Die Vorstellung, bei der Arbeit nichts zu tun zu haben, ist für viele Arbeitnehmer verlockend. Nicht selten bestimmen schließlich Stress und Termindruck den Berufsalltag – faule Stunden im Büro scheinen da eine willkommene Abwechslung. Tatsächlich aber kann unproduktives Absitzen von Zeit im Job zum ernsthaften Problem werden.
Laut dem Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2012 fühlen sich immerhin rund dreizehn Prozent der Angestellten hierzulande fachlich und fünf Prozent mengenmäßig im Job unterfordert. Diese gelangweilten Arbeitnehmer stellen einer Studie der US-amerikanischen Unternehmensberatung Sirota zufolge eine weitaus größere Belastung für Firmen dar als gestresste Mitarbeiter: Nämlich dann, wenn die Langeweile sie krankmacht.
Unterforderung als Problem
Experten sprechen in einem solchen Fall vom sogenannten Boreout-Syndrom. Geprägt haben diesen Begriff die Schweizer Unternehmensberater Peter Werder und Philippe Rothlin mit ihrem Buch "Diagnose Boreout". Im Jahr 2007 stießen sie damit die öffentliche Debatte um ein Phänomen an, das als Krankheitsbild erst langsam erforscht wird. Sie beschrieben Arbeitnehmer, die an Langweile oder Unterforderung im Job leiden – und dabei ähnliche Symptome wie Burnout-Patienten zeigen.
Forscher unterscheiden drei wesentliche Merkmale, die ein Boreout-Syndrom charakterisieren können: Langeweile, Unterforderung und Desinteresse. Wer im Berufsalltag extrem unterfordert ist, hat kontinuierlich das Gefühl, weitaus mehr leisten zu können als verlangt wird. Oftmals geht das mit Lust- und Ratlosigkeit einher – der Betroffene weiß nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll. Auch eine mangelnde Identifikation mit dem Job bedingt mitunter ein Boreout.
Unzufriedenheit wird zum Dauerzustand
Sowohl die Quantität als auch die Qualität der zugeteilten Aufgaben können dabei die Weichen für diesen Zustand stellen. Denn Langeweile entsteht nicht nur, wenn der Mitarbeiter zu wenig Arbeit bekommt. Auch wenn seine Fähigkeiten den Anspruch der tatsächlich ausgeübten Tätigkeiten überschreiten, kann der Job schnell zur Qual werden.
Häufig wird das Krankheitsbild Boreout demnach dann hervorgerufen, wenn Routine und geringe geistige und körperliche Auslastung den Arbeitsalltag dominieren. Der Arbeitnehmer ist gewillt zu arbeiten, aber die ihm entsprechenden Aufgaben und beruflichen Herausforderungen fehlen. Unzufriedenheit wird auf diese Weise zum Dauerzustand.
Paradoxes Verhalten
Paradoxerweise entwickeln viele Boreout-Patienten Verhaltensstrategien, die ihren Zustand weiter verschärfen. Sie täuschen Geschäftigkeit vor, um ausgelastet zu wirken und anerkannt zu werden. Kurzum: Sie halten sich zusätzliche Arbeit aktiv vom Leib. Dennoch: "Boreout ist nicht gleich Faulheit", schreiben Werder und Rothlin auf ihrer Internetseite. Betroffene seien nicht faul, sondern würden vom Unternehmen faul gemacht – und sie leiden unter ihrer Situation.
Das zeigt sich auch daran, dass Boreout-Patienten krankhafte Symptome entwickeln. Niedergeschlagenheit, Antriebs- und Schlaflosigkeit und sogar Depressionen können die Folgen eines für den Betroffenen unerträglichen Arbeitsalltags sein. Dass Selbstbewusstsein und Psyche leiden, manifestiert sich zudem in körperlichen Beschwerden. So kann der permanente "Unterstress" Magenbeschwerden, Kopfschmerzen, Tinnitus oder Schwindel verursachen und die allgemeine Infektionsanfälligkeit erhöhen.
Wege aus der Boreout-Spirale
Stecken Betroffene erst einmal in der Negativspirale Boreout, ist es schwierig, dort wieder herauszufinden. Für eine erfolgreiche Therapie ist zunächst wichtig, dass der Patient sein Problem als solches anerkennt. In unserer auf Leistung ausgerichteten Arbeitswelt, in der es sozial erwünscht es, "viel um die Ohren zu haben", kann jedoch allein das Eingeständnis von Langeweile schon eine Hürde sein.
Ist dieser erste Schritt gemacht, können unter anderem Psychotherapie und spezielles Coaching dabei helfen, die Situation für den Betroffenen zu verbessern. Auch ein klärendes Gespräch mit dem Arbeitgeber kann gegebenenfalls Wege aus der Unterforderung aufzeigen. Stellt sich heraus, dass die Ursache des Boreouts womöglich in der falschen Berufswahl liegt, sollten Arbeitnehmer zudem über einen Jobwechsel nachdenken.




