Die Raumfahrer - vom Testpiloten zum Weltraumtourist
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Die Raumfahrer - vom Testpiloten zum Weltraumtourist

Bild: Foto: Triplec85, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

“Ich will Astronaut werden.“ - Zu Beginn des dritten Jahrtausends ist dieser Berufswunsch keine Utopie mehr. Tatsächlich gibt es allein in den USA mehrere hundert ausgebildete Astronauten und damit ist diese Berufsgruppe vermutlich weniger exklusiv als zum Beispiel die der Berufssteilwandfahrer auf Jahrmärkten.

Belastungen im All

Doch der Anfang war hart. Jules Verne wollte seine Mondreisenden noch mit einer Kanone zum Ziel befördern: Die Beschleunigung hätte sie sofort getötet. Aber auch in den fünfziger Jahren, als der bemannte Wettlauf zum All begann, erwartete die Kandidaten kein Zuckerschlecken. Im Jahre 1959 suchte die NASA ihre ersten Astronauten unter 500 Kampf- und Testpiloten aus. Um in die enge Mercury-Kapsel zu passen, durften die Kandidaten nicht größer als 180 cm sein. Die ersten ausgewählten sieben Piloten wurde zu Lieblingen der Nation. Der Film The Right Stuff setzte ihnen 1983 ein Denkmal.

Ist der Mensch nun zum Flug in den Weltraum geeignet? – Unter den vielen Belastungen ist die der Schwerelosigkeit die spektakulärste. Es stellte sich aber heraus, dass die Probleme kleiner waren als ursprünglich erwartet - jedenfalls für kurze Flüge bis zu einigen Wochen. Unangenehm bleiben die ersten Tage. Sorgsam wurden in den Anfangsjahren die wegen der “Raumkrankheit“ vollgespuckten Anzüge und Raumkapseln verschwiegen.

Und heute? - Wie schafft man es, in den Weltraum zu gelangen?

Bis vor kurzem gab es nur eine Möglichkeit: Raumflug als Dienstreise. Das ist in den USA erheblich leichter als in Europa: Teilen sich in den USA ca. 1 Millionen Einwohner einen ausgebildeten Astronauten, so muss man in Europa einen Astronauten unter ca. 15 Millionen Einwohnern suchen. In den USA gibt es den so genannten “Laufbahn-Astronauten“. Er gehört zum NASA-Astronautenpool und arbeitet als Commander, Pilot, Flugingenieur oder Mission-Specialist. Alle zwei Jahre schreibt die NASA zwanzig neue Astronautenpositionen aus. Im Schnitt bewerben sich dann ca. 4000 Interessenten.

In Europa scheint das Interesse am Astronautenberuf größer zu sein. Auf eine entsprechende Anzeige der ESA meldeten sich immerhin 22.000 Bewerber.

Inzwischen gibt es eine zweite Möglichkeit: Raumflug als Urlaubsreise. Im Mai 2001 verwirklichte der sechzigjährige Dennis Tito seinen Lebenstraum: Er zahlte 20 Millionen US-Dollar, flog für eine Woche als zahlender Gast in der Internationalen Raumstation und ging in die Geschichte als der erste Weltraumtourist ein. So ganz willkommen war Tito aber offensichtlich nicht. In den amerikanischen Teil der ISS durfte der US-Bürger Tito nur in Begleitung einer Eskorte ...

“Auf geht´s !“ - Yuri Gagarin am 12. April 1961

Manchmal vollzieht sich die Geschichte in Sprüngen, begleitet von Paukenschlägen. Ein solcher historischer Tag war der 12. April 1961: Am Vormittag dieses Mittwochs startet im sowjetischen Raumfahrtzentrum Baikonur der erste Mensch in den Weltraum: Yuri Gagarin, 27 Jahre alt.

