Unvermögen, Bequemlichkeit und mangelnder sozialer Kompetenz.

Kein Zuckerschlecken

Am Anfang scheint die Euphorie keine Grenzen zu kennen: Selbstständig zu sein, setzen viele Einsteiger mit der Vision von größerer Unabhängigkeit, schnellem Geld bei am besten noch weniger Arbeit gleich. Ein Irrglaube, der teuer werden kann: Denn die Übernahme wirtschaftlicher Risiken kann natürlich auch im finanziellen Ruin enden. Selbstständige scheitern dabei nicht nur an einem schlechten Geschäftskonzept oder dem fehlenden betriebswirtschaftlichen Know-how, sondern so ernüchternd es auch klingen mag oft genug am eigenen Unvermögen, Bequemlichkeit und mangelnder sozialer Kompetenz.

Ein Beispiel völliger Selbstüberschätzung: Die Dot.com-Hysterie der New Economy

Wer in den 80er-Jahren groß geworden ist, kennt sie sicher, die Endzeit-Hymne der Pop-Ikone Prince: “1999“. Was sechzehn Jahre zuvor als funkiger Top40-Hit mit dem Refrain “Were gonna party like its 1999 vorweggenommen wurde, fand im Herbst des besungenen Jahres seine erstaunliche Reinkarnation.

In den letzten Monaten vor dem Millennium-Wechsel schwappte eine Welle der Internet-Begeisterung über den Atlantik auch nach Europa: Das WWW, so schien es, konnte alle Menschheitsfragen der letzten zweitausend Jahre beantworten. Wer nicht “drin war, wie Internet-Novize Boris Becker sinnierte, war schon mehr als draußen. Mehr noch: Wer nicht in der hippen, sagenumwobenen New Economy (Internet, Medien, Multimedia) arbeitete, schien die Chance seines Lebens verpasst zu haben.

Internet-Unternehmen schossen wie die Pilze aus dem Boden: Ohne eigene Website zählte man zu den Vorgestrigen. Auf Partys gab es kaum mehr ein anderes Thema als den späteren Börsengang und den “Exit das Leben als Millionär. Selbst Berater namhafter Unternehmensberatungen kündigten ihre Jobs und borgten sich Kapital zur Gründung einer AG. So genanntes Venture Capital das klang viel besser als die deutsche Übersetzung “Wagniskapital war genügend vorhanden.

Doch im Frühjahr 2000 drehte der Wind plötzlich brach ein Sturm los, der im wütenden Orkan endete. Die Folgen war verheerend: Identische Geschäftsmodelle, die noch Monate zuvor bedingungslos gefördert wurden, zerbarsten in den ersten Windböen. Zu viele der Internet-Geschäftsmodelle basierten zum Großteil auf aberwitzigen Wachstumsprognosen und exorbitanten Werbeeinnahmen. Kreativ und wirklich innovativ waren indes die wenigsten Start-Ups.

Aufstieg und Fall der Internet-Wirtschaft sind ein Beleg für die kollektive Fehleinschätzung von Marktchancen. Das traurige Resümee: Fast jede zweite Internet-Neugründung verschwand wieder vom Markt. Ökonomen argumentieren seitdem beharrlich: Das Scheitern schlechter Geschäftsideen ist ein notwendiger Bereinigungsprozess. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Die andere Seite der Medaille erklärt sich aus der ganz persönlichen Perspektive möglicher Existenzgründer: Seit dem kollektiven GAU der Internet-Wirtschaft besitzen Gründer der Onlinebranche nämlich kaum mehr die Chance, weiter Risikokapital zu erhalten. Die Folgen sind eindeutig negativ zu beurteilen: Entweder bleiben jetzt sogar gute Ideen ungenutzt oder die Risiken der Gründer steigen immens und das bei schlechterer Kapitalausstattung, also bei erheblich höherem Risiko.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dabei gewesen zu sein. Und hoffentlich aus der Selbstbeweihräucherung des Internet-Booms gelernt zu haben: Denn wer sich selbstständig macht, der sollte eben nicht primär versuchen, seinen Lebensstil zu erhöhen. Der zu frühe Kauf eines Geschäftswagens, luxuriöse Business-Reisen oder etwa die exzessiven Launch-Parties waren nicht zuletzt einige der Gründe für das Scheitern vieler Internet-Gründer.

Natürlich gab und gibt es in der New Economy auch viele Gründer, die sich voll der erfolgreichen Umsetzung ihrer Visionen verschrieben haben. Doch wie die vielen Firmenpleiten bewiesen: Enthusiasmus allein genügt eben nicht als Business Modell. Die Geschäftsbasis muss auf Langfristigkeit ausgelegt sein, um Durststrecken überleben zu können und auf eine solide Geschäftsentwicklung zielen das gilt für die Freie Grafikerin bei der Zusammenstellung ihres Kundenportfolios genauso wie für den nächsten Router-Anbieter, der sich Old Economy-Kunden verschrieben hat.

Arbeitspsychologie: Im Sog des Teufelskreises

Welche folgenschweren Auswirkungen der riskante Flirt mit der Selbstständigkeit für den eigenen Lebensstil gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten haben kann, soll das nachfolgende Beispiel illustrieren.

