„Sind deutsche Schüler dumm?“ titelte die BILD-Zeitung im Dezember 2001 und brachte damit die Ergebnisse der Pisa-Studie gewohnt subtil auf den Punkt: Das Land der Dichter und Denker war einmal. Seit im Dezember 2001 die katastrophalen Ergebnisse des „Program for International Student Assessment“ bekannt wurden, sorgt die „deutsche Bildungsmisere“ für Schlagzeilen - was allerdings nicht unbedingt im Dienste der Sache ist. Denn Panikmache nutzt wenig in einer Situation, in der ein besonnener Blick und gut durchdachte Reformen von Nöten sind.
Denn so volltönend Politiker und Wirtschaftsbosse jetzt auch die Bildungsoffensive fordern - dem Wissensnotstand kommt man nicht mit blindem Aktionismus bei. Nötig ist eine Reform, die langfristige gesellschaftliche Entwicklungen im Auge behält. Um den sozialen Problemen zu begegnen, die das Zusammenleben im dritten Jahrtausend zunehmend bestimmen werden, muss die Schule künftig stärker als bisher soziale Fähigkeiten lehren und einüben. Und sie muss sich eine Frage stellen, die für den Unterrichtserfolg heute weitaus wichtiger ist, als Debatten um Lehrpläne oder Physikraumausstattungen - die Frage, ob und inwieweit sich der Alltag eines Schüler mit dem von voll berufstätigen Eltern vereinbaren lässt.
Das Teilzeit-Kind - welche Schulen braucht die Gesellschaft?
Der Trend zur Berufstätigkeit beider Eltern wird sich nicht mehr wenden. 60 Prozent aller Mütter in der Bundesrepublik sind heute berufstätig, in Voll- oder Teilzeit, Tendenz steigend. Emanzipation lässt sich nicht mehr umkehren, und die bestausgebildete Frauengeneration aller Zeiten wird sich auch nicht einfach an den Herd zurückschicken lassen. Ganz zu schweigen davon, dass das volkswirtschaftlich gesehen unsinnig wäre. Und da gerade einmal zwei Prozent der deutschen Männer Erziehungsurlaub in Anspruch nehmen, ist klar, wer die Kosten für diesen Fortschritt zahlt: die Kinder.
Die Gesellschaft hat sich Chancengleichheit auf die Fahnen geschrieben, nimmt aber gleichzeitig in Kauf, dass zehn Prozent eines Schülerjahrgangs die Schule ohne Abschluss verlassen. Abhilfe können hier nur mehr Betreuung, mehr Erziehung und mehr Unterricht schaffen. Sicherlich ist die nun angepriesene Ganztagsschule nicht der Weisheit letzter Schluss. Doch sie ist eine Chance für alle Kinder, die ohne sie schlechter dran sind als mit ihr. Und das sind mehr als jene fünf Prozent, für die es heute einen Platz in einer Ganztagsschule gibt.
Die Ganztagsschule
Grundgedanke der Ganztagsschule ist, Schüler in der Kernarbeitszeit von 8.00 bis 16.00 Uhr zu betreuen. Dabei soll diese Schulform aber durchaus mehr sein als eine „verlängerte Morgenschule mit Suppenausgabe“. Natürlich bietet die Extrazeit die Möglichkeit, den engen Vormittags-Stundenplan zu entzerren. Dennoch sollte das Ganztagsschulkonzept auch Raum lassen für Spiel und Entspannung, Projekt- und Gruppenarbeit oder auch stille Konzentration. Dies ermöglichen den Schülern Erfahrungen, die stärker als im Klassenunterricht soziale Kompetenz und Eigenverantwortlichkeit fördern - Fähigkeiten, die nach Meinung von Pädagogen unter Kindern und Jugendlichen immer mehr ins Hintertreffen geraten.