Nach dem Frühstück brach Major Gagarin zur weitesten und schnellsten Reise, die je ein Mensch unternommen hat, auf. Zum Mittagessen war er längst wieder zurück. Nur 108 Minuten dauerte die Reise, die sein Leben veränderte. Zurück kam ein Oberst Gagarin (er war während des Flugs befördert worden), der die Erde von außen erlebt hatte. Es ging ihm wie vielen anderen nach ihm: Wer einmal die Atmosphärenhülle unseres Planeten gesehen hat, ist überwältigt von der zerbrechlichen Schönheit der Erde.

Gagarin zahlte einen hohen Preis für seinen Blick von oben: Nie wieder durfte er eine Rakete besteigen. Zu wertvoll war er nun als Held der Sowjetunion für die Propaganda.

Er war ausgesucht worden, weil er einer der Besten war. Jahrelang hatte er trainiert, war körperlich und psychisch an seine Grenze geführt worden. In der Zentrifuge hatte man ihn einer dreizehnfachen Schwerkraft ausgesetzt: Der Körper hat dann das Gewicht eines Autos, die Hand wiegt so viel wie ein Bierkasten. Man hatte ihn vierundzwanzig Stunden in eine dunkle, schalltote Kapsel gesperrt. Eine Situation, die viele Menschen in den Wahnsinn treiben kann.

Alle Prüfungen und Anstrengungen galten dem einen Erlebnis: Schwerelos die Erde zu umkreisen. Doch der schwerste Teil der Aufgabe kam nach dem Flug.

Yuri Gagarin, der belastbare und unbekümmerte Testpilot der sowjetischen Luftwaffe, wurde zur Kultfigur. Anfangs ertrug er die Anforderungen noch mit Humor. Belustigt erzählte er zum Beispiel später, wie er den in alle Länder der Erde übertragenen Empfang auf dem Moskauer Flughafen nur mit Mühe überstand, weil er den feierlichen Weg über den roten Teppich mit einem offenen Schürsenkel hinter sich bringen musste.

Belastend war auch die Geheimhaltung. Niemand durfte zum Beispiel erfahren, dass Gagarin nicht - wie alle Welt annahm - in seiner Wostok Kapsel gelandet war, sondern in 7000 Meter Höhe “ausgestiegen“ war und einen separaten Fallschirm benutzt hatte. Böse Zungen behaupten, die Sowjets befürchteten, dass der Flug nicht als Höhenrekord gewertet werden könnte. Hier schreiben nämlich die Regeln vor, dass der Pilot vom Start bis zur Landung im Fluggerät bleiben muss.

Man überhäufte Yuri Gagarin mit Ehren. Ein Krater auf der Mondrückseite wurde nach ihm benannt. Unzählige Schulen tragen bis heute seinen Namen. Er war das Idol der Jugend aller Länder des Ostblocks. Doch ob ihn dieses Leben als Star glücklich machte, darf bezweifelt werden. Persönliche Probleme häuften sich und 1968 – im Alter von nur 34 Jahren – verunglückte der erste Kosmonaut unter nie ganz geklärten Umständen bei einem Übungsflug in einer Mig 15.

Apollo

Am Anfang stand ein Schock. Am 4. Oktober 1957 - einem Schwarzen Freitag in der amerikanischen Weltraumgeschichte - brachte die Sowjetunion den ersten künstlichen Erdmond in eine Umlaufbahn. In aller Welt zog es die Menschen ins Freie, um den neuen Himmelskörper mit dem drolligen Namen “Sputnik“ (deutsch: Begleiter) zu sehen. Drei Wochen lang konnten Funkamateure das “Piep-Piep“ seines Radiosenders hören. Doch der Schock der westlichen Regierungen saß tief: Ungehindert flog da in wenigen hundert Kilometern Höhe ein feindlicher Radiosender über die Länder der NATO.

Am 3. November - kaum vier Wochen nach Sputnik 1 - brachten die Russen Sputnik 2 in die Umlaufbahn. Aus dem Schock wurde Hysterie: An Bord von Sputnik 2 befand sich ein Passagier! Die Polarhündin Laika hatte den Start überstanden und überlebte sieben Tage im All, bevor sie an Sauerstoffmangel starb.