Nicole, 42, ist Online-Redakteurin in der New Economy-Firma NextLaunch.com. Seitdem sie vor zwei Jahren zum Unternehmen stieß, das damals klassischen Start-up-Charakter besaß, hat sich viel verändert: Die Redaktion, ehemals als zentrales Online-Unit des Verlagshauses mit zehn Mitarbeitern gegründet, ist ausgegliedert und auf Börsenkurs gebracht worden Aufbruchsstimmung herrscht.

Es ist Herbst 1999: Zum Zeitpunkt des Börsengangs beschäftigt NextLaunch.com 150 Mitarbeiter, die unter anderem durch ein Mitarbeiterbeteiligungsprogramm vom Unternehmenserfolg profitieren sollen als zusätzliche Motivation. Doch der gigantische Wachstumsschub bringt auch Nachteile mit sich: Die Ressourcen sind inzwischen verteilt, der Bezug zur Materie fehlt: Nicole, die einst das Webangebot des Frauenmagazins “Chica“ betreute, ist nun nur noch für den Kosmetikteil zuständig eine Ressortleiterin der “Cosmopolitan“ hat inzwischen die Redaktionsleitung übernommen.

Im Herbst 2000 wird das Frustpotenzial unerträglich: Die Internetaktien befinden sich auf einer rasanten Talfahrt, das Arbeitsklima ist geprägt vom Überlebenskampf die Party-Atmosphäre einstiger Tage ist längst verflogen. Für Nicole ist klar: Sie muss hier raus und reicht die Kündigung ein.

Im Januar startet sie ihren lang gehegten Traum von der Selbstständigkeit erst im Stillen, weil sie durch die eigene Kündigung noch drei Monate auf das Überbrückungsgeld warten muss. PR-Konzepte für den Webauftritt will sie anbieten doch im krisengeschüttelten Frühjahr ist dieses Thema für Unternehmen, die sich überhaupt noch ins Internet wagen wollen, ein Fremdwort geworden.

Auch ein professionell gestaltetes eigenes Webangebot und Mailings an potenzielle Kunden helfen nichts der Sommer 2001 wird zur einzigen Flaute. Nach den Terrorattacken von New York geht dann gar nichts mehr: Der Markt ist völlig kollabiert, und auch bei Nicole ist der Sinn fürs Geschäftliche verflogen.

Resignation macht sich breit: Sie realisiert, dass in diesem Marktumfeld mit ihrem Business-Modell kein Blumentopf geschweige denn auch nur ein Kunde zu gewinnen ist. Das Überbrückungsgeld läuft aus, zum Ende des Jahres sind auch ihre finanziellen Ressourcen erschöpft es wird eng. Schließlich begeht sie ihre ganz persönliche Insolvenz und will wieder im Angestelltenverhältnis arbeiten “egal wo.

Doch die Rückkehr auf den Stellenmarkt gestaltet sich problematischer als erwartet: Inzwischen macht die hässliche Erkenntnis der Rezession die Runde. Nicole ist am Boden zerstört: Droht ihr Arbeitslosigkeit? Ihr wagemutiger Schritt in die Selbstständigkeit hat Nicole in einen enormen Abwärtsstrudel gerissen, an dessen Ende ihre persönliche Existenz bedroht scheint, hat sie doch euphorisch in ihre Existenzgründung ihre letzten Ersparnisse investiert.

Der Anspruch auf Arbeitslosengeld bleibt ihr doch das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, nagt an ihrem Selbstvertrauen. Sie hat zudem viele soziale Kontakte verloren und zermartert sich den Kopf mit der Frage, wie es weiter gehen soll, anstatt sich neu zu orientieren.

Und dennoch: Die Freien Berufe bieten viele Chancen

Soweit, wie in diesem überspitzten Schreckens-Szenario geschildert, muss es natürlich nicht kommen. Keine Folge in der Abschwungspirale ist zwangsläufig doch sollten die Gefahren der Selbstständigkeit nicht unterschätzt werden. Im Vordergrund der Entscheidung zum Freien Beruf sollte immer die Tätigkeit als solche stehen und nicht die falschen Illusionen wie etwa das viel bemühte Klischee vom schnellen Geld, das einen in die Existenzgründung treibt.

Manchmal nämlich kann eine gute Geschäftsidee tatsächlich Berge versetzen. Beispiele gibt es genug auch außerhalb der New Economy: Der Brötchenlieferservice für das Büroviertel ohne Einkaufsmöglichkeit, die Bügelstube oder der Umzugsservice für gestresste Manager usw.

Das Ergreifen eines Freien Berufes bietet nach reiflicher Auseinandersetzung mit den Chancen bei kalkulierbarem Risiko viele Entfaltungsmöglichkeiten. Allerdings sollten auch angehende Freie Journalisten, Werbefotografen und Architekten immer einmal wieder überprüfen, ob sie als Selbstständige tatsächlich so frei sind wie erhofft, oder ob nicht der Auftraggeber ihr Leben fremdbestimmt und nun an die Stelle des einstigen Arbeitgebers getreten ist.

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