So ein Projekt kann etwa eine Arbeitsgruppe zu Astronomie oder Politik sein, in der selbständige Konzepte erarbeitet und umgesetzt werden. Es kann aber auch ein Mathe-Förderkurs sein, in dem Übungen die Lehrinhalte vom Vormittag vertiefen und stärkere Schüler dazu angeleitet werden, ihren leistungsschwächeren Klassenkameraden unter die Arme greifen. Bezüglich der Lehrinhalte wäre auch zu überlegen, ob es sinnvoll ist, sich der Wirtschaft zu beugen, die eine stärkere Ausrichtung des „Schulwissens“ am Arbeitsmarkt fordert. So könnte es etwa Kurse wie Computerkunde, Marketing-Grundlagen oder zusätzlichen Fremdsprachenunterricht geben. Wichtig wäre ferner, Schülern Projekte eigener Verantwortung zu geben - etwa ein Schulcafé, eine Mediothek oder die Betreuung des Schulgartens.
Wie auch immer die Gestaltung im einzelnen aussieht: Sicher ist, dass eine flächendeckende Einrichtung von Ganztagsschulen teuer wird. Experten schätzen, dass für die Umsetzung einer solchen Schulform mindestens 30 Prozent mehr Lehrer benötigt würden, was den Staat rund 3 Milliarden Euro kosten würde. Desweiteren müssten die Schulen umgestaltet, Aufenthalts- und Ruheräume für die Schüler geschaffen werden und zusätzliche Unterrichtsmittel gekauft werden.
Alternative: Schulzeitverkürzung
Ein weiteres Schlagwort der aktuellen Bildungsdebatte ist die Frage nach einer Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre. Denn deutsche Abiturienten sind zu alt. So argumentieren zumindest die Befürworter des „Turbo-Abiturs“. Und tatsächlich sind die deutschen „Abirenten“ im Durchschnitt älter als ihre europäischen Kollegen - und somit später auch als Studenten und Berufseinsteiger altersmäßig immer Nachzügler.
Angesichts von Pisa & Co. fragt sich aber nun, wie das gehen soll: ein Jahr weniger Schule und gleichzeitig das Bildungsniveau verbessern? Als angeblicher Heilsbringer erscheint vielen die Ganztagsschule. Mit einem auch in den Nachmittag verlegten Unterricht könnte man die Dauer der gymnasialen Schulausbildung auf zwölf Jahre verringern. Wie sich allerdings dieses straffere Lernpensum auf leistungsschwache Schüler auswirken würde und ob es die Abbrecherquote hier nicht drastisch erhöhen würde, weiß niemand. Auch könnten gute Realschüler nach „ihrem“ zehnten Abschlussjahr nicht mehr so leicht auf das Gymnasium wechseln. Der Knackpunkt bei der Diskussion um das „Turbo-Abitur“ ist also eine bildungspolitische Frage: Wollen wir künftig eine „Elite“ schaffen - oder wollen wir die breite chancengleiche Bildungsbasis „für alle“ beibehalten?
Ein Alternative wäre, das Einschulalter wesentlich herabzusetzen. Grundschüler könnten, ähnlich wie in den Niederlanden, schon mit vier oder fünf Jahren spielerisch an das Lernen herangeführt werden. Auf diese Weise ließe sich zugleich das Durchschnitts-Alter beim Schulabgang herabsetzen.
Grundlegend aber ist bei der Debatte um das „Turbo-Abitur“ zu fragen, ob das dogmatische Beharren auf einer Zwölf-Jahres-Regelung als allein „selig machender“ Lösung nötig ist. Denkbar wäre, eine Vielfalt von Schulsystemen anzubieten. Der Schüler hätte dann die Möglichkeit, sich je nach Leistung und Neigung zu entscheiden, wie viel Zeit er für seine Schulausbildung benötigt.
Das schlechte Abschneiden deutscher Schüler liegt jedoch nicht in der zu langen Schulzeit begründet, sondern auch an den Lehrinhalten und daran, wie diese vermittelt werden. Vom Klassenverbandslernen profitieren nach Ansicht von Experten sowieso nur mittelmäßige Schüler, während die schlechten überfordert und die besseren gelangweilt würden. Schüler, die nach zwölf Jahren noch nicht richtig Englisch gelernt haben, werden dies auch nicht nach dreizehn Schuljahren beherrschen. Es geht also weniger um die Frage „wie lange?“, sondern viel mehr darum, „wie gut“ an deutschen Schulen unterrichtet wird.
