Darmflora: Wie unsere Mikroben uns manipulieren
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Darmflora: Wie unsere Mikroben uns manipulieren

Bild: Foto: Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Sie sind winzig klein, aber enorm viele – und sie haben Macht. Denn die Mikroben in unserem Darm sind keine passiven Mitbewohner. Ganz im Gegenteil: Sie beeinflussen unseren Appetit, unsere Essensvorlieben und sogar unsere Stimmung und Gesundheit. Unsere Darmflora manipuliert uns viel stärker als wir glauben wollen.

Billionen winziger Mitesser bewohnen unseren Verdauungstrakt: die Bakterien unserer Darmflora. Von ihnen tragen wir sogar mehr in uns, als unser Körper Zellen besitzt. Ihre Gegenwart jedoch fällt uns normalerweise nicht auf. Erst wenn das sensible Gleichgewicht im Darm aus dem Lot gerät, merken wir, dass etwas nicht stimmt. So kann beispielsweise ungesunde Ernährung, eine Infektion oder ein Antibiotikum die "Wohngemeinschaft" des Darms durcheinanderbringen.

Aber wer glaubt, die Mikroben unseres Verdauungstrakts sind nur passive Mitbewohner, der irrt. Denn dieses unsichtbare Heer von Bakterien hat einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit, auf unseren Appetit und sogar unser Fühlen und Denken. Mehr und mehr stellen Forscher fest: Wir werden zu einem nicht geringen Teil von unserer Darmflora geprägt und manipuliert.

Manipulierter Appetit

Ein Beispiel: Unsere mikrobiellen Mitbewohner wollen vor allem eines: reichlich Futter. Das bekommen sie aber nur dann, wenn wir essen – und zwar das, was die für sie passenden Nährstoffe enthält. Damit das klappt, übt die Darmflora einen subtilen Einfluss auf unseren Appetit und unsere Stimmung aus: Die Bakterien produzieren Moleküle, die unseren körpereigenen Sattheits- oder Hunger-Botenstoffen sehr ähnlich sind.

Damit aber beeinflussen sie auch unser Hungergefühl. Typischerweise bekommen wir ungefähr 20 Minuten nach Beginn einer Mahlzeit das Gefühl, satt zu sein. Dieses Signal aber stammt nicht nur von unserem Magen oder Gehirn, wie vor Kurzem eine Studie belegte. Stattdessen mischen die Pseudo-Botenstoffe von Bakterien wie dem Darmkeim Escherichia coli mit und machen uns zusätzlich satt – oder aber hungrig.

Stimmungsmacher im Darm

Doch das ist längst nicht alles. Denn die Bakterien in unserem Darm produzieren auch eine ganze Palette genau der Neurobotenstoffe, die bei uns Stimmung und Verhalten prägen. So stammen immerhin rund 50 Prozent des Glücks- und Suchthormons Dopamin nicht aus dem Gehirn, sondern aus unserem Darm. Dort produzieren diesen Botenstoff beispielweise der häufige Darmkeim Escherichia coli.

Auch beim Glückshormon Serotonin mischen unsere mikrobiellen Mitbewohner mit: Einige produzieren einen Vorläuferstoff dieses Hormons, andere Bakterien regen Zellen in der Darmwand dazu an, Serotonin zu produzieren. Fehlen diese Mikroben oder sinkt ihre Zahl, geht unser Serotoninspiegel zurück – und wir fühlen uns eher deprimiert. Das wiederum verführt uns leichter dazu, "Glücklichmacher" wie Schokolade oder andere Süßigkeiten zu essen.

Im Extremfall schrecken die Bakterien unseres Verdauungstrakts auch vor Schmerzen nicht zurück – unseren versteht sich. So zeigen Studien, dass sogenannte Schreikinder, die in den ersten Monaten besonders viel weinen und unter Koliken leiden, typische Veränderungen ihrer Darmflora aufweisen. Bestimmte Keime dominieren bei ihnen – und sorgen durch ihre Ausscheidungen dafür, dass das Kind Koliken bekommt.

Direktleitung ins Gehirn

Botenstoffe und Hormone sind aber längst nicht die einzigen Wege, über die uns unsere Darmflora manipuliert. Sie zapfen auch unseren direkten Draht zwischen Bauch und Gehirn an: den Vagusnerv. Er verbindet die rund 100 Millionen Nervenzellen im Verdauungssystem mit der Basis unseres Gehirns und ist damit die zentrale Kommunikationsachse zwischen Kopf und Bauch. Über ihn signalisiert unser Verdauungstrakt unter anderem, wann der Magen gefüllt ist, umgekehrt erhalten die inneren Organe "Anweisungen" vom Denkorgan.

Und genau hier kommen die Darmmikroben ins Spiel: Über spezielle Andockstellen beeinflussen sie und ihre Ausscheidungen die Aktivität von Nervenzellen in der Darmwand – und damit des Vagusnervs. Studien zeigen, dass bestimmte Mikroben auch auf diese Weise gesteigerte Esslust bei uns auslösen können. Wir verspüren dann einen Heißhunger auf Fettiges, Salziges und Co und füttern damit brav auch gleich unsere hungrigen Bakterien mit.

Der Einfluss der Darmflora geht sogar über diese eher vorübergehenden Effekte hinaus, wie Mediziner inzwischen wissen. Je nachdem, welche Mitbewohner sich in unserem Verdauungstrakt tummeln, beeinflussen sie auch die Gesundheit unserer Hirnzellen, sie bestimmen mit, wie gut eine Grippeimpfung wirkt oder ob uns bei einer Chemotherapie übel wird oder nicht. Richtig gut geht es deshalb eigentlich nur, wenn auch unsere Darmflora zufrieden ist.

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