Dies war das für alle verständliche Signal: Die Russen beabsichtigten, einen Menschen ins All zu schicken! Die neu gegründete NASA reagierte mit Verzögerung: Erst im Oktober 1958 wurde beschlossen, einen amerikanischen Astronauten in die Umlaufbahn zu bringen. Der Name des Projekts: Mercury. Der Wettlauf begann.

Im Frühjahr 1961 war es so weit: Der erste Flug eines Menschen in den Weltraum sollte stattfinden. Die drei Astronauten Glenn, Grissom und Shepard trainierten gerade für einen ballistischen Flug mit der Mercury-Kapsel (bei dem die Kapsel nach Erreichen ihrer Gipfelhöhe ohne Erdumrundung zurückkehrt), da erschütterte die nächste sowjetische Erfolgsmeldung die Welt: Yuri Gagarin hatte als erster Mensch am 12. April 1961 nicht nur den Weltraum erreicht, sondern sogar die Erde umrundet!

Der Triumph der Sowjetunion war perfekt. Für die Amerikaner war es “ein technologisches Pearl Harbor“. Noch heute glänzen die Augen der alten sowjetischen Raumfahrtingenieure, wenn sie von dieser Zeit erzählen.

Doch nun reagierten die USA mit all ihrer technologischen Macht: Am 25. Mai 1961 - sechs Wochen nach Gagarins Flug - erklärte der amerikanische Präsident John F. Kennedy vor dem Kongress: “Bis zum Ende des Jahrzehnts bringen wir einen Menschen auf den Mond und sicher wieder zurück.“

Das hat es noch nicht gegeben: Die Amerikaner fordern die Sowjets zum Wettkampf auf. Jedes Kind kann die Spielregeln verstehen: Wer zuerst auf dem Mond ist, hat gewonnen. Auf die Plätze, fertig, los!

In beispielloser Weise bündeln die Amerikaner ihre Kräfte und die NASA wird zur angesehensten Organisation der USA. Der Name des ehrgeizigsten technologischen Projekts der Neuzeit: Apollo. Endlich können die Raketenbauer um Wernher von Braun das tun, was sie eigentlich schon immer tun wollten: Die Mondrakete bauen. Mit der Saturn V entsteht die größte und schubstärkste Rakete der Welt.

Zeitweise arbeiten mehr als 400.000 Menschen daran, zwei ihrer Landsleute für einige Stunden auf den Mond zu bringen. Es ist das Projekt des Jahrzehnts! - Zur Musik der Beatles, der Beach Boys und der Byrds entwickeln junge Ingenieure fieberhaft neuartige Systeme.

Die Computer müssen leistungsfähiger und kleiner werden: Der Taschenrechner wird erfunden. Computer müssen zuverlässig miteinander kommunizieren: Die Idee des Internet wird vorangetrieben. Der Begriff des technologischen “Spin Offs“ muss herhalten, um die immensen Kosten des Projekts zu rechtfertigen. Am Ende der sechziger Jahre weiß jede Hausfrau, dass die Teflon-Bratpfanne ein Produkt der Weltraumtechnik ist.

John F. Kennedy hat das Erreichen des Ziels nicht mehr miterlebt. Acht Jahre nach seiner berühmten Rede steht auf dem ihm zu Ehren umgetauften Weltraumbahnhof Cape Kennedy eine dampfende, zischende, fauchende Saturnrakete, fertig zum Mondflug. Am 16.7.1969 werden die Triebwerke gezündet. Das Zeitalter der Raumfahrt hat endgültig begonnen.

