Die Zitier-Rakete: Wie ein Leipziger Professor in zehn Jahren an die Weltspitze kam
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Die Zitier-Rakete: Wie ein Leipziger Professor in zehn Jahren an die Weltspitze kam

Foto: Lalmch / Pixabay

Als Dominik Kanbach im Jahr 2016 seine erste wissenschaftliche Arbeit veröffentlichte, hatte die Hälfte seiner heutigen Konkurrenten bereits 17 Jahre Vorsprung. Viele von ihnen hatten ihre erste Publikation schon 1999 oder früher in der Datenbank Scopus registriert. Zehn Jahre später, im Oktober 2026, taucht…

Als Dominik Kanbach im Jahr 2016 seine erste wissenschaftliche Arbeit veröffentlichte, hatte die Hälfte seiner heutigen Konkurrenten bereits 17 Jahre Vorsprung. Viele von ihnen hatten ihre erste Publikation schon 1999 oder früher in der Datenbank Scopus registriert. Zehn Jahre später, im Oktober 2026, taucht Kanbachs Name in einer Liste auf, die viele für den Olymp der Wissenschaft halten: das Top 2% Scientists Ranking der Stanford University, besser bekannt als „Stanford-Liste". Von mehr als 11,6 Millionen bewerteten Forschenden weltweit belegt der Professor der HHL Leipzig Graduate School of Management Platz 37.874 – das bedeutet: Top 0,33 Prozent. In seinem Fachgebiet Business & Management landet er auf Platz 993 von 68.786 Forschenden, in der breiter gefassten Kategorie Economics & Business auf Platz 2.542 von 224.627. Unter den deutschen Forschern seines Fachs ist er die Nummer 34.

Die Zahlen klingen beeindruckend. Doch was bedeuten sie eigentlich? Und wie schafft man es in nur zehn Jahren in eine Rangliste, für die andere ein halbes Forscherleben brauchen?

Knapp 2.000 Zitationen in einem Jahr

Die Stanford-Liste misst wissenschaftliche Wirkung über ein zusammengesetztes Verfahren, das sechs Kennzahlen verrechnet – darunter die Zahl der Zitationen und den sogenannten h-Index. Letzterer ist ein Maß dafür, wie oft die eigenen Arbeiten von anderen Wissenschaftlern zitiert werden. Kanbachs h-Index liegt bei 20: Das heißt, 20 seiner Arbeiten erhielten im Jahr 2025 jeweils mindestens 20 Zitationen. Insgesamt zitierten andere Forschende seine Arbeiten in diesem Jahr knapp 2.000 Mal. Die Datenbank Scopus verzeichnet 90 Publikationen von ihm.

Um diese Zahlen einzuordnen: Die Liste umfasst rund 249.000 Forschende – gut zwei Prozent aller bewerteten Personen. Ein Team um John P. A. Ioannidis von der Stanford University erstellt sie jährlich auf Basis der Datenbank Scopus, der Wissenschaftsverlag Elsevier veröffentlicht das Ranking. Die aktuelle Ausgabe erschien am 7. Oktober 2026 mit Datenstand August 2026 und bewertet Forschende aus 174 Fachgebieten.

Der Weg vom DAX-Konzern an die Weltspitze

Kanbach studierte von 2010 bis 2012 an der HHL Leipzig und promovierte dort 2016. Vor seiner akademischen Laufbahn arbeitete er in einem DAX-Konzern und in der strategischen Unternehmensberatung – Erfahrungen, die seine Forschung bis heute prägen. Von 2018 bis 2022 war er Juniorprofessor für Strategisches Unternehmertum an der HHL, seit 2023 hat er den Lehrstuhl für Strategisches Unternehmertum inne. Als Leiter der Forschungsgruppe Strategic Entrepreneurship arbeitet er mit mehr als 50 Doktoranden und Forschenden zusammen. Seit 2025 ist er zusätzlich Akademischer Direktor des Doktorandenprogramms der HHL.

Seine Forschungsthemen bewegen sich dort, wo Wissenschaft auf Unternehmensrealität trifft: Wie verändert generative Künstliche Intelligenz die Geschäftsmodelle von Unternehmen? Wie weit sind kleine und mittlere Unternehmen beim Einsatz von KI? Welche Kompetenzen und Rollen braucht das Top-Management, um mit KI neue Geschäftsmodelle zu entwickeln? Und wie können Forschende ChatGPT oder Claude in der Managementforschung einsetzen? Aktuelle Fragen, die Praxis und Theorie verbinden – und offenbar viele andere Wissenschaftler zum Zitieren einladen.