Lernkultur: Pauken wie anno dazumal?
Deutsche Schüler lernen falsch. Statt eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu lernen, pauken sie wie schon vor Jahrzehnten. Auch das belegt die Pisa-Studie. Gründe hierfür sind veraltete Lehrinhalte und -methoden an deutschen Schulen, die den internationalen Standards hoffnungslos hinterherhinken.
Ein optimaler Unterricht sollte daher verschiedene Lehrformen einsetzen: mal Frontalunterricht, mal Lernen in der Gruppe, dann Experimentieren oder auch stilles Lernen - mit dem Ziel, den Schüler einen eigenen Lernstil entwickeln zu lassen. Das hieße auch anzuerkennen - nach jahrelangem Methodenstreit -, dass es kein pädagogisches Allheilmittel gibt: Ein guter Lehrer muss pädagogisch gesehen multifunktionell sein - und je nach Thematik, Niveau und Alter der Klasse unterschiedliche Lehrformen einsetzen können.
Andere Länder, andere Schulen
Das aber erfordert andere Pädagogen, als wir sie heute haben. Denn die meisten, so der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Egon Becker, sind „fachlich über- und pädagogisch unterqualifiziert“. Notwendig sei daher eine drastische Neuorganisation des Lehramtsstudiums. Becker plädiert dafür, die Lehrerausbildung in zwei Bereiche zu teilen: in ein wissenschaftliches Studium an der Universität und in eine außeruniversitäre Berufsausbildung an eigens hierfür eingerichteten pädagogischen Zentren.
Notwendig scheint daneben auch eine grundlegende Reform der Schulmodelle. Denn um das nächste „Pisa“-Desaster zu vermeiden, muss, so der Hamburger Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Peter Struck, auch die grundlegende Struktur unserer heutigen Schulform überdacht werden. Als zukunftsweisende Modelle gelten hier die Schulen der skandinavischen Länder.
In Finnland etwa bleiben Kinder nach der Einschulung neun Jahre im gleichen Klassenverband, in Dänemark und Schweden sind es zehn. Im Anschluss daran besucht etwa die Hälfte der finnischen Schüler das Gymnasium, die andere Hälfte beginnt eine Berufsausbildung. Für Struck eine ideale Unterrichtsstruktur: "In Deutschland haben wir die kürzeste Grundschule der Welt mit vier Jahren. Die schnelle Umschulung führt zu einer viel zu frühen Streuung. Schlechte Schüler werden frühzeitig abgekoppelt, anstatt von guten Schülern mitgerissen zu werden. Das führt zu Demotivation".
Weiterer Pluspunkt der Bildungsschmieden aus dem hohen Norden: eine andere Fehlerkultur. "Kinder lernen am besten durch Ausprobieren und Fehlermachen, und in Skandinavien gibt es schmale Lehrpläne und viel Platz für Übungen", so Struck. Dadurch werde selbständiges Handeln und Lernen trainiert - ganz im Gegensatz zu Deutschlands Schulen, wo noch immer „preußischer Perfektionismus daran Schuld sei, dass unsere Lehrpläne voller sind als in jedem anderen Land dieser Welt, so dass für Übungen im Unterricht kaum Platz bleiben".
Das ist für den Erziehungswissenschaftlers auch der Grund, weshalb deutsche Schüler in der Pisa-Studie bei Punkten wie Erkundungskompetenz (selbständiges Erwerben von Informationen) und vernetzendes Denken (Anwendung von Wissen in Alltagssituationen) so schlecht abgeschnitten hätten - denn selbständiges Denken bleibt bei Lehrplänen, die aus der Zeit der Schiefertafel und des Rohrstocks stammen, eben auf der Strecke.