Die Mondlandung

1968 - in dem Jahr, in dem 2001-Odyssee im Weltraum in die Kinos gekommen war - trat das Apollo-Projekt in seine heiße Phase. Im Dezember verließen mit Apollo 8 die ersten Menschen den Anziehungsbereich der Erde. Kurz danach erprobte Apollo 9 die spinnenförmige Mondlandefähre in der Erdumlaufbahn. Am 18. Mai 1969 startete dann Apollo 10 zur Generalprobe: Die Astronauten Cernan, Young und Stafford flogen zum Mond, Cernan und Stafford bestiegen die Raumfähre “Snoopy“ und näherten sich der Mondoberfläche bis auf 15 km. Aber landen durften sie nicht. Das blieb der Apollo 11-Mission vorbehalten.

Am 16. Juli 1969 ist es so weit: Nach dem Frühstück besteigen Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Michael Collins das Command Module des Apollo-Raumschiffs auf der Spitze der riesigen Saturn V-Rakete. Für die Mondlandung hatte sich Armstrong große Worte zurecht gelegt. Nicht so für den Start: Sein letztes Wort, bevor die Saturnrakete um 9:32 Uhr Ortszeit abhebt, lautet: “Oops!“

Apollo 11 läuft präzise wie ein Uhrwerk. Nach vier Tagen haben die Astronauten den Mond erreicht. Armstrong und Aldrin steigen in die Landefähre “Eagle“ um und beginnen den Abstieg auf den Mond. Und jetzt, wenige Minuten vor der Landung, kommt es zum ersten Zwischenfall: Der Computer meldet den Fehler “1202“. Armstrong und Aldrin werden nervös. Sie können kaum noch aus dem Fenster sehen, da der Computer jetzt all ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Aus dem Kontrollzentrum kommt die Anweisung, die Fehlermeldung zu ignorieren. “1202“ bedeute lediglich, dass der Computer überlastet sei. Na dann ...

Kurz vor dem Aufsetzen erkennt Armstrong, dass die “Eagle“ drauf und dran ist, in einem unübersichtlichen Krater zu landen. Er schaltet auf manuelle Steuerung, verlängert den Anflug, zieht die Eagle über das Hindernis hinweg und setzt sie sanft im “Meer der Ruhe“ auf. Seit dem Start sind 102 Stunden, 45 Minuten und 40 Sekunden vergangen. Es war die knappste aller Apollo-Landungen: Laut Anzeige hätte der Treibstoff nur noch für weitere 20 Sekunden gereicht!

Erst nach sechseinhalb Stunden verlässt Armstrong die Landefähre. Um 3:56 Uhr MEZ setzt er seinen Fuß auf den Mond: “That's one small step for (a) man, one giant leap for mankind." Ob Armstrong “a man“ oder nur “man“ gesagt hat, ließ sich aus dem Funkverkehr nicht genau heraushören. Er selbst wusste es später auch nicht mehr...

Der Mondausflug dauerte nur zwei Stunden und einunddreißig Minuten. In dieser Zeit stellten die beiden “Moonwalker“ eine amerikanischen Flagge auf, installierten einige Instrumente, sammelten knapp 25 kg Mondgestein und knipsten ungefähr 100 Fotos. Dann hieß es bereits wieder “Einsteigen, Türen schließen!“. Der Rückflug verlief genauso präzise wie der Hinflug und nach 195 Stunden, 18 Minuten und 35 Sekunden landete das Command Module Columbia im Pazifik. Die Erde hatte die Astronauten wieder.

Es folgten noch fünf weitere Mondlandungen. Am 19. Dezember 1972 kehrte die letzte Apollo-Crew (Apollo 17) vom Mond zurück. Damit war das Zeitalter der Mondreisen schon nach vier Jahren zu Ende gegangen. Eigentlich waren noch drei weitere Mondlandungen geplant, aber das abnehmende Interesse in der Öffentlichkeit und zunehmende finanzielle Schwierigkeiten machten dem Apollo-Projekt vorzeitig ein Ende.

Seitdem hat der Mond wieder seine Ruhe.

Dr. Dirk Soltau

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