Stellung und Entwicklung der Berufsfachschulen heute
Voll qualifizierende Berufsfachschulen, in manchen Ländern auch Berufskollegs genannt, sind unterhalb der (Fach-)Hochschulebene angesiedelt. Sie stellen im deutschen Berufsbildungssystem eine Alternative zum dualen System der Lehre, der Ausbildung im öffentlichen Dienst und den bundesweiten Schulen im Gesundheitswesen dar.
Die Schülerzahlen der Berufsfachschulen wachsen stetig an. Im Schuljahr 1999/2000 waren es rund 391.000 Schülerinnen und Schüler. Dabei hat vor allem die voll qualifizierende Berufsfachschule regen Zulauf. Von 1990 bis 1999 verdoppelte sich die Zahl der Schüler und Schülerinnen, die dort einen Beruf erlernten, sie stieg von 75.378 auf 154.206. Der Frauenanteil beträgt hier rund 80 Prozent.
Die beruflichen Anforderungen in Wirtschaft, Forschung und Verwaltung entwickeln sich weiter. Parallel dazu entstehen in privaten und öffentlichen Berufsfachschulen neue Berufsbilder. Wegen der Kulturhoheit entstehen in den Ländern jedoch häufig Ausbildungen für ähnliche Tätigkeitsprofile nebeneinander mit fast gleichen oder unterschiedlichen Berufsbezeichnungen. Solange diese Berufe auf einzelne Regionen oder Bundesländer begrenzt bleiben und ihre wesentlichen Merkmale nicht länderübergreifend abgestimmt werden und die Abschlüsse vergleichbar sind, bleibt auch ihre Marktakzeptanz gering.
Privatschulen stehen im Wettbewerb zu den öffentlichen Berufsfachschulen. Um Schüler zu gewinnen und die entsprechenden Gebühren zu rechtfertigen, bieten Privatschulen teilweise innovative Bildungsgänge oder sonstige Extras an, die später teilweise vom öffentlichen Schulwesen übernommen werden.
Nicht voll qualifizierende Berufsfachschulen bieten eine Ausbildung, um sich beruflich zu orientieren, berufliches Grundwissen zu erwerben, sich im Umgang mit dem PC zu qualifizieren oder Arbeitsmethoden zu trainieren. Sie eignet sich jedoch auch für einen beruflichen Umstieg und einen Wiedereinstieg, beispielsweise nach dem Mutterschaftsurlaub. Die nicht voll qualifizierende Berufsfachschule darf dabei nicht mit dem Berufsvorbereitungsjahr oder dem schulischen Berufsgrundbildungsjahr verwechselt werden.
Die historische Bedeutung der Berufsfachschulen für die Frauenbildung
Die Geschichte der kaufmännischen, hauswirtschaftlichen und sozialen Berufsfachschulen ist eng verknüpft mit der Historie der Frauenbewegung. Schulische berufliche Bildungsgänge erschlossen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als "Höhere Töchterschulen", "Handels- und Gewerbeschulen für Mädchen" und "Frauenarbeitsschulen" in allen größeren deutschen Städten jungen Frauen den Weg in eine außerhäusliche qualifizierte Berufstätigkeit. Parallel entwickelten sich so genannte Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminare sowie Ausbildungen in der Krankenpflege und anderen Gesundheitsdiensten. Diese "Frauenbildungsanstalten" nahmen in der Regel Absolventinnen der Gymnasien auf, verbanden Berufsbildung mit Allgemeinbildung und öffneten damit auch über eine frühe Form der Fachochschulreife den Weg ins Studium oder den Lehrerinnenberuf. Im Beschäftigungswesen verdrängte die neue und starke Gruppe kaufmännisch ausgebildeter Frauen die Männer weitgehend aus den bisher von ihnen dominierten Büroberufen. Als Hauswirtschaftsleiterinnen übernahmen sie Aufgaben hauswirtschaftlicher Betreuung und Versorgung.
Mit dem gewandelten Rollenverständnis der Frauen ist die Entscheidung für eine hauswirtschaftliche Ausbildung heute jedoch nicht mehr attraktiv. Als Grundlage für eine lebenslange Familien- und Hausarbeit wird sie heute nicht mehr nachgefragt. In teilqualifizierenden Berufsfachschulen von ein- oder zweijähriger Dauer und in Berufsgrundbildungsjahren lebt sie fort. Dort wird sie heute von einer anderen Gruppe von Jugendlichen, nämlich fast ausschließlich Hauptschülerinnen, gewählt, die sich bessere Startchancen für die eigentliche, anschließende Berufsausbildung sichern wollen.
Die Berufsfachschulen für Wirtschaft und Verwaltung entstanden aus der langen Tradition der Höheren Handelsschulen in Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese bewährte Schulform wieder in das Angebot kaufmännischer Schulen aufgenommen, zumal die Wirtschaft dringend Fachkräfte benötigte. Der Abschluss wurde von den Betrieben als vollwertige Ausbildung anerkannt. Nachdem die Betriebe selbst seit den 70er-Jahren mehr Lehrstellen anboten und auch das Studienangebot stieg, nahm die Akzeptanz deutlich ab. Viele kaufmännische Ausbildungsbetriebe gehen dazu über, von ihren Lehrstellenbewerbern zumindest den einjährigen Besuch einer kaufmännischen Berufsfachschule zu verlangen, um eine höhere "Ausbildungsreife" zu haben.
Gesundheits- und Pflegeberufe gelten heute als ein Zukunftsbereich der beruflichen Bildung. Experten des Bundesistituts für Berufsbildung sagen für das Jahr 2010 voraus, dass etwa zwei Drittel aller Erwerbstätigen im tertiären Bereich, darunter insbesondere im Gesundheits- und Sozialwesen, tätig sein werden. Die Tätigkeiten in Gesundheitsfachberufen werden in den nächsten Jahren durch vielfältige Anforderungen aufgrund medizinischer Forschungsergebnisse und Strukturreformen im Gesundheitsvorsorgesystem anspruchsvoller werden. Problematisch ist jedoch, dass das Berufsfeld Gesundheit mittlerweile über hundert Gesundheitsfachberufe umfasst, die nicht ländereinheitlich geregelt sind. Dies spiegelt sich auch in der Schullandschaft wieder, in der Zwergschulen für jeweils nur einen Beruf dominieren.
Die technischen Berufsfachschulen - eine Männerdomäne?
Zukunftsweisend ist heute besonders die Ausbildung zum technischen Assistenten. Es gibt sie in den Bereichen Chemie, Physik, Pharmazie, Biologie, Informatik, Mathematik, Medizin und Umwelttechnik. Technische Berufsfachschulen wurden in der Vergangenheit vor allem in solchen Regionen eingerichtet, in denen qualifizierte technische Ausbildungsplätze fehlen. Damit kommen auch die Einwohner strukturschwacher Gebiete in den Genuss der sehr positiven Arbeitsmarktchancen für Laborfachkräfte, technische Assistenten und Ingenieure. Der Bedarf der privatwirtschaftlichen und der öffentlichen Forschung und Entwicklung an qualifizierten Fachkräften steigt.
Die Technik ist schon lange keine Männerdomäne mehr. Der Anteil technisch interessierter Frauen steigt, vor allem in den "leichten" Naturwissenschaften Biologie, Medizin und Pharmazie. Er liegt dort zum Teil bei bis zu 70 Prozent. Aber auch in anderen Bereichen versuchen Orientierungsveranstaltungen, wie zum Beispiel der vom MBundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, der Bundesanstalt für Arbeit und der Initiative D21 initiierte, jährlich stattfindende "Girls Day" Frauen den Weg in die Technik zu ebnen.
Die künftige erfolgreiche Entwicklung der technischen Berufsfachschulen ist eng verknüpft mit den Veränderungen der jeweiligen wissenschaftlichen Fachdisziplinen. Beispielsweise hat in den vergangenen Jahren die Biotechnologie an Bedeutung gewonnen. Das Ausbildungsangebot der Schulen muss solchen neuen Erkenntnissen und Marktentwicklungen Rechnung tragen.