Kleine Hochschule, große Wirkung

Die Platzierung zeigt noch etwas anderes: Internationale Spitzenforschung hängt nicht allein von der Größe einer Hochschule ab. In der Stanford-Liste misst sich die HHL mit großen Universitäten aus aller Welt, die über ein Vielfaches an Professuren verfügen. Die HHL Leipzig ist eine universitäre Hochschule mit Promotions- und Habilitationsrecht, gegründet als älteste betriebswirtschaftliche Hochschule Deutschlands. Laut Financial Times-Ranking zählt sie zu den führenden internationalen Business Schools. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat die HHL 2025 zum siebten Mal in Folge als Gründerhochschule Nummer 1 in Deutschland ausgezeichnet. Aus der HHL sind in den letzten 30 Jahren über 550 Unternehmensgründungen hervorgegangen mit mehr als 40.000 Mitarbeitenden.

Tobias Dauth, Rektor der HHL, sagt über Kanbach: „An Dominik Kanbach sieht man, was die HHL ausmacht: Wir bilden Talente aus und geben ihnen den Raum, an die Weltspitze zu kommen. Davon profitieren heute unsere Studierenden. Sie lernen bei einem Forscher, dessen Arbeiten international zu den meistbeachteten seines Fachs gehören."

Was Rankings nicht sagen

Doch so beeindruckend die Zahlen sind – Bibliometrie, also das Messen wissenschaftlicher Leistung anhand von Publikationen und Zitationen, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Kritiker weisen darauf hin, dass solche Rankings vor allem die Quantität messen, nicht unbedingt die Qualität oder gesellschaftliche Relevanz von Forschung. Wer in einem Feld arbeitet, in dem viele Forschende aktiv sind und viel publiziert wird, hat strukturell bessere Chancen auf hohe Zitationszahlen als jemand in einem kleineren, spezialisierten Gebiet. Zudem begünstigen solche Systeme bestimmte Publikationsstrategien: Wer viele Co-Autoren hat, viele Übersichtsartikel schreibt oder in Feldern arbeitet, die gerade im Trend liegen, sammelt schneller Zitationen.

Die Stanford-Liste versucht, einige dieser Verzerrungen durch ihren zusammengesetzten Indikator abzumildern. Sie bewertet nicht nur die Gesamtzahl der Zitationen, sondern auch deren Verteilung und die Position der Autorenschaft. Dennoch bleibt die Frage: Sagt eine hohe Zitationsrate wirklich etwas über den wissenschaftlichen Beitrag aus? Oder misst sie vor allem, wie gut jemand im akademischen Netzwerk vernetzt ist und wie geschickt er Themen wählt, die viele andere interessieren?

Zwischen Lehrstuhl und Gründerzentrum

Kanbach selbst scheint die Balance zwischen akademischer Anerkennung und praktischer Relevanz zu suchen. Seit 2019 leitet er als Akademischer Direktor den Frühphaseninkubator HHL Digital Space. Junge Gründerteams arbeiten dort von Anfang an mit seinen Erkenntnissen. Er bringt seine Forschungsergebnisse in die Lehre ein, etwa in Kursen zu Strategischem Management, Unternehmertum und Innovation. Seine Publikationen erscheinen unter anderem in Harvard Business Review, Review of Managerial Science, Journal of Business Research, Journal of Business Venturing Insights sowie Technological Forecasting and Social Change.

Am Ende bleibt eine doppelte Geschichte: Die eines außergewöhnlich schnellen Aufstiegs in einer Welt, in der Reputation normalerweise über Jahrzehnte wächst. Und die einer Messweise, die wissenschaftliche Wirkung in Zahlen fasst – mit allen Stärken und Schwächen, die das mit sich bringt. Von den 992 Forschenden, die im Bereich Business & Management weltweit vor Kanbach liegen, begannen nur 55 ihre Karriere im Jahr 2016 oder später. Das macht seinen Weg bemerkenswert – unabhängig davon, wie viel Gewicht man einer solchen Rangliste beimisst.

Vielleicht ist die interessanteste Frage am Ende nicht, wie jemand in zehn Jahren auf Platz 37.874 von 11,6 Millionen kommt. Sondern was diese Person mit dieser Position anfängt.

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