Erziehung: Wann und wie sollten Kinder lesen lernen?
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Erziehung: Wann und wie sollten Kinder lesen lernen?

Bild: Foto: Burkhard Mücke, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Früher als man denkt: Studien zeigen, dass schon Dreijährige ein gewisses Verständnis für Buchstaben und geschriebene Worte entwickeln können. Um dies zu fördern, raten Experten zum Vorlesen bereits im Vorschulalter. So erleichtert man dem Nachwuchs später das Lesen- und Schreibenlernen in der Schule - und bekommt viele Stunden Familienspaß gratis dazu.

Sprache ist ein Kernaspekt unseres Alltags. Was wir Erwachsenen längst verinnerlicht haben, steht unseren Kindern noch bevor. Damit der Nachwuchs in unserer schnelllebigen und erfolgsorientierten Gesellschaft nicht ins Hintertreffen gerät, sollte er so früh wie möglich an Buchstaben und das geschriebene Wort herangeführt werden. Am besten schon im Vorschulalter mit ein bis zwei Jahren. Aber bitte, ohne das Gefühl von Zwang zu vermitteln oder das Kind unter Leistungsdruck zu setzen. Gar nicht so einfach, da den richtigen Weg zu finden. Wie also gelingt die erfolgreiche Herangehensweise an die Themen Spracherwerb und Lesen? Und wie profitieren unsere Kinder von frühzeitigem "Training"?

Gefühl für Worte

Ab welchem Alter können wir Kindern überhaupt zumuten, Lesen zu lernen? Oft werden die Kleinen im letzten Kindergarten-Jahr mit ersten Leseerfahrungen konfrontiert, manchmal sogar erst mit Eintritt in die Grundschule im sechsten oder siebten Lebensjahr. Das ist viel verschenkte Zeit, meinen Forscher einer US-Studie. Sie haben Hinweise darauf gefunden, dass schon Dreijährige in der Lage sind, geschriebene Wörter wiederzuerkennen.

In Ihrer Studie gaben die Forscher ihren kleinen Probanden Bilder, zum Beispiel von einem gezeichneten Stoffhund, und sagten dann in einem Wort, was darauf zu sehen war. Statt mit "Hund" bezeichneten sie das Bild manchmal aber auch mit "Kuscheltier" oder gaben dem abgebildeten Vierbeiner den Namen "Spot". Dies alles wurde von den Kindern ohne Anzeichen von Skepsis akzeptiert. Wenn die Studienleiter ihnen jedoch statt es Bildes einen Zettel mit der Aufschrift "Hund" zeigten, erkannten viele der drei- bis fünfjährigen Kinder, dass die Aussprache "Kuscheltier" nicht zu dem geschriebenen Wort auf dem Zettel passte.

"Kinder haben schon vor dem Vorschulalter ein gewisses Verständnis davon, dass geschriebene Wörter anders als Zeichnungen spezifische Ausdrücke repräsentieren. Das zeigt, dass das Wissen von kleinen Kindern über den Sinn des geschriebenen Worts deutlich höher entwickelt ist als angenommen," fasst Lori Markson, eine der Autorinnen der Studie, zusammen.

Wir können unseren Kindern also möglicherweise mehr zutrauen als gedacht. Natürlich darf niemand erwarten, dass der Nachwuchs schon im Vorschulalter selbstständig ganze Sätze liest. Aber wir können Kindern beiläufig, ungezwungen und spielerisch ein erstes Gefühl für Buchstaben und das geschriebene Wort vermitteln. Das naheliegende Geheimrezept dazu sind natürlich Bücher.

Vorlesen im Vorschulalter

Wer seinen Kindern regelmäßig vorliest, bringt sich und den Kleinen nicht nur eine Menge Spaß, sondern bereitet sie auch ganz nebenbei auf das Lernen von Lesen und Schreiben vor. Das haben kürzlich auch Psychologen der Technischen Universität Kaiserslautern bestätigt. Mit Kindern zwischen drei und fünf Jahren machten sie den Test: Einigen Kindern wurde zu Hause oder im Kindergarten regelmäßig vorgelesen, wobei sie auch zum miterzählen animiert wurden, während andere keine besondere Lesezeit bekamen.

