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Die Kauflust steigt, die Preise auch
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Leben & Lifestyle

Die Kauflust steigt, die Preise auch

In den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands hat die Reichsmark ihre Gültigkeit verloren. Insgesamt 40 Reichsmark haben die Deutschen am Vortag zum Kurs von 1:1 in die neue Deutsche Mark (DM) eintauschen können. Staunende Menschenmengen drängen sich vor den plötzlich prall gefüllten Schaufensterauslagen der…
Veröffentlicht
26. Februar 2022
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Leben & Lifestyle

In den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands hat die Reichsmark ihre Gültigkeit verloren. Insgesamt 40 Reichsmark haben die Deutschen am Vortag zum Kurs von 1:1 in die neue Deutsche Mark (DM) eintauschen können. Staunende Menschenmengen drängen sich vor den plötzlich prall gefüllten Schaufensterauslagen der Geschäfte; begehrte Mangelwaren sind plötzlich frei verkäuflich. Die Geschäftsleute haben sie in Erwartung der Währungsreform zurückgehalten und gehortet.


Über 400 Artikel sind bereits von der Bewirtschaftung ausgenommen worden, darunter auch Hausrat, Möbel, Fahrräder, Radioapparate und Autos. Grundnahrungsmittel bleiben vorläufig noch rationiert. Auch eine Reihe anderer begehrter Waren, darunter Spinnstoffe, Schuhe, Seife, Tabak, Mineralöl, Kohle und Holz für den Hausbrand, Glühlampen und Autoreifen unterliegen weiterhin der Bewirtschaftung. Aber schon machen sich die ersten Anzeichen eines Überangebotes, wie zum Beispiel bei Obst und Gemüse, bemerkbar.


Die Menschen reagieren auf die ungewohnte Fülle des Warenangebotes noch zurückhaltend. Umfragen ergeben, dass zwei Tage nach der Währungsreform noch rund 65 % der Bewohner ihr eingetauschtes Geld, die sogenannte Kopfquote von 40 DM unangetastet gelassen haben. Noch lässt sich nicht übersehen, welche Folgen die Ausgabe des neuen Geldes für jeden Einzelnen haben wird. Die gesetzlichen Bestimmungen zur Durchführung der Währungsreform sind für viele kaum zu durchschauen. Dabei steht jetzt schon fest, dass die Besitzer von Sparguthaben hart betroffen sind. Eigentümer von Immobilien oder Sachwerten hat die radikale Abwertung des Geldes kaum berührt.


In den kommenden Tagen und Wochen lässt sich allmählich ein erster Überblick über die Folgen der Währungsreform gewinnen. Die Kauflust steigt; der Bedarf, vor allem an Kleidung und Haushaltswaren ist immens. Geschäftsleute, die ihre Kunden bisher häufig mit Geringschätzung betrachteten, haben sich schnell auf die neue Lage eingestellt. Sie sind freundlich und lassen mit sich handeln. Nach Jahren der Bewirtschaftung müssen sich die Preise erst wieder einpendeln.


Sehr bald sind die gehorteten Vorräte verkauft, die Verknappung der Waren führt zu einem starken Preisanstieg. Dagegen bleibt der allgemeine Lohnstopp vorerst bestehen. In erster Linie soll damit die Kaufkraft in der Bevölkerung gebremst werden. So liegt das Durchschnittseinkommen im Juni bei rund 300 DM. Zwar sind die Steuern kurze Zeit nach der Währungsreform gesenkt worden, aber eine Abgabenbelastung von beispielsweise 50 DM wird nun als besonders schmerzlich empfunden. Als ein hoher Kostenfaktor fallen plötzlich auch die Mieten ins Gewicht. Auf der anderen Seite kosten zum Beispiel ein Kilo Schweinefleisch 6 bis 8 DM und ein paar Schuhe rund 32 DM. In vielen Haushalten bleiben deshalb häufig weniger als 50 DM in der Woche zur Bestreitung des Lebensunterhaltes übrig. Man beginnt zu sparen, was wiederum ganze Wirtschaftszweige schmerzlich zu spüren bekommen. So bleiben Zeitungen, die bislang keine Schwierigkeiten hatten, ihre große Auflagen zu verkaufen, liegen. Theater, Kinos und Varietés, die nach dem Krieg wie Pilze aus dem Boden schossen, klagen über Besucherschwund. Gaststätten, in denen häufig kein freier Platz zu finden war, bleiben leer. Aus den Kurorten und Feriengebieten sind die Besucher in Scharen abgereist.


Obwohl mit einem empfindlichen Ansteigen der Arbeitslosenzahlen gerechnet wird, reagiert der Arbeitsmarkt noch uneinheitlich. In den Arbeitsämtern lassen sich allerdings immer mehr Beschäftigungslose registrieren, darunter auch viele, die es bisher nicht nötig hatten zu arbeiten, weil sie andere Einnahmequellen (zum Beispiel auf dem Schwarzmarkt) hatten. Viele Unternehmen entlassen Arbeitskräfte, weil sie angesichts ihrer nun dünnen Kapitaldecke zu Rationalisierungen gezwungen sind.


Das freie Spiel von Angebot und Nachfrage zwingt zur Anpassung an die Erfordernisse des Marktes. Bei denjenigen, die ihren Arbeitsplatz nicht verlieren, macht sich bald eine Steigerung der Arbeitsproduktivität bemerkbar. Das Geld, mit dem sie entlohnt werden, ist nämlich wieder etwas wert.


19. Juni - die Währungsreform tritt in Kraft

23. Juni - Währungsunion in der Ostzone

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