Kultusminister stellen sich der Globalisierung
Die wenig schmeichelhaften PISA-Ergebnisse an deutschen Schulen haben die Politik unter Zugzwang gebracht. Die jetzt angekündigte Maßnahme wird von Experten als Befreiungsschlag der deutschen Bildungspolitik bewertet, nachdem es in den vergangenen Jahren mit den PISA-Fortschritten nur zäh vorangegangen ist. Nun könnte Deutschland im zentralen Kompetenzfeld Fremdsprachen mit einem Schlag in der vordersten Reihe mit den skandinavischen Ländern liegen, ja, diese sogar hinter sich lassen.
Unabhängig davon hat die Ministerentscheidung eine solide Faktenbasis: Kein Land weist eine auch nur annähernd ähnliche Entwicklungsdynamik auf wie China, keines derartige Wachstumsraten. Mehr als 1,2 Milliarden Menschen sprechen Chinesisch als Muttersprache, davon weit über 800 Millionen Mandarin (Hochchinesisch). Bundesbildungsministerin Annette Schavan: "Wer morgen und übermorgen in der Welt bestehen will, kommt nicht um Chinesisch herum. Wir müssen unseren Horizont erweitern und auch in unserem Bildungssystem Konsequenzen aus der viel beschworenen Globalisierung ziehen. Wer jetzt Chinesisch lernt, wird morgen einen entscheidenden Standortvorteil im Handel mit dem wichtigsten und größten Markt haben."
Überraschend dabei: Trotz sinkender Schülerzahlen steigen die Klassengrößen gerade an den weiterführenden Schulen in Deutschland. Wieso bindet man sich in dieser Situation ein bildungspolitisches Großprojekt ans Bein? Die Bildungsministerin dazu: "Das korrespondiert sehr gut miteinander. Für die Vermittlung der vielen chinesischen Schriftzeichen eignet sich Frontalunterricht alter Schule am besten. Ebenso für das Nachsprechen bzw. Singen der Worte im – gerne auch sehr großen - Klassenverband. Hier wollen wir auf asiatische Vorbilder selbst zurückgreifen und damit gleichzeitig unseren Respekt für diese Kulturen zum Ausdruck bringen."
Deutsch - Chinesische Freundschaftsbande
Die chinesischen Reaktionen fallen entsprechend positiv aus: Ministerpräsident Wen Jiabao stellt prompt in Aussicht, den eigentlich schon ausrangierten Transrapid auf der weit über 3000 Kilometer langen Strecke Beijing-Shanghai-Guangzhou vom Konsortium rund um Siemens und ThyssenKrupp bauen zu lassen. Auch ein Auftrag über 20 U-Boote der Pitu-Klasse an deutsche Werften steht plötzlich wieder zur Diskussion.
Ein Problem sehen Bildungsexperten noch in der kulturellen Vermittlung des Themas in der Fläche. In Ermangelung chinesischer Kulturinstitutionen analog zum Institut Francais, den Amerikahäusern oder dem British Council sollen die ca. 23.000 Chinarestaurants in Deutschland zu Stätten der Kulturvermittlung werden. Dazu müssten allerdings erst Ungereimtheiten wie die völlig unterschiedlich gehandhabte Transkription der Speisekarten ("Pekingente" à "Beijingente") beseitigt werden.
Für die Frage, woher plötzlich die vielen Chinesisch-Lehrer kommen sollen, zeichnet sich bereits eine Lösung ab: Die Bundesländer planen im großen Stil, chinesischen Pädagogik-Absolventen Arbeitsplätze in Deutschland anzubieten. Weil die kein Deutsch sprechen, würde der Unterricht nach der "Total-Immersion"-Methode komplett einsprachig stattfinden.
Das wirklich Überraschende an der Sache ist, dass sich die föderale – und damit eher schwerfällige – deutsche Bildungspolitik in einer so komplexen und folgenschweren Frage auf ein gemeinsames Vorgehen einigen konnte. Deshalb ein vertiefender Blick in einige Bundesländer, der gleichzeitig das Geflecht aus politischen, wirtschaftlichen und auch persönlichen Motiven klarer macht, das hinter der Entwicklung steht.
Die Motive der Bundesländer
Baden Württemberg
In Baden Württemberg ("Wir können alles. Außer Hochdeutsch") hat die mittelständische, exportorientierte Wirtschaft ein vitales Interesse an der Erschließung des chinesischen Marktes. In den Daimler-Betriebskindergärten wird ohnehin schon seit Jahren spielerisch Chinesisch (Schwerpunkt Verkaufsförderung) vermittelt. Der EU-Energiekommissar und ehemalige Ministerpräsident Günther Oettinger ließ es sich nicht nehmen, die deutsche Entscheidung im Europaparlament in einer kurzen, auf Chinesisch vorgetragenen Rede zu erläutern, die er vom Blatt ablas. Einige Zuhörer meinten, einen schwäbischen Akzent erkannt zu haben.
Sachsen
Sachsen gilt als Keimzelle der neuen Regelungen. Beim jeden dritten Montag im Monat stattfindenden Stammtisch des Deutsch-Chinesischen Zentrums Leipzig e. V. im Café der Galerie für Zeitgenössische Kunst soll die Idee erstmals aufgekommen und von dort ausgehend Fahrt aufgenommen haben. Nicht zufällig ist es auch Leipzig – übrigens Partnerstadt der ostchinesischen Millionenmetropole Nanjing - , wo am 4. Juni 2011 das Ereignis feierlich gewürdigt wird, mit einem Konzert des MDR-Sinfonieorchesters im Gewandhaus unter Leitung des Dirigenten Lan Shui.
Thüringen
Auch in Erfurt waren es persönliche Kontakte, die die große Politik vorangebracht haben. Der Leiter einer Erfurter Kampfsportschule brachte im Jahr 2003 die Oberbürgermeister seiner Stadt und des chinesischen Xuzhou zusammen. Sie zählt zu den fünf großen Städten in der Lung Lan Wirtschaftszone und gilt als Verbindungsglied zwischen dem asiatischen und europäischen Raum. In der Region wurde 1984 die berühmte Terrakotta-Armee ausgegraben. Die chinesische Metropole (über 9 Millionen Einwohner) wurde 2005 die zehnte und jüngste Partnerstadt Erfurts (200.000 Einwohner). Seitdem grübelt man in Thüringen, wie man die Partnerschaft am besten ausgestaltet.
Bayern
In Bayern gilt die Chinesisch-Aktion als ein vielleicht letzter Hebel der CSU, autoritäre Strukturen und Werte wie Disziplin und Gehorsam wieder auf der bildungspolitischen Agenda zu verankern. Ministerpräsident Horst Seehofer sagte, dies sei man dem Andenken von Franz Josef Strauß schuldig, der seinerzeit auch mit dem kommunistischen China vor der wirtschaftlichen Öffnung schon glänzend ausgekommen sei. In Bayern korrespondieren diese Motive auf eigentümliche Weise mit dem Engagement eher grün orientierter Elterninitiativen, die frühkindliche Sprachförderung in den wichtigsten Weltsprachen bereits in der KITA fordern. Für die großen, exportorientierten Automobilfirmen des Landes, siehe Baden-Württemberg.
Stadtstaaten Berlin, Hamburg, Bremen
Hier traf der Vorstoß auf wenig Widerstand. In Sachen PISA ohnehin mit dem Rücken zur Wand, kann die Schulpolitik nur gewinnen. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit: "Wenn wir auf diesem Weg – quasi durch die Hintertür – eine bessere Lernkultur an unsere Schulen bringen, kann uns das nur Recht sein." Thilo Sarrazin provozierte die bürgerlichen Eliten einmal mehr mit dem Aussage: "Hauptsache, die Migranten lernen überhaupt irgendwas."
Nordrhein-Westfalen
Namentlich im Ruhrgebiet pflegt man schon länger Kontakte in den Fernen Osten. Prägend war hier insbesondere der Abbau und Verkauf von ausgedienten Hochöfen nach China in den späten 90er und frühen 2000er Jahren. Im Verlauf dieser Transaktion lebten jahrelang Tausende chinesischer Ingenieure vor allem im Dortmunder Raum und gewannen mit ihrem freundlichen Wesen (Verteilung von Kaugummis, Verständigung durch Piktogramme und Comics) einen prägenden Einfluss auf die Jugend des östlichen Ruhrgebiets. Die Akzeptanz der aktuellen Maßnahmen ist hier deshalb besonders hoch. In der Landeshauptstadt Düsseldorf rümpft man allerdings die Nase.