Evaluation
Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Schule von morgen ist die Unterrichts-Evaluation - eine kontinuierliche Überprüfung der Erfolge neuer Lehrmodelle durch Schulbehörden, Lehrer und Schüler. Denn Eltern und "Opfer" der "Mengenlehrenjahre" der späten 60er und 70er können noch ein Lied davon singen: Wütete wieder einmal der Reformeifer in deutschen Landen, wurden keine halben Sachen gemacht. Das Problem bei der Sache: Die oft vorschnell glorifizierten Ansätze wurden nicht genügend auf ihre Praxistauglichkeit getestet - sondern einfach von oben „verordnet“. Abhilfe würde hier eine verstärkte (oder überhaupt erst einmal eingeführte) Evaluation bringen. Ob ganzheitlicher Unterricht oder die "Laptop-Schule" - alle neuen Ideen und Modellversuche sollten nur mit begleitender Beurteilung durch Lehrpersonal und Schüler durchgeführt werden.
Die Ganztagsschule - der Freibrief für vielbeschäftigte Eltern?
Die Schwarzen Peter der Bildungskatastrophe waren „post Pisa“ schnell verteilt: reformbedürftige Schulen, schlappe Lehrer und überladene Lehrpläne. Neue Lehrpläne und Ganztagsschulen sollen nun gut machen, was dem deutschen Denkernachwuchs im internationalen Vergleich so schmählich abgeht: die Fähigkeit, einfache Texte zu verstehen, kreativ zu denken und vorhandenes Wissen mit Neuem zu kombinieren. Ausgeklammert bei der großen deutschen Bildungsoffensive scheint dabei die Frage nach der Elternverantwortung.
Denn weder Ganztagsschule noch computergesteuerter Projektunterricht noch bahnbrechende pädagogische Konzepten können wettmachen, wenn zuhause die elementarste Voraussetzung für eine gesunde psychische Entwicklung fehlt: Zuwendung.
Mussten Lehrer vor zwanzig Jahren mit ein bis zwei schwierigen Schülern pro Klasse rechnen, sind es heute fünf oder sechs. Kinderärzte attestieren immer öfter Hyperaktivität und Konzentrationsschwächen. Logopäden berichten von dramatischen Zunahmen an Sprachstörungen im Kinder- und Jugendalter. Nach einer Studie der WHO (Health Behaviour in School-Aged Children Survey 1997/98) gehören deutsche Kinder zu den müdesten in Europa. Die ebenfalls von der Studie ermittelten Gründe: hoher Fernsehkonsum (bis zu dreieinhalb Stunden täglich), ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung. Auch Depressionen sowie der Gebrauch psychoaktiver Substanzen sind zu beobachten.
Angesichts dessen bleibt zu fragen: Muss eine "Bildungsoffensive" nicht auch im Elternhaus ansetzen? Denn Schule kann nicht gutmachen, was zuhause versäumt wird. Und selbst der engagierteste Pädagoge kommt nicht gegen eine Zuhause an, in dem sich das Maß der elterlichen Zuwendung im Aushändigen von Tiefkühlpizza und Fernbedienung erschöpft. Der deutsche Lehrerverband wandte sich daher im Mai 2001 mit einem dringenden Appell an die Eltern: "Bildungsoffensiven", heißt es darin, "sind nur denkbar, wenn sie von den Eltern zu Hause durch aktives Erziehen mitgetragen werden".
Fazit
Wissen ist heute eine der wichtigsten Ressourcen und die entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung einer Gesellschaft. Den Schulen kommt somit eine bedeutsame Aufgabe zu: den Bürgern von morgen beizubringen, wie man lernt, Wissen erfasst, ordnet und bewertet. Darüber hinaus aber sollte die Schule der Zukunft ihren Schüler auch psychologisches und soziales Rüstwerkzeug mitgeben - für einen Weg, der im dritten Jahrtausend in eine zunehmend konfliktreiche und in ihren Strukturen immer komplexere Welt führen wird.
Andererseits aber muss verhindert werden, dass eine Vielzahl gesellschaftlicher Probleme einfach auf die Bildungsanstalten abgewälzt werden. Denn Schulen und Lehrerpersonal sind nicht die pädagogischen Alleskönner, als die sie gern gesehen werden. Lehrkräfte sind Profis im Unterrichten. Doch sie sind keine Experten für Gewaltprävention - oder für die Folgen einer kommerzialisierten Kindheit.



