Bildung - Kulturgut oder Strandgut?
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Bildung - Kulturgut oder Strandgut?

Bild: Foto: Doc Feelgood, Public domain, via Wikimedia Commons

Superman statt Shakespeare, Arabella statt Artistoteles: Wer heute auf Partys geht, muss nicht mehr mit elitärer Bildung glänzen. Da wird Schillers “Glocke“ schon mal für eine neuartige Fahrradklingel gehalten und Goethes “Faust“ für die neue Schlagtechnik eines noch unbekannten Boxers. Literatur-Kenner wie Marcel Reich-Ranicki oder Bildungsbefürworter wie Dietrich Schwanitz können da noch so viel mit den Augen rollen und in deutschen Feuilletons rumoren: Die klassische Bildung ist perdu - pardon: kaputt.

Superman statt Shakespeare, Arabella statt Artistoteles: Wer heute auf Partys geht, muss nicht mehr mit elitärer Bildung glänzen. Da wird Schillers “Glocke“ schon mal für eine neuartige Fahrradklingel gehalten und Goethes “Faust“ für die neue Schlagtechnik eines noch unbekannten Boxers. Literatur-Kenner wie Marcel Reich-Ranicki oder Bildungsbefürworter wie Dietrich Schwanitz können da noch so viel mit den Augen rollen und in deutschen Feuilletons rumoren: Die klassische Bildung ist perdu - pardon: kaputt.

Aber war es früher denn besser? Die ollen Germanen konnten sowieso nicht lesen und schreiben. Nur die politische Elite lernte Latein - die Sprache der damaligen Besatzer, der Römer. Als besonders gebildet galt man, wenn man zusätzlich die römische Rhetorik beherrschte. Noch zur Zeit Karls des Großen, so um 800 nach Christus, lehrten die Mönche in den Klosterschulen die lateinische Sprache in Wort und Schrift. Auch im Mittelalter sprachen und schrieben die Gelehrten lateinisch. Das einfache Volk war ungebildet: Es sprach, wie ihm das Maul gewachsen war, lesen konnte es nicht.

Zur Zeit des Rokoko gefiel es auch dem deutschen Adel, gebildet zu sein. Latein als Sprache war da allerdings schon out. Französisch musste es sein, auch in Bayern oder Brandenburg. Dann verlor Preußen den Krieg gegen Napoleon I. (das war 1806) und urplötzlich fanden die gebildeten Deutschen französische Kunst und Kultur doof.

Kurze Zeit später (1809) schaffte es Wilhelm von Humboldt, eine neue Bildungsmode zu kreieren: Die griechische Antike und deren Wissen standen nun im Mittelpunkt. Prompt wurde nicht nur Latein, sondern zusätzlich Griechisch in den Gymnasien gelehrt und auf dem Literatur-Lehrplan für die angehenden Bildungsbürger standen Goethens “Iphigenie“ und Kleists “Penthesilea“. Die so genannte humanistische Bildung war geboren.

“Alles, was man wissen muss“

Die Bildungswächter unserer Tage finden das humanistische Ideal immer noch up-to-date. So zum Beispiel der Anglisitik-Professor Dietrich Schwanitz, der mit seinem 1999 erschienenen Buch “Bildung - Alles was man wissen muss“ für Furore sorgte. “Die klassische Bildung stellt das kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft dar“, glaubt der in Rente gegangene Hamburger und meint dabei nur Literatur, Kunst, Philosophie und Geschichte.

Technik, Naturwissenschaften und Wirtschaftskunde hält er für nebensächlich. Dabei bestimmen die Erfindung des Rades und der Börse unsere Kultur sicherlich mehr als es die Selbstgespräche von Sokrates jemals getan haben. Werner Kutschmann, Autor des Buches “Naturwissenschaft und Bildung“, bestätigt die Einseitigkeit der klassischen Bildung: “Noch immer gehört es zum guten Ton unter geisteswissenschaftlich Gebildeten, von den Naturwissenschaften nicht allzu viel zu verstehen“.

Geschichtsunterricht auf Englisch

Das, was gerade unter Bildung verstanden wird, wurde schon immer von der gesellschaftlichen Elite und der Politik bestimmt. So entscheiden heute KultusministerInnen darüber, was auf dem Lehrplan von Gymnasien steht: Deshalb wird dort immer noch römische Geschichte gelehrt. Aber: Es gibt Veränderungen. Mittlerweile lehrt man zum Beispiel an Hamburgs Schulen deutsche Geschichte auch in englischer Sprache - eine Annäherung an moderne Zeiten, in denen die Verkehrssprache englisch durch das Internet immer mehr Verbreitung findet.

Im Alltag hat klassische Bildung noch selten geholfen. Wer eine Steuererklärung ausfüllen oder einen Mietvertrag abschließen will, braucht weder Kant noch Adorno gelesen zu haben. Und um verstehen zu können, was die heutige Welt im Innersten zusammenhält, muss man sich mit Computern, Gentechnik und den Marktgesetzen auskennen.

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