Der Vergleich nach sechs Monaten zeigte, dass Kinder der Vorlese-Gruppen einen stärker gewachsenen aktiven Wortschatz hatten als die Kinder ohne zusätzliche Lesezeit. Und mehr noch: Auch die Vertrautheit mit Buchstaben war durch den regelmäßigen Kontakt zu Büchern erkennbar größer. So waren die Kinder besser in der Lage, Buchstaben von buchstabenähnlichen Zeichen zu unterscheiden.

"Ohne die Buchstaben unbedingt nennen zu können, entwickeln die Kinder ein Bewusstsein für die Form und die Rolle von Buchstaben", erklärt Patricia Wesseling, die die Studie mitbetreut hat. "Damit konnte zum ersten Mal gezeigt werden, dass regelmäßiges individuelles Vorlesen die Entwicklung von Vorläuferfertigkeiten für den Schriftspracherwerb fördert."

Vorlesen 2.0

Die Art, wie man vorliest, ist entscheidend bei der Förderung des Nachwuchses. Das klassische Vorlesen, bei dem der Erwachsene erzählt und das Kind möglichst still ist und zuhört, gehört längst der Vergangenheit an. Heutzutage wird dialogisch vorgelesen. Damit ist gemeint, dass wir Erwachsenen das Kind dazu animieren, selbst zu erzählen, Fragen zu stellen und über das Gesagte und Gezeigte zu sprechen.

Wir sind dann nur "aktiver Zuhörer" und halten das Gespräch durch kleine Nachfragen am Laufen. Dies können einfache Fragen sein, wie "Wer ist das?" oder bei älteren Kindern entsprechend offenere Fragen wie "Was glaubst du, wo der Hund hin will?" oder "Wie geht die Geschichte wohl weiter?". Diese regen die Fantasie des Kindes an und fördern den natürlichen Umgang mit der Sprache.

Spaß muss sein

Wichtig ist, dass immer der Spaß im Vordergrund steht. Kinder möchten genauso wenig ständig mit Fragen durchlöchert werden, wie wir selbst. Die Lesezeit soll eine angenehme, positive Zeit für Kinder und Erwachsene sein. Sprachliche Fehler der Kleinen sollten nicht mit vorwurfsvollem Unterton verbessert werden. Wenn das Kind etwa sagt: "Da. Hund Ball spielen." Bestätigen wir einfach die Aussage, indem wir das Gesagte korrigiert wiederholen: "Ja, richtig, der Hund spielt mit dem Ball." So lernt das Kind ganz ungezwungen die korrekte Sprache.

Gerade bei sehr jungen Kindern sollten wir darauf achten, weder zu kompliziert zu reden, noch in "Babysprache" zu verfallen. Zwar schadet es nicht, wenn der Hund anfangs noch der "Wau Wau" ist, aber wer von Beginn an die richtigen Begriffe verwendet, erspart dem Kind das spätere Umlernen. Der Nachwuchs kann nämlich durchaus mit scheinbar schwereren Worten zurechtkommen, auch wenn der "Hund" vielleicht erst nur ein "Hunn" ist.

Man könnte über das richtige Vorlesen sicher ganze Bücher wälzen, aber die wichtigsten Punkte lassen sich leicht aufzählen und sind eigentlich selbstverständlich. Grundsätzlich sollte man sich bei der Auswahl des Lesestoffs an den Interessen des Kindes orientieren und das Kind für Fortschritte und seine Beiträge zum Erzählten loben. Vor allem aber sollte man die gemeinsame Zeit genießen und zusammen Spaß haben. Dann lernt es sich am besten